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Volume Heft 3

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorama. 
folgen wir dort jenen beiden Männern, die Arm in Arm 
zwar nicht das Jahrhundert, wohl aber jene flüchtige, ver 
schleierte Daine in die Schranken fordern. „Das ist Etwas," 
sagt der Berliner zn seinem Freund Pisicke ans der Provinz. 
Der sperrt die Augen aus, seine Seele träumt schon einen 
Roman. Der Berliner beflügelt seine Schritte, athemlos folgt 
Pisicke. Die Worte: „Das ist Etwas", lassen ihn Großes 
ahnen. Die seidene Robe, die elegante Tvurnüre! Es ist 
eine Gräfin, vielleicht gar eine Fürstin. Sie flüchtet vor 
einem tyrannischen Gatten — sie eilt einem Geliebten ent 
gegen, der sie entführen will. Der Berliner will ihr seine 
Ritterdienste anbieten. — — Er ist so eben dabei, Pisicke 
tritt blöde näher, er athmet schon den Duft eines köstlichen 
Parfünrs — da hört er von ihre» süßen Lippen mit unnach 
ahmlicher Anmuth die Worte lispeln: „Na nu? Sie wären 
mich der Rechte!" 
Die Holde ist schon versagt, flüstert der Berliner Pisicke 
zu, gehen wir weiter. Komm nach Hanse, entgegnet der 
Mann aus Brietzen, der so kleinmüthig und rothwangig 
dreinschaut, als habe er für seinen Freund eine Ohrfeige 
erhalte». 
Zn Bett? Das fehlte noch! In der Residenz? Ich 
frage mich soeben, was soll man mit dem angebrochenen 
Nachmittage beginnen! ruft der Berliner. 
Fast an jeder Ecke erzählen die Anschlagsäulen auf bunten 
Zetteln mit großen Buchstaben, was Alles der sterblichen Hülle 
der geplagten Menschenseele für Annehmlichkeiten geboten 
werden. Eins der sechs oder sieben Theater zn besuchen, ist 
schon zn spät, aber da steht Bai Mabille, Bai pare, Bai mas- 
que, Kaffeekränzchen, Cirque gymnastique und Ringkampf von 
sechs jungen „Damen", und tausend verlockende Anpreisungen 
erläutern die in allen Vergnügungs-Lokalen Jedem für einen 
mäßigen Preis sich bietenden Schau- unb Sinn-Genüsse. 
Wohin nun? Vorwärts zum Orpheum! Aber, bester 
Freund, es ist ja zehn Uhr! — Ist also wohl schon ge 
schlossen? Dieses weniger, lieber Mann, es ist vielmehr — 
noch zu früh, dorthin zn gehen. Wir haben daher noch Zeit 
zu Abend zn essen, und wo können wir das besser finden, als 
bei Sichen. Schön! Das kellerartige, dickmaurige Zimmer, 
in dem fast kein Stuhl frei ist, gefällt Ihnen wohl nicht? 
Warten Sie nur, bis die Beafsteakes kommen, das wird Sie 
schon trösten! Kellner! zwei, aber scharf — eins ohne und 
eins mit! Was das heißen soll? Höchst einfach, versteht 
hier Jeder, die unnützen Worte sind hier weggelassen; Beaf- 
steak — versteht sich von selbst. Also zwei Beafsteakes scharf, 
heißt scharf gebraten, auch sehr deutlich, und mit und ohne 
ist wohl genug gesagt, wenn ich die Zwiebeln meine! Ja, 
bester Kleinstädter, in Berlin kannst Du Hochdeutsch lernen, 
und zwar mit stenographischer Aussprache. Jetzt aber ist's 
Zeit; Elf hat's geschlagen, nun fort in's Orpheum. 
Eine lange Reihe Droschken hält vor der Thür mit 
ihren blauen irrlichtartigen Laternen, der Flur ist prächtig er 
hellt, der Portier mit seinen mächtigen silbernen Tressen weicht 
ehrerbietig zurück, und im zierlich geformten, einem Glas- 
schranke ähnlichen großen Verschlage sitzt der Cassirer ans be 
quemem Lehnstuhl, um der Börse des Wißbegierigen die erste 
Erleichterung zu perschaffe». Nimm ein Billet, oder nimm 
hundert, seine Miene bleibt stets dieselbe höfliche. Eine 
Glasthür öffnet sich, die Billets werden abgegeben, der Garde 
robier erwartet mit offenen Armen die Spazierstöcke — denn 
die müssen draußen bleiben — nimmt aber auch ebenso gern 
die Paletots ». s. w. Ein mächtiger Spiegel gestattet noch 
einen Blick, ob Haare und Cravatte in bester Ordnung, und 
eine Tafel sagt daneben: Damen dürfen nur in Balltoilette 
erscheinen! So so! Armer Kleinstädter! Er fühlt die 
Wucht dieser wenigen Zeile», denn ein demüthiger Blick auf 
seine Stiesel zeigt ihm, daß sie auch nicht im geringsten zur 
Balltoilette passen, und die Wichse ihnen — schon seit Mittag 
Valet gesagt hat. Doch - ihm wird Rettung! Ein rettender 
Engel erscheint in Gestalt eines Stiefelwichsers; ohne ein 
Wort zu sagen — er hat schon erkannt, daß sein fragender 
Blick von der Seele bejaht ist — senkt er sich auf die Kniee 
— eins, zwei, drei — die Stiefel strahlen in wahrhaft über- 
irdischenr Glanze; o Christian daheim, warum kannst du nicht 
so wichsen, der du alle Morgen eine halbe Stunde für das 
Paar Stiefel gebrauchst, und dabei die Bürste so oft fallen läßt, 
daß der Herr aus deur Bette muß, unr dem Lärmen zn ent 
fliehen. Alle diese schönen und lehrreichen Betrachtungen macht 
Pisicke, um das Angenehme eines Aufenthalts in Berlin mit 
dem Nützlichen — der schweigenden Belohnung zu vereinen. Er 
ahnt nichts, daß man ihur den Stock aus Menschenfreund 
lichkeit abgenommen (damit er bei einer Prügelei nicht in 
Berührung mit den Strafgesetzen komme), und daß der Cas 
sirer, der Portier unb der Thürsteher nicht zufällig oder zum 
Staat aus der Potsdamer Leibgarde ausgewählt scheinen. 
