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Volume Nr. 58, 19. Januar 1984

Full text : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1983/84, 9. Wahlperiode, Band IV, 54.-70. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  9.  Wahlperiode

58.  Sitzung  vom  19.  Januar  1984

Präsident  Rebsch
(A)  Lfd.  Nr.  13,  Drucksache  9/1509:
Wahl  einer  in  der  Jugendwohlfahrt  erfahrenen
oder  tätigen  Person  zum  stellvertretenden  Mitglied ­
  des  Landesjugendwohlfahrtsausschusses
Auch  hier  handelt  es  sich  um  eine  Ersatzwahl.  Vorschlagsberechtigt ­
  ist  die  Fraktion  der  CDU.  Es  wird  vorgeschlagen  Herr
Dieter  Dombrowski,  Jägerstraße  13  D  in  1000  Berlin  45.  Wer
diesem  Vorschlag  folgen  möchte,  den  bitte  ich  um  das  Handzeichen. ­

[Dr.  Köppl  (AL):  Enthaltungen!]
-  Enthaltungen?  -  Bei  einer  Gegenstimme  und  einigen  Enthaltungen ­
  ist  der  Vorschlag  angenommen.
Lfd.  Nr.  14,  Drucksache  9/1547;
Wahl  eines  Abgeordneten  zum  Mitglied  des  Kuratoriums ­
  der  Hochschule  der  Künste  Berlin  sowie
dessen  Vertreter
Es  handelt  sich  hier  ebenfalls  um  eine  Ersatzwahl.  Vorschlagsberechtigt ­
  ist  die  Fraktion  der  F.D.P.  Vorgeschlagen  werden
zum  Mitglied  der  Abgeordnete  Wolfgang  Fabig,  zu  dessen  Vertreter ­
  der  Abgeordnete  Dr.  Jürgen  Dittberner.
Wer  diese  beiden  Kollegen  zu  wählen  wünscht,  den  bitte  ich
um  das  Handzeichen.  -  Danke  sehr!  -  Die  Gegenprobe!  -
Enthaltungen?  -  Bei  einer  Gegenstimme  und  einigen  Enthaltungen ­
  ist  der  Vorschlag  angenommen,

Ich  rufe  auf
(B)  lfd.  Nr.  15,  Drucksache  9/1500:
Beschlußempfehlung  des  Ausschusses  für  Bundesangelegenheiten ­
  und  Gesamtberliner  Fragen
vom  24.  November  1983  zum  Antrag  der  Fraktion
der  AL  über  völkerrechtswidrigen  Einmarsch  einer
Supermacht  in  einen  kleinen  souveränen  Staat,
Drucksache  9/1420
Wird  das  Wort  in  der  Beratung  gewünscht?  -  Herr  Dr.  Köppl!
[Ulrich  (SPD):  Geben  Sie  Ihren  Beitrag
doch  zu  Protokoll!]
Dr.  Köppl  (AL):  -  Das  würde  Ihnen  so  passen!  -  Herr  Präsident! ­
  Meine  Damen  und  Herren!  Ich  habe  ja  schon  einmal  hier
eine  Rede  zu  Grenada  gehalten;  ich  glaube,  das  war  in  der  damaligen ­
  Sitzung  die  letzte  Rede,  bevor  das  Parlament  sich  dann
auflöste,  kurz  vor  24  Uhr,  zur  Geisterstunde,  und  diese  Rede  hat
zu  einigem  Aufruhr  der  Hinterbänkler  besonders  bei  der  Fraktion ­
  der  CDU  geführt  Ich  hoffe,  daß  Sie  sich  heute  etwas  disziplinierter ­
  verhalten.
[Zurufe  von  der  CDU]
Nach  dem  völkerrechtswidrigen  Einmarsch  der  USA  in  Grenada ­
  hat  die  Alternative  Liste  als  einzige  Partei  im  Abgeordnetenhaus ­
  ihren  Protest  gegen  militärische  Gewaltakte  zum  Ausdruck ­
  gebracht.  Wir  haben  bewußt  als  Teil  dieses  Parlaments
unsere  Empörung  offen  und  ehrlich  ausgedrückt  und  damit  die
Ehre  dieses  Parlaments  gegen  die  Einäugigkeit  und  Einseitigkeit ­
  der  etablierten  Parteien  gegenüber  ihren  Schutzmächten
hochgehalten.  Ich  habe  Ihnen  damals  in  der  Begründung  zu
diesem  Antrag  Punkt  für  Punkt  nachgewiesen,  daß  alle  von  der
US-Regierung  vorgebrachten  Argumente  einer  völkerrechtlichen ­
  Überprüfung  nicht  standhalten  können.  Weder  lag  damals ­
  der  allseits  so  beliebte  Hilferuf  vor,  von  dem  sonst  die
Sowjetunion  immer  so  gern  Gebrauch  macht,  noch  lag  eine  unmittelbare ­
  Bedrohung  für  die  USA  vor,  noch  können  humanitäre
Gründe  glaubwürdig  vertreten  werden.  Die  USA  haben  eindeutig ­

