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Volume Heft 4

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illustrirtrs Panorama. 
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pfing sie mich; „was sagen Sie zu dem Wetter? Mein 
Mann sagt, eS müsse sich aufklären." 
Ich war überzeugt, daß der arme Gatte diese Hoffnung 
ausgesprochen, um nicht auch noch im Hause böses Wetter 
zu haben, und entgegnete, daß ich mit den: Fernrohre bereits 
einen blauen Fleck am Himmel bemerkt. 
„Zur Noth können wir in den Sälen des Wirthshauses 
speisen, die Fenster öffnen und die frische Luft der Wälder 
im Zimmer einathmen. Geben Sie mir Ihren Arm, Herr 
Doctvr- Ich bin es eigentlich dem Steuerrath schuldig, aber 
er ist zu steif zum Cavalier. Wir wollen uns ja amüsiren, 
da muß die Etikette zu Hause bleiben. — Mann, Gatte — 
wo ist mein Shawl? Du bist heute so zerstreut. — Ach, 
Herr Doctvr, warum hat Berlin keine Berge, keine Thäler, 
keine Triften! Sie glauben nicht, wie ich für Romantik 
schwärme. Jottlieb, das ist nicht mein Shawl, der gehört 
der Frau Oberamtmann. Du hast Deine Augen bei den 
schönen Damen, loser Schalk — nun, heute will ich es ver 
zeihen — Freiheit der Gedanken und Gefühle! Schwärmen 
Sie auch für Freiheit, Herr Doctor?" 
„Nein, Gnädigste, ich bin lieber in süßen Ketten!" 
„Ei, ei, Doctorchen, Sie sind gefährlich!" flüsterte sie 
mit einem Blicke der Verheißung, drückte mit ihrem fetten 
Arme den meinigen und nahm von ihrem transpirirenden 
Gatten den dargebotenen Shawl. 
Nun ging's die Treppe hinab mit einem Lärmen, als 
zögen die Juden in's gelobte Land. Der Wagen war sehr 
groß — ich habe freilich niemals Sinn dafür gehabt, den 
Kuhikinhalt leerer Räume zu messen — aber, wo diese Ge 
sellschaft Platz in ihm finden sollte, war mir noch unerklär 
lich. Der mit einem Zeltdach überspannte Wagenkasten hatte 
vier Reihen Sitze, die mit der Bank des Kutschers nach mei 
ner Rechnung höchstens 16 bis 18 Personen fassen konnten. 
Es waren jedoch 28, die hinaus nach Mekka zogen. Das 
Einpacken begann. Dame Eulalia ließ sich von mir auf den 
Kulscherbock heben, der Kutscher wurde herabgedrängt, um 
auf dem Deichselbrette Platz zu nehmen. Eulalia nahm mich 
auf ihre Seite, zu meiner anderen Nachbarin war von ihr 
ein stilles Fräulein ersehen worden, eine Dame, die das Gna- 
denbrod in dem häuslichen Kreise der Frau Müller erhielt, 
eines jener Wesen, die überall und nirgends, Prachtausgaben 
anspruchsloser Bescheidenheit. Wer kennt sie nicht! Wer hat 
nicht im Hause der Mutter ein Fräulein gesehen, das nicht 
alt, nicht jung, nicht schön, nicht häßlich, von Jedermann 
wegwerfend „liebe So und So" titulirt wird, das alle Klatsch 
geschichten kennt, nur redet, wenn es gefragt wird, lange 
Locken trägt und nur ein Stück Zucker nimmt und Kuchen 
nur dann, wenn es wirklich genöthigt wird; jenes Fräu 
lein, das Ammen und Köchinnen besorgt, an Allem Theil 
nimmt, was die Familie angeht, nur hört und sieht, was es 
hören und sehen darf! Doch genug von Sidonia Purzel — 
man darf ihr ja keine Aufmerksamkeit schenken, ohne sie in 
Verlegenheit zu setzen. Neben ihr setzen sich noch auf die 
selbe Bank eine reiche Witwe mit kostbaren Zähnen, der 
„Baron" und der Steuerrath, Letzterer, weil er mit der Kö 
nigin des Festes doch wenigstens auf einer Bank sitzen will. 
Fräulein Sidonie läßt sich zerquetschen, das ist ihre Pflicht, 
sie würde auch stehend fahren, wenn es der Anstand erlaubte; 
aber so berührt nur eine Idee von ihr das Polster und den 
noch fragt die Witwe, ob sie nicht noch mehr nach links 
rücken könne. Ich bin bereits halb unter der blauen Robe 
Eulaliens verschwunden, aber sie ernruthigt mich, näher zu 
rücken. „Wir werden eng sitzen," flüstert sie, „aber das ist 
doch noch gemüthlicher, als wenn wir zwei Wagen genom 
men hätten. Die Gesellschaft muß bei einander bleiben." 
