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I. Die Offiziersfrau

Full text: Das weibliche Berlin / Beaulieu, Gertraut Chales de (Public Domain)

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weder das Vaterland, noch den Staat, weder den Dienst, 
noch die Kameraden. Und das geschieht auch nicht. 
Gusta sagt nicht: der Staat bin ich, aber fie meint, 
daß dieser Racker eigentlich für sie da sei und sie und 
die Ihren die ersten im Staate seien. Ihr Standes— 
bewußtjein ist stark ausgeprägt, dafür bringt sie auch 
dem Noblesse oblige manches Opfer. Nicht allein 
Opfer, welche sein müssen, sondern auch solche, welche 
ihrer Anschauung von der Sachlage entspringen. So ver— 
ständig sie sonst denkt, sie lebt in Abhängigkeit von der 
Meinung ihres Kreises. Mögen andere, Zivilisten, ur⸗ 
teilen wie sie wollen, danach richtet sie sich nur, soweit 
es ihr paßt; aber was Generals, was ihre näheren 
Kameraden und Kameradinnen meinen, bestimmt ihr 
Thun. Da es in ihrer Wirtschaftskasse, einem sehr 
hübschen, gemalten altdeutschen Kästchen, einem Hoch— 
zeitsgeschenke, zuweilen wüstenleer ist und sie doch nach 
außen hin immer vornehm und standesgemäß auftreten 
muß, versagt sie sich Kunstgenüfse, Erholungen. Aber 
Gesellschaften müssen sein. Sie braucht vielleicht ein 
warmes Hauskleid, doch sie hat ihr „Hellseidenes“ schon 
einmal bei Generals angehabt, noch einmal in demselben 
Kleide dort zu erscheinen, wäre undenkbar, eine Be— 
leidigung, ein Verbrechen. Sie kauft daher seufzend einen 
zweiten, dritten Staatsrock und verzichtet statt dessen auf 
Dinge, die man nicht sieht, wenn sie auch für ihr Wohl— 
befinden, ihren Geist, ihr Gemüt notwendig sind. 
Auf der Straße trägt sie sich sauber und fest. Ein 
kurzes enges Jäckchen, das Figur macht, umgiebt ihre 
schlanke biegsame Gestalt, ein kleines Hütchen umschließt
	        
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