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Zur inneren Ortskunde

Full text : Heimathskunde von Berlin und Umgegend / Merget, August (Public Domain)

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IUustrirtes  Panorama.

„Das  ist  infam!"  riefen  die  Freunde  Albino's-  „Zurück,  !
Sylvio  —  keinen  Mord.  Die  Fremden  müssen  Ihnen  Genugthuung ­
  geben!  Pfui!  Ein  Streit  mit  Waffen  vor
Damen!  —  Foscari,  trennen  Sie  die  Gegner  Unter  Ehrenmännern ­
  gleicht  man  Beleidigungen  anders  aus!"
So  lautete  es  halb  drohend,  halb  beschwichtigend  durcheinander.

„DaS  war  ein  Anschlag,"  rief  Foscari,  „Sie  sehen,  der  ,
Herr  war  daraus  vorbereitet,  er  hat  einen  Revolver  mitgebracht. ­
  Lucia,  gehe  auf  Dein  Zimmer.  Contessa,  ich  bedaure,
  aber  dieser  Ort  eignet  sich  nicht  mehr  für  Ihre  Gegenwart. ­
  Herr  Buonarotti  und  Herr  Weber,  ich  erwarte,
daß  Sie  mir  und  meinen  Gästen  auf  der  Stelle  Genugthuung ­
  geben  werden."
Die  Gräfin  hatte  einige  Worte  mit  Hermann  flüsternd
gewechselt.  Stolz  und  kalt,  nur  siegenden  Hohn  im  dunklen
Auge  trat  sie  jetzt  vor.  „Lucia,  Dableibst!"  rief  sie.  „Marchese ­
  Foscari,  ich  hatte  von  Ihnen  erwartet,  daß  Sie  an  die
Gegenwart  von  Damen  gedacht,  als  Ihr  Gast  meine  Freunde
höhnend  herausforderte.  Graf  d'Albino  hat  es  sich  selbst  zuzuschreiben, ­
  daß  er  hier  öffentlich  entlarvt  worden  ist.  Ich
bestätige,  was  Herr  Weber  gesagt.  Um  seiner  Schwester  die
Rente  zu  stehlen,  hat  er  sie  an  einen  Elenden  verkauft,  und
nun,  er  reich  geworden,  schämt  er  sich  ihrer  und  zittert  vor
ihr,  wie  das  böse  Gewissen."
„Du  bleibst,  Lucia!"  unterbrach  sie  sich,  als  der  Marchese ­
  Lucia  drohende  Winke  gab,  sich  zu  entfernen.  „Marchese, ­
  ich  will  nicht  hoffen,  daß  Sie  länger  daran  denken,
den  Conte  d'Albino  in  diesem  Hause  zu  dulden.  Ich  will
seine  Entfernung  nicht  als  eine  Genugthuung»  für  mich  fordern, ­
  denn  ich  erwarte,  daß  Sie  an  Ihre  eigene  Ehre  denken. ­
  Sie  Alle  sind  Zeuge,  daß  der  Graf  seine  unglückliche
Schwester  beschimpft  und  in  meinen  Schutz  gestellt,  ich  werde
sie  beschützen  und  öffentlich  den  an  den  Pranger  stellen,  der
hei  dieser  Sache  allein  entehrt  worden  ist."
Der  Marchese  starrte  die  Gräfin  an,  er  sah  wie  Albino
niedergeschmettert,  vor  Wuth  und  Scham  zitterte  und  er
fühlte,  daß  sein  Urtheil  gesprochen  —  er  hatte  den  Grafen
für  leichtfertig,  ausschweifend,  aber  nicht  für  ehrlos  gehalten,
und  in  einem  Augenblick  war  es  ihm  klar,  daß  er  Alles  verliere, ­
  wenn  er  nicht  die  Partei  der  Gräfin  ergreife.
Sie  war  seine  Gläubigerin  und  wenn  sie,  was  unzweifelhaft ­
  schien,  ihre  Anklage  zu  beweisen  vermochte,  so  konnte
er  Lucia  nicht  mehr  dem  Grafen  geben»  ohne  sich  zu  entehren; ­
  ja,  es  war  zu  erwarten,  daß  die  Contessa,  wenn  er
Gewalt  brauchte,  Hülfe  beim  Könige  suchte.
„Madame,"  sagte  er,  „wenn  Ihre  Anklage  sich  auf
Beweise  stützt  und  nicht  vom  Hasse  dictirt  ist,  so  werde  ich
den  Conte  d'Albino  bitten,  mein  Haus  zu  meiden;  aber  ersteht ­
  mir  zu  nahe,  als  daß  ich  ihn:  die  Rechtfertigung  verweigern ­
  dürfte.  Bis  dahin,  Madame,  gestatten  Sie,  daß
Lucia  sich  entfernt."
„Wozu,  Herr  Marchese?  Mag  sie  die  Vertheidigung
hören,  wie  sie  die  Anklage  gehört!  Aber  sehen  Sie  den
Mann  an  —  sieht  er  aus  wie  Jemand,  der  sich  zu  rechtfertigen ­
  wagt?"
Damit  deutete  sie  auf  den  Grafen,  der,  von  Wuth  und
Scham  entstellt,  wohl  nur  durch  den  Revolver  Carlo's  davon ­
  zurückgehalten  wurde,  seiner  wilden  Leidenschaft  die  Zügel
schießen  zu  lassen.
Er  antwortete  mit  einem  Blick  tödtlichen  Hasses.  „Ich
habe  mich  vor  Niemand  zu  rechtfertigen,"  knirschte  er,  „aber
ich  werde  diesen  Schimpf  rächen;  Sie  sind  Zeuge,  meine
Herren,  daß  dort  der  Feigling  wie  ein  Bandit  mit  dem  Revolver ­
  droht,  indessen  seine  Buhlerin  keift.  Wen»  der  Elende
nicht  Genugthuung  geben  will  als  Cavalier,  so  werde  ich
Geusd'armen  reqniriren.  Feige  Lügner,  die  Unbewaffneten
mit  Pistolen  drohen,  erwartete  ich  nicht  hier  zu  treffen,  obwohl ­
  lüderliche  Weiber  auch  lüderlicheS  Gesindel  und  Strauchdiebe ­
  mit  sich  führen."