^ _ Sie war bei einander, das Gekicher der Damen, das 
Stöhnen der älteren Herren und die befriedigten Blicke der 
jüngeren verriethen es. Der Kutscher ließ die Peitsche knal 
len, die Rosse zogen an und die schwere Fracht rasselte über 
| das Pflaster. „Es war doch eine jottvolle Idee!" sagte 
l Eulalia, deren Reize sich der Länge nach mit mir befreun 
deten. „Bei so einer Landparthie lernt der Mensch den Men 
schen kennen, da ergeht sich die innerste Natur. Machen 
Sie oft Landparthieen, Herr Doctor?" 
„Nein, gnädigste Frau — ich muß sogar gestehen, daß 
ich die Umgegend Berlins noch gar nicht kenne." 
„Dann haben Sie noch nicht gelebt. Ich schwärme für 
Landparthieen, ich verstehe nicht, wie Sie, ein gebildeter jun 
ger Mann, in dem großen Berlin als Einsiedler leben 
können." 
„Es fehlte mir bisher an Damenbekanntschaften." 
Eulalia schaute mir forschend in's Auge. „Sie haben 
doch schon geliebt?" 
„Nein, aber ich fange au, meinen Fehler zu bereuen, 
vielleicht gelingt's mir noch, ihn wieder gut zu machen." 
Der Baron flüsterte in diesem Momente der Witwe zu: 
„Sie müssen die Meine werden, sonst schieße ich mich 
todt." 
„Närrchen!" hauchte die Witwe zu ihm hinüber. 
Eulalia drückte meinen Arm und flüsterte: „Doctorchen, 
ich hätte Sie in den Wagen zu den jungen Damen setzen 
sollen." 
„So grausam, schöne Frau?" 
Eulalia wurde roth. „Sprechen wir von anderen Din 
gen!" flüsterte sie mit einem bedeutsamen Blicke auf Fräu 
lein Sidonie. — „Sie kennen also die Umgegend von Ber 
lin noch nicht? Sie haben noch nie Aale und Jurkensalat 
in Stralau gegessen, kein Feuerwerk in Treptow gesehen? 
Wir fahren sehr häufig in's Freie. Am schönsten ist es in 
den Pichelsbergen. Da läßt man sich über's Wasser setzen, 
kocht sich Caffee im Freien, lagert sich im Grünen und schaut 
über's Wasser. Auf dem Rückwege kehrt man im Bock ein 
und ergötzt sich an den Belustigungen der niedrigeren Klas 
sen. Im Saatwinkel ist es auch schön, im Grunewald 
noch schöner, in Schultzendorf am schönsten, aber da ist kein 
Wasser." 
„Und wo fahren wir heute hin, wenn ich fragen 
darf?" 
„Nach den Pichelsbergen. Wissen Sie das noch nicht?" 
Der Wagen fuhr durch eine trostlos öde Gegend. Der 
Regen hatte nachgelassen, es schien wirklich noch gutes Wet 
ter zu werden, aber trotz der Regengüsse von gestern und 
heute versank der schwere Wagen fast in dem tiefen Sande 
unter der Kothdecke. „Dort sind schon die Berge!" rief 
Eulalia jubelnd und der Chorus aus dem Wagen stimmte 
ein. Ich bedauerte, kein Fernrohr bei mir zu haben, um 
das Gebirge zu sehen. Immer tiefer ward der Sand, das 
langweilige Nadelholz wollte nicht enden. Herr Müller öff 
nete einen Korb, den er auf dem Schooße sorgsam gehalten, 
und ließ eine Flasche mit der Etikette „Portwein" von Hand 
zu Hand gehen. Ein Trinkbecher folgte. Als ich die Flasche 
erhielt — es war bereits die dritte, denn zwei waren unter 
wegs leer geworden und unter lautem Jubel in den Wald 
geworfen — schenkte ich Eulalien ein. Sie trank ganz 
munter den ziemlich großen Becher aus, nahm dann die 
Flasche, goß mir ein und reichte mir den Becher. Ihr Blick 
bezeichnete die Stelle, die ihre Lippen berührt hatten. War 
es. die Berührung dieser „jeistreichen Lippe" oder war es 
„Pichelsberger Schattenseite", das Zeug 'schmeckte wie süßlicher 
Spiritus. Mit boshafter Freude gab ich die Flasche weiter, 
Fräulein Sidonie, die Witwe, den Baron und den Steuer 
rath zu berauschen. Das Gekicher im Wagen erhielt schon 
einen spirituosen Charakter. Eulalia glühte, die Witwe ließ 
schmachtend die Lippen hängen. 
Der Wagen fuhr bergan, rechts sahen wir Wasser, links 
vor uns aus dem Sandberge ein sehr gewöhnliches Wirths 
haus — wir waren zur Stelle. 
(Schluß in Lief. 5.)
	        
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