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Volume Heft 1

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illustrirtes Panorama 
11 
DITstscom 
Novelle »oh A. 
I. 
Wen» man zu Schiss nach Schweden will, und oberhalb 
Gotland und Sandön die Küste in Sicht hat, löst sich, je 
näher man kommt, von den Küsten von Södertor und Ros 
lag ei» ganzes Volk von Inseln los, durch das sich, selbst 
unter kundiger Führung des Lootsen, die Schiffe nur mit 
Gefahr im Zickzack winden, um in das breite, huchtenreichc 
Kanalfahrwasser einlaufen zn können, welches den Mälarsee 
mit dem Meere vereint und an dessen Ufern, aus dessen In 
sel» und Halbinseln in malerischer Schöne Stockholm am 
Horizonte emporsteigt. Im Winter, der in diesen hohen 
Breitengraden säst neun Monate lang andauert, ist das 
Einlaufen der Segler ganz unmöglich, denn die zackigten 
Ufer mit ihren Inseln, Kanälen und Riffen, bezeichnend genug 
„Die Scheeren" genannt, sind dann durch eine starre, wilde 
Brücke von Eis verbunden, welches sich weit hinaus in's 
Meer wie ein Bollwerk dehnt, mitunter den Kontinent mit der 
nordischen Halbinsel zu verbinden trachtet, stets aber Handel 
und Wandel in starre Fesseln legt. 
Kein Winter aber wurde härter für Schweden, zugleich 
unheilvoller, als der des Jahres 1718. Obwohl man bereits 
zum Monat März vorgerückt war, schien die weite Schöpfung 
noch immer zu dem fürchterlichen Erstarrungstode verdammt, 
der selbst die, an Eis und Kälte gewöhnten Nordländer in 
Furcht setzt. 
Die scheidende Sonne schwebt in engem Cirkellaufe über 
dem Horizonte, ohne sich majestätisch zu erheben. Strahlen 
los und blutigtrübe scheint sie durch den Schneenebel, einerlei 
und ewig, selbst während eines Theils der Nacht, sie gleicht 
einem verzweifelten Geiste, der nie Ruhe finden kann, und 
nach kurzem Halbschlummer schon vor Tage wiederkehren 
muß. — Die Abendglocke von St. Warfret klingt bereits 
über den östlichen Kanal nach dem Beckholm und Castellholm 
hinüber, treibt die Schlitten und Schlittschuhläufer, welche 
über den gesrornen MeereSarm hinhuschen, heim und vertönt 
endlich in Waldemars Udden, einer vorspringenden Halbin 
sel, unter den dunklen, stillen Laubwipseln des Thiergartens. 
- Bon den Gebäuden, welche, südlich des Parks, diese 
Halbinsel verstreut bedecken, nimmt vorn an der Spitze der 
selbe» ein Haus die Aufmerksamkeit in Anspruch, das für 
ein Palais zu klein und unfreundlich, für ein bürgerliches 
Wohnhaus nach damaligen Begriffen zu vornehm war. Es 
stand in einem kleinen Parke, der rückwärts an den Thier 
garten gränzte, hatte einen Vorplatz, welcher nach der Wasser 
seite lag und glich einem Castell, denn es bestand aus einem 
viereckigen großen Thurme und einem zweistöckigen Anbau. 
Das eiserne Gitter, welches besagtes Grundstück nach dem 
Ufer zn abschloß, wie die gothische Thüre des Thurmes, die 
einzige, welche in das Hans zu führen schien, trugen ein 
vergoldetes Wappen, aus dessen Helme das Georgen-Kreuz, 
von. Stechpalmzweigen umgeben, hervorsprang, in dessen ein 
zigem blauen Felde ein schwarzer Stern stand mit der Divise: 
„Since clear!'‘ — „Einst hell!" 
Dieser Adelssitz, so entfernt er vom Mittelpunkte der 
Residenz, dem Riddarholm, auch lag, mochte vordem glän 
zend und geräuschvoll genug gewesen sein, jetzt aber schien 
offenbar das Gebäude für seine Bewohner zu groß und trug 
vielfache Spuren der Vernachlässigung. Die Schnee- und 
Eismassen umher ließen es fast ruinenbaft-melancholisch er 
scheinen. — Das Innere zeigte diese trübe Stimmung noch 
mehr, ja, eine gewisse Rauhbeit, Wildheit der Lebensform, 
eine schroffe Dürftigkeit, wie sie die übrige Aristokratie Schwe 
dens nicht kannte, welche sich gern mit einem Glanze umgab, 
zu dem Ludwig XIV. den Ton angegeben. 