  aus  nackter  Machtpolitik  die  Regeln  des  friedlichen  Zusammenlebens ­
  zwischen  den  Völkern,  wie  sie  in  der  UN-Charta  niedergelegt ­
  sind,  wiederum  gebrochen.  Die  USA  haben  sich  einer
Aggression  gegen  diesen  kleinen  Staat  schuldig  gemacht.
Da  das  Land  Berlin  auf  besondere  Art  und  Weise  mit  den
USA  verbunden  ist,  ist  es  die  normale  Pflicht  dieses  frei  gewählten ­
  Parlaments,  gegen  diesen  völkerrechtswidrigen  Akt  zu
protestieren  und  die  eigene  Haltung  deutlich  und  ehrlich  zu  erklären; ­
  dies  haben  CDU  und  F.D.P.  bisher  abgelehnt.
Auf  der  Ebene  des  Völkerrechts  ist  die  Aggression  vergleichbar ­
  mit  der  Aggression  der  Sowjetunion  in  Afghanistan.  Hier
wie  dort  wurde  aus  einer  innenpolitischen  Schwäche  der  betroffenen ­
  Länder  heraus  von  den  Supermächten  militärisch
interveniert  und  diesen  Landern  mit  militärischer  Gewalt  ein
fremder  Wille  aufgezwungen.
[Simon  (CDU):  Das  steht  Ihnen  nicht  zu!]
Auch  wenn  die  militärischen  Verwüstungen  und  das  Leiden  des
Volkes  bei  der  sowjetischen  Aggression  in  Afghanistan  ungleich ­
  größer  sind,  weil  sich  das  afghanische  Volk  auch  militärisch ­
  wehrt,  so  sind  sich  doch  die  Anlage  der  arroganten  Großmachtpolitik ­
  der  Sowjetunion  und  der  USA  tatsächlich  zum  Verwechseln ­
  ähnlich.  Hinzu  kommt,  daß  in  den  USA  durch  diese
Aggression  eine  Welle  von  Chauvinismus  und  gefährlicher
Großmachtideologie  ausgebrochen  ist;  und  wir  müssen  gerade
für  die  USA  nach  dieser  erfolgreichen  Aggression  feststellen,
daß  die  Regierung,  die  den  Kampf  gegen  das  Böse  zur  außenpolitischen ­
  Leitlinie  erklärt  hat,  im  eigenen  Volk  gerade  die
dunklen,  bösen  und  niederen  Instinkte  reaktiviert  hat.  Gerade
die  deutsche  und  besonders  die  Berliner  Bevölkerung  haben
Erfahrungen  mit  dieser  Reaktivierung  von  überheblichen  und
chauvinistischen  Gefühlen  im  eigenen  Volk,  die  dann  als  ideologische ­
  Absicherung  einer  Aggression  eingesetzt  werden
können.
Wir  müssen  daher  heute  nochmals  betonen,  daß  nach  dieser
Aggression  die  Gefahr  von  weiteren  militärischen  Aggressionen ­
  gerade  in  Mittelamerika  zugenommen  hat.  ln  jüngster  Zeit
werden  wiederum  Pläne  diskutiert,  wie  die  Länder  Mittelamerikas ­
  deutlicher  unter  den  Einfluß  der  USA  gebracht  werden  können ­
  und  wie  die  Regierung  in  Nicaragua  beseitigt  werden  kann.
Gerade  weil  die  Stimme  von  Berlin  -  die  Bevölkerung  von  Berlin ­
  sozusagen  -  in  den  USA  ein  gewisses  Gewicht  besitzt,  ist  es
notwendig,  daß  zu  diesen  völkerrechtswidrigen  Maßnahmen
von  unserer  Seite  eindeutig  Stellung  genommen  wird,  unsere
Betroffenheit  und  unsere  Empörung  sowie  unser  Protest  sehr
deutlich  ausgedrückt  werden.
Aber  was  ist  eigentlich  in  der  Folgezeit  mit  der  Beratung
unseres  Antrags  passiert?  -  Nachdem  der  Antrag  im  Ausschuß
behandelt  worden  ist,  müssen  wir  heute  leider  feststellen,  daß
das  Berliner  Parlament  dieser  Aufgabe  nicht  nachgekommen
ist.  Es  ist  offensichtlich  unmöglich,  mit  Ihnen  rational,  sachlich
und  auf  einer  an  den  Ideen  eines  friedlichen  Zusammenlebens
der  Völker  orientierten  Grundlage  solche  Fragen  zu  diskutieren,
sofern  sie  die  USA  betreffen.  So  blind  sind  Sie  ja  nicht,  wenn  es
um  die  Sowjetunion  geht  -  das  ist  hier  ja  mehrmals  dokumentiert ­
  worden.  Aber  wenn  es  um  die  USA  geht,  dann  haben  Sie
ein  derartig  dickes  Brett  vor  dem  Kopf,  daß  es  einem  manchmal
graust.  Die  Auseinandersetzung  war  sehr  beschämend:  Der
Ausschuß  beschäftigte  sich  -  nach  den  Unterlagen,  die  ich
nachgelesen  habe  -  längere  Zeit  damit,  ob  dieser  Antrag  überhaupt ­
  behandelt  werden  soll,  anstatt  sich  um  die  dahinter
stehenden  humanitären  Ideen  zu  kümmern.  CDU  und  F.D.P.  erklärten ­
  sich  für  nicht  zuständig,  und  ich  frage  Sie  deshalb  heute
noch  einmal:  Warum  haben  Sie  sich  denn  für  den  Einmarsch
der  Sowjetunion  in  Afghanistan  zuständig  erklärt  und  ihn  in
flammenden  Beiträgen  -  nachzulesen  in  den  Protokollen  -  verurteilt? ­
  Warum  war  Ihnen  damals  die  Zuständigkeit  überhaupt
kein  Problem?  -  Ich  kann  Ihnen  diese  Frage  sehr  einfach
beantworten:  Sie  sind  einfach  hoffnungslos  einseitig  und  einäugig. ­

[Beifall  bei  der  AL  -  Simon  (CDU):  Das  müssen
Sie  sagen.  Man  muß  nur  frech  sein,  das  ist  alles!]

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