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Volume Heft 3

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUustrirtes Panarama. 
nicht zu, es waren Worte und Gedanken, die Jeder schon 
vorher kannte, aber was sie wirklich dachten, das sagten sie 
nicht. Nur wenn die glockenreinen Töne des kostbaren 
Flügels sich hören ließen, wenn die Musik rauschte wie ein 
wogender, brausender, unaufhaltsamer Strom, der mit Riesen- 
gewalt die Eisdecke sprengt, oder wenn die Töne leise klagten 
und sich sanft und süß hiueinstahlen in die Brust des Men 
schen, und ihm traulich erzählten von vergangenen schönen 
Tagen, nur dann sah ich, wie die Maske des gesellschaftlichen 
Lebens unbemerkt von den Gesichtszügen wich, wie das dunkle 
braune Auge des blühenden jungen Mädchens glühte, und 
ein seliges Lächeln ihren Mund umspielte, wie der Jüngling 
still und ernst vor sich hinschaute, wohl an sein Ziel, an den 
leuchtenden Stern seines Lebens dachte; wie die alten Herren 
ruhig lächelten, an alte und neue Zeiten und an die Ver 
gänglichkeit der Freuden dachten, wie die alten Damen unbe 
merkt ihr Auge über die Gesellschaft schweifen ließen, und 
die verschiedenen Toiletten auf das Genaueste musterten. Aber 
froh und glücklich sah ich Keinen bei all' der Pracht, bei all' 
dem Glanz und Reichthum, und hätte ich gekonnt, ich hätte 
gegähnt, wie die ganze Gesellschaft. 
Nur manchmal war's mir nicht langweilig in dem pracht 
vollen Saale. Wenn die reichen Leute ausgegangen waren, 
wenn Alles mäuschenstill im Hause, und die Dienerschaft 
nicht ewig hin und her lief, dann kam die Nichte des Kauf 
manns, die er aus Erbarmen aufgenommen, und setzte sich 
auf mein Polster. Sie brachte immer ein Buch mit rothem 
Einband, darin las sie; aber was darin stand, hab' ich nie 
erfahren, nur soviel weiß ich, sie war glücklich, wenn sie hin 
ein schaute, denn ihr rosenrothes Mündchen lächelte, und ihre 
weiße kleine Hand hielt den reizenden Kopf gestützt, als wäre 
er ganz voll von gewichtigen Gedanken; aber so eifrjg las 
sie gar nicht, wie ich zuerst dachte, denn oft sah sie auf das 
erste weiße Blatt, und was darauf stand, das weiß ich, denn 
sie hat es oft halblaut gelesen, nämlich da stand „Ernst sei 
nem lieben Clärchen". Aber was dabei groß zu denken war, 
das weiß ich nicht, und kann auch nicht begreifen, weshalb 
sie das so oft und so verschieden gelesen; denn bald betonte 
sie „Ernst" und sprach's so wehmüthig aus, bald hob sie 
„seinem" hervor, und am allermeisten sprach sie das „lieben" 
so lang, so sehnsüchtig und doch so freudig aus, daß sie ge 
wiß Jeder geküßt hätte, der dabei gewesen wäre. 
An einem schönen Sommerabeude, als der Mond recht 
klar durch die großen Scheiben fiel, war's wieder ganz still 
im Hause, und ich fürchtete schon, das liebe Kind würde 
nicht kommen. Da ging die Thür auf, und sie kam doch, 
kam am Arme eines schönen jungen Mannes, den ich noch 
nie gesehen. Und wieder setzte sie sich auf mein Polster, und 
der junge Mann setzte sich ihr zu Füßen. Und der Mond 
beschien seine hohe klare Stirn, und sein großes schönes Auge 
schaute auf das Mädchen. Er hielt ihre Hand fest in der 
seinen, und ihr Herzchen bebte, daß ich's fühlte, bebte wie 
die Wasserlilie, wenn leise der Wind den klaren See bewegt. 
„Mein Clärchen!" rief er, „sieh, jetzt bist Du mein auf alle 
Zeit, mein Ziel ist erreicht, der Oheim hat eingewilligt; 
Clärchen, Clärchen!" Und sie neigte sich zu ihm, und sah ihn 
an mit ihren milden Angen, himmlische Röthe färbte ihre 
Wangen; sie lehnte ihr Köpfchen auf seine Schulter, doch 
er zog sie näher zu sich, immer näher, his sie Lippe an Lippe 
ruhten in dem langen seligen ersten Liebeskuß! Und was sie 
da gesagt, und wie sie sich die Hände drückten, wie sie sich 
wieder küßten, und wieder und wieder, das kann ich armer 
alter Lehnstuhl nicht erzählen, als sie sich aber trennten, da 
hatten sie Thränen in den Augen, Thränen der Freude, der 
Seligkeit, sie wollten es zwar einander nicht zeigen, aber der 
schelmische Mond schien ihnen gerad' in die Augen, daß die 
Thräne blinkte wie ein Diamantstein. War das wohl böse 
vom Mond, sie so zu verrathen? Gewiß nicht; er wollte 
ihnen nur sagen: Kinder, ihr müßt nichts vor einander ge 
heim haben, auch die Thräne nicht! 