Stncsatr. 
E. Brachvogel. 
Trat man durch die Thür besagten Thurmes, so stand 
man in einer großen, steinernen Halle, aus welcher links ein 
Bogen unmittelbar iu die riesige Küche des angebauten Flü 
gels und diverse Wirthschaftsräume führte, die unter der 
Herrschaft Nancys, einer mürrischen Person standen, welche 
Köchin, Stubenmagd, Kastellanin, Dame des Hauses, kurz 
Alles vorzustellen schien und auch deshalb, wie zahlreiche 
Spinnweben bewiesen, sich ihre Pflichten möglichst leicht zu 
machen wußte. Erstieg man die Steintreppe, welche ans der 
Halle emporführte, so gelangte man int Oberstock links in 
einen Korridor, rechts aber zu einer eichenen Thür, die in 
ein Zimmer führte, welches dem jetzigen Gebieter zum aus 
schließlichen Aufenthalte diente. Die beiden Fenster des Ge 
machs sahen auf den Park, den Hof und die Ställe. Es 
ward durch das fantastisch-flackernde Kaminfeuer und die bei 
den Wachskerzen des silbernen Armleuchters erhellt, die ihren 
ungewissen Schein durch den stillen, altväterischen Raum 
warfen dessen Wände verblichene gepreßte Ledertapeten zierten, 
deren von Alter und Kaminrauch geschwärzte Arabesken 
schnörkel von zahlreichen Waffenstücken aller Art verdeckt 
wurden, welche man mit wenig Geschmack überall gruppirt 
hatte. In Mitte dieser Armaturen fiel das fast lebensgroße 
Bild einer stolzen, schönen, fast wildblickenden Frau in schot 
tischer Hochlandstracht auf, deren dunkle Locken im Winde 
hin und her flatterten und die, ein neugeborenes Kind an ihrer 
weißen Brust tränkend, in der Rechten ein Pistol hielt, mit 
welchem sie nach dem Kampfgetümmel im Hintergründe deu 
tete/ Ueber ihrem Haupte schwebte in einer Art Wolke der 
goldene Sinnspruch „pro rege“, und den oberen Rand des 
goldenen Rahmens zierte dasselbe Wappen, welches das Thor 
wie das Gatter des alten Gebäudes schmückte. Das sonstige 
Mobiliar war mehr als einfach. Ein Schenktisch von Ei 
chenholz, ein runder Tisch in der Mitte, ein Sorgenstnhl 
am Fenster, ein paar Sessel, und endlich ein weites Him 
melbett, dessen alte, blauseidene Vorhänge zurückgeschoben 
waren, vollendeten den Hausrath, zu welchem sich Arzuei- 
gläser, ein paar Bücher und Landkarten nebst dem Schreib 
zeuge gesellten. 
Auf dem Bett, mit einem Plaid zugedeckt, liegt ein 
Greis, hager, gebräunt, herkulischen Wuchses, iu düsterer 
Schweigsamkeit. Bald schließt er, wie erschöpft, das Auge, 
bald reißt er es, wie tut Schreck, weit auf und hebt das 
Haupt, oder er wendet, in langes Sinnen verloren, den Blick 
zum Bilde jener schönen, kriegerischen Frau und läßt ihn 
dann schmerzvoll abwärts gleiten zu dem zottigen Bärenfell 
vor seinein Bett, auf dem ein sechszehnjähriger Knabe hockt, 
jener Dame im Bilde ähnlich wie ein Ei dem anderen, nur 
wilder, sehniger, dessen Gestalt in der Hochlandstracht mit 
dem blitzenden Dolchmesser noch fanstatischer, kecker erscheint. 
Der Knabe sitzt stumm und betrachtet den Kranken unver 
wandten Blicks, als könne er an seinen Zügen sich nimmer 
satt sehen. Aber beim leisesten Geräusche von' Außen fährt er 
empor und legt die Hand an den Dolchgriff, wie wenn er 
Gefahr besorge. Ein ältlicher Diener, Andrews, Nancys 
Gatttc, sitzt iu sich versunken auf dem Schemel bei der 
Thür. 
Der letzte fahle Tagesschein, welcher noch an den Fen 
stern gespielt, erbleicht, der Kranke wird immer unruhiger. — 
„Andrews, hörst du Nichts?" ruft er. 
Der Diener springt auf und horcht. — „Nein, Herr!" 
„Es ist Alles still draußen, Vater," versicherte der 
Knabe. 
„Was ist's an der Zeit, Malcom?" — 
Der Knabe steht auf, schreitet zum Leuchter, zieht eine 
2*
	        
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