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II. Mittags

Full text: Was sich die Linden erzählen / Jacobson, Eduard (Public Domain)

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Silberthal. Schade nur, daß Andre auch davon Ge- 
brauch machen können. -- 
Jetzt bewegt sih eine Horde jubelnder Schulkinder daher, 
unter ihnen eine in Berlin wohlbekannte, hochgestellte militärische 
Persönlichkeit. Sie kennen alle den alten, leutseligen Herrn, der 
für Jeden ein freundliches Wort hat, Dem einen Bonbon, 
Jenem einen Thaler schenkt, und dann seinen Weg feortseßt, 
von allen Begegnenden ehrfur<tsvoll gegrüßt wird und nach 
allen Seiten hin freundlid) dankt. 
Sin paar allerliebste Backfis<Ohen, aus der höhern Töhter- 
s<hule, sHweben mit ihren Mappen, laut sc<waßend, über das 
Trottoir. Gegenstand des Gespräches sind zwei, der Schulstube 
vis-a-vis wohnende Kadetten, die, wie die eine namentlich bemerkt 
haben will, öfter als natürlich an ihrem Fenster sitzen. Ueber 
die Absichten der Krieger-Embryonen sind sich unsere shuldlosen 
Pensionärinnen vollständig klar, nur über den Gegenstand, dem 
'e zunächst gelten mögen, herrsc<t eine Meinungsverschieden- 
eit, bis man sic< endlich dahin einigt, den militärischen Vor- 
rath sc<westerlich unter sich zu theilen. Es ist zwar wenig 
daran, an einem so kleinen Kadetten, allein die Zeit, die alle 
Wunden heilt, läßt auch die Kadetten wachsen; trösten wir uns 
also mit dem, was in ihrem Hintergrunde schlummert. 
In raschem Geschäfts-Trake eilt ein Arzt die Linden ent- 
lang bis zum Brandenburger Thore. Es ist kein im Sterben 
begriffener Kranke, der ihn erwartet, um sic< helfen zu lassen. 
Die Kranken kriegen heutzutage das Sterben allein fertig. 
Er läuft even nur hin und her, um die Lente glauben zu 
maden, daß er Praxis habe. Mein Gott, die Menschen sind 
jebt alle so unverschämt gesund, und wenn wirklich Einer mal 
krank wird, dann kurirt er sich mit Apfelwein. Der Borsdorfer 
hat die Pillen und Mixturen verdrängt und die Söhne Aes- 
kulaps seufzen: „Der Knabe Petsch fängt au uns fürchterlich 
zu werden.“ Petsch aber tritt für seinen heilsamen Saft tag- 
täglich in die Schranken, sogar in die des Kriminal-Gerichts, 
beißt selbst mitunter in den sauren Apfel, bezahlt seine Strafe 
und schwört Kreuz und Bein darauf, daß sein Wein Allen 
hilft, und daß, selbst wenn Einer drauf gegangen, er sicherlich 
geheilt gestorben ist.
	        
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