Wenn diese Riesengestalten ihre Arme ausstrecken, so beflü 
geln sie mit Gedankenschnelle das Kind der Erde, welches 
den Frieden des Ballsaales durch mecklenburgische Gelüste 
gestört — und es sieht sich plötzlich draußen bei den Drosch 
ken: „An die Luft gesetzt." Pisicke hört auch nicht, wie der 
Portier dem Wichsier zuflüstert: Hast Du endlich einen Dum 
men gefunden? Sie werden jetzt rar! — Seine Augen und 
Ohren sind gegen eine Hebe aufgesperrt, die mit dem süßesten 
Lächeln, welches eine Verschwendung von 2'/ 2 Silbergroschen 
in ihren Zügen hervorrufen kann, ihm zuflüstert: Auch un 
gewichst würden Sie Staat machen, lieber Potsdamer. 
Die Dame verkennt mich! raunt Pisicke seinem Freunde 
zu, kann ich wohl das Abenteuer fortsetzen oder — 
Sie hat Dich nicht verkannt, Stadtverordneter aus Treuen- 
brietzen, man nennt hier jeden liebenswürdigen Cavalier einen 
Potsdamer, erwiderte der Berliner, der nicht Lust hatte, 
wiederum die heitere Stimmung seines Freundes getrübt zn 
sehen. — 
Pisicke ist endlich mit seiner Toilette fertig, der Mond 
schein ist wenigstens am Vorderhaupte nicht mehr bemerkbar, 
Stiefel und Haare sind glänzend aufgewichst, ei» Betreßter 
öffnet die Flügelthüren znm Saale — Wanderer, steh' und 
staune! Reich vergoldete, mit Arabesken geschmückte Pilaster 
streben zur hohen Decke, und diese strahlt all die hunderte voll 
Gasflammen wieder, die ein riesiger, prächtig geformter Kron 
leuchter empvrstreckt. Die ganze Decke besteht aus Spiegeln, 
die.nur durch schönlinie breite Goldleisten unterbrochen wer 
den. Im Fond des Saales führen Stufen hinauf zwischen 
vergoldeten Säulen in einen Nebensaal. Doch hat der Haupt 
saal durch majestätisch prächtige Formen das Auge gefesselt, 
haben seine Canape's an der Hauptwand zum Beschauen 
und inuner wieder znm Beschauen eingeladen, dieser Raum 
macht einen anderen Eindruck, er erinnert an die Träume des 
Morgenlandes, zu denen das leise Plätschern der Fontaine» 
sich gesellt, umgeben von prächtigen tropischen Pflanzen, an 
welchen die Wassertropfeu wie Diamanten glänzen in den: 
milden Lichte der mattgeschliffenen Gaslampen. 
Feenhaft ist der Anblick und gern schwelgt das Auge 
weiter. — 
Laubenartige Nischen umgeben die herrliche Fontaine, in 
deren Mitte eine reizende Gruppe Wasser und Licht aus 
strömen läßt. Eine Treppe führt zn den fürstlich drapirten 
Logen, deren schwere seidene Vorhänge sie fast ganz von dem 
Saale abschließen, eine andere führt zum Garten, und es ist 
kaum begreiflich, wie auf einem so winzig kleinen Raume eine 
solche Pracht zn entfalten möglich gewesen. Hier steckt ein 
Cocosbaum seine mächtige Krone empor, die Nüsse werden 
durch ähnlich geformte Lampions gebildet; dort steht mitten 
unter Lanbgewinden die Statue eines reizenden Knaben, der ein 
Schild mit mächtiger Gaspyramide emporhält; zu seineil 
Füßen wiegen sich Farrenkräuter in dein mild sich über sie 
hingießenden Lichte, Blumen von Glas senden Wasser oder 
Feuerstrahlen empor, und die Ranken des üppig wachsenden 
wilden Weines schmiegen sich um Pfeiler und Gebäude, bil 
den Laubgänge und Bosquets.
	        
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