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Full text: Berliner Prostitution und Zuhälterthum (Public Domain)

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Allein gleichwohl ist ein solches Anwachsen der Prostitution un- 
verhältuißmäßig und unnatürlich. Es zeigt seine Wirkung zunächst 
in einer vollkommenen Umfkehrung des naturgemäßen Verhältnisses. 
Das männliche Geschecht sucht nicht mehr die Prostitution auf, sondern 
die Prostitution das männliche Geschlecht. Sie bietet sich dem 
Manne dar in tausend Formen und Gelegenheiten, sie verfolgt 
ihn, bestürmt ihn, drängt ihn, denn sie will leben --, sie über- 
bietet sich in Anerbietungen und bringt ihn schließlich auf irgend 
eine Weise zu Falle. An Stelle des durch den Naturtrieb bedingten 
Bedürfnisses auf der einen Seite, ist die freie Concurrenz auf der 
anderen Seite getreten, eine wüste, zügellose Concurrenz, widerlich 
und verderblich. Denn durc< den Ansturm der Gelegenheiten, durch 
die tägliche Bewegung inmitten der raffinirtesten Verführungskünste 
verliert zumal der junge Mann seinen Halt, er ergibt sich über das 
Maß hinaus geschlechtlichen Aussc<weifungen, richtet sich materiell zu 
Grunde und rettet nur zu oft mit Mühe einen siechen Leib aus den 
Jugendjahren in das Mannezalter hinüber, unfähig, demnächst als 
gesunder Vater einer gesunden Familie vorzustehen, unfähig, die 
ersten Pflichten zu erfüllen, die das Vaterland ihm gebeut. 
Ein solc<es Uebermaß von Prostitution zieht aber auch alle 
anderen unbetheiligten Kreise in Mitleidenschaft, denn die Dirnen über- 
s<wemmen Berlin, und Niemand kann sich vor der Berührung mit 
ihnen bewahren. Wo sind die guten alten Zeiten hin, da man seine 
Frau und seine Töchter ängstlich davor hütete, allein, zumal nach 
eingetretener Dunkelheit, die Friedrichstraße und einige wenige andere 
Straßen zu passiren, im Uebrigen aber der öffentlichen Moral und 
den Scußleuten so viel Vertrauen entgegenbrachte, daß man nicht 
jeder Dame einen männlichen Schuß beigeben zu müssen ver- 
meinte! Die Zeiten sind noch gar nicht so lange entschwunden ; 
vor 15 bis 20 Jahren gab es genug Berliner, die sich damit zu- 
frieden gaben. Und heute? -- Venus vulgivaga schwärmt Tags 
und Nachts durc< alle Straßen, alle Gassen, vor dem grell erleuch- 
teten Schaufenster der City und in dem dunkelsten Winkel der Vor- 
stadt, und das polizeiliche Verbot, bestimmte Reviere zu betreten, 
gilt für sie gerade so lange, als sie keines Schußmanns ansichtig
	        
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