Was weiter mit ihnen geworden, das weiß ich nicht, 
und wie ich in'den Besitz eines Gefängniß-Directors gera 
then, das weiß ich auch nicht. Kurz, ich war da in seinem 
großen Verhörzimmer, und manchmal hat er auf mir gesessen, 
und mit rauher ernster Stimme Recht gesprochen, und Be 
fehle gegeben. Nie hab' ich ein Lächeln über sein ernstes 
männlich schönes Gesicht gleiten sehen, die Sorge und der 
Kummer hatten seine Stirn tief gefurcht, aber er saß trotz 
der grauen Haare kerzengerade, wie ehemals, als er seine 
Soldaten commandirte, und hätte nicht aus dem Auge die 
Milde geleuchtet, man hätte ihn für einen recht harten Mann 
halten müssen. Was für Menschen bekam ich da zu sehen, 
wie verschieden von denen im Salon des reichen Kaufmanns! 
Gesichter, fahl und mager von langer Gefäugnißstrafe, andere 
gedunsen und von Leidenschaften zerwühlt, noch andere stunrpf, 
fast thierisch, aus denen das blöde Auge ekelhaft in's Leere 
stierte. Doch alle behandelte er gleich, nie wurde seine ernste 
Stimme weich, nie ließ sie sich hinreißen zu heftigen Aus 
drücken; ich glaube, der Mensch hatte Gefühl für Alle, er 
schien zu wähnen, daß Keiner unverbesserlich sei. 
Doch eines Abends, als ich so ganz allein stand im 
öden leeren Zimmer vor dem grünen Tisch, trat er hastig 
ein, ich sah ihn zum ersten Male erregt. Seine sonst so 
bleiche Wange war geröthet, sein Auge blickte unruhig, die 
Lippen waren eng aufeinandergepreßt, seine Brust wogte, als 
wollte sie zerspringen. Er setzte sich, und fuhr mit der Hand 
über Augen und Stirne, gleich, als wollte er sich sammeln 
zu einem großen Unternehmen. Endlich klingelte er; ein Auf 
seher trat ein. „Sie mögen ihn bringen," sagte er mit ge 
dämpfter Stimme, stand auf und ging einige Male durch 
das Zimmer. Die Thür that sich wieder auf, herein trat ein 
Mann in Ketten, gefolgt von mehreren Beamten und Wärtern. 
Der Director stellte sich an den Tisch; ich glaube, er zitterte, 
während der Gefangene ihm ruhig in's Auge schaute. „Nehmen 
Sie dem Gefangenen die Ketten ab." Man gehorchte „Emil 
von Sandrau," begann er jetzt, „Du hast zum letzten Male 
die Kette getragen, doch die Freiheit, die ich dadurch gebe, 
ist das Schlimmste, was ich geben kann. Höre mit Fassung 
Dein Urtheil, sei ein fester Mann, wie Du's warst, als wir 
Kameraden gewesen, und muthig dem Feinde in's Auge 
schauten!" Mit zitternder Hand nahm er ein Papier, und 
las: „Der frühere Hauptmann Emil von Sandrau ist schuldig 
befunden, seinem vorgesetzten Major vor der Fronte des Re- 
gimentes in's Gesicht geschlagen, und dadurch das Gesetz der 
Disciplin auf das Gröbste verletzt zu haben. Das einstimmige 
Urtheil der Richter auf Todesstrafe durch Blei wird hierdurch 
von Sr. Majestät bestätigt, und ist morgen früh um fünf 
Uhr durch zwölf Mann zu vollstrecken. In Anbetracht aber 
der dem Emil von Sandrau vorher zugefügten wörtlichen 
Beleidigungen soll in so fern Gnade eintreten, daß ihm nicht 
der Degen zerbrochen und die Epauletten abgeschnitten wer 
den, er außerdem nicht der Ehre verlustig erklärt werden 
soll!" — Tief auf seufzte der Director, die Schweißtropfen 
perlten von seiner Stirn; doch der Gefangene stand fest und 
ruhig mit erhobenem Haupte und sagte: „Ich danke den 
Richtern, daß sie mich nicht haben lange schmachten lassen, 
ich danke dem Könige für die Milde, doch um Gnade bitte 
ich nicht, denn meine Strafe ist mein Recht!" Der Director 
winkte den Beamten, sie entfernten sich, und die Beiden blieben 
allein. „Emil!" rief der Director aus tiefbewegter Brust, 
„Fritz!" erwiderte der Andere gerührt, er breitete die Arme 
aus, da lagen die beiden Jugendgenossen Brust an Brust 
zum letzten Male in ihrem Leben! Lange sagte Keiner ein 
Wort, endlich rief der Gefangene: „Beruhige Dich, Fritz, sieb 
doch, ich bin ruhig und Du willst es nicht sein? Komm her, 
laß uns hier sitzen und plaudern von alten schönen Tagen 
und von unseren mitsammen erlebten Leiden und Freuden!" Und 
er setzte sich auf mein Polster, der Freund daneben, die Hände 
hatten sie sich gegeben und hielten sie fest. Was haben die 
beiden Alten sich da erzählt von Krieg und Gefahr, von
	        
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