„Carlo,"  sagte  die  Gräfin,  die  bleich  geworden  wie  der
Tod,  und  ihre  Hand  ergriff  krampfhaft  seinen  Arm,  als  er
schon  den  Revolver  hob,  „der  Mann  darf  nicht  sterben,  ehe
er  als  Lügner  gebrandmarkt  worden.  Er  ist  zu  erbärmlich,
als  daß  ich  Sie  bäte,  meine  Ehre  mit  dem  Degen  zu  vertheidigen; ­
  er  soll  mir  Rede  stehen  vor  Gericht,  als  Fälscher,
als  Betrüger,  als  Lügner  und  Verleumder.  Folgen  Sie
mir  —  der  Marchese  Foscari  kann  uns  nicht  schützen."
•  Damit  verließ  sie  stolzen  Schrittes  das  Gemach,  nachdem ­
  sie  der  zitternden,  halb  ohnmächtigen  Lucia  den  Arm
gereicht.  Buonarotti  folgte  ihr,  aber  Hermann  blieb  zurück.
„Meine  Herren,"  wandte  er  sich  zu  den  Gästen,  die
vor  Albino  zurückgewichen,  als  die  vernichtende  Anklage  laut
geworden,  „ich  bin  bereit,  auf  der  Stelle  Jedem  von  Ihnen
Genugthuung  zu  geben,  der  sich  beleidigt  dünkt,  nur  den
Einen  nehme  ich  aus,  der  unter  der  Anklage  des  Betruges
steht,  für  die  ich  ebenfalls  Beweise  habe  und  Zeugen  stellen
werde.  Ist  Jemand  unter  Ihnen,  der  sich  von  mir  dadurch
gekränkt  glaubt,  daß  ich  die  Maske  vom  Antlitz  eines  Elenden ­
  gerissen,  so  erwarte  ich  dessen  Forderung  in  de»  nächsten
zehn  Minuten,  ehe  ich  dieses  Haus  verlasse."
Es  war  kein  Einziger  unter  den  Anwesenden,  der  sich
für  Albino  erhob.  Das  Bewußtsein  der  Schuld  lag  aus
seinem  Antlitz,  als  wäre  es  mit  dem  Fluche  Gottes  gestempelt. ­

Wenige  Minuten  später  und  die  Gäste  hatten  die  Villa
verlassen;  Albino  war  allein  davon  geritten,  Wuth  und  finsteren ­
  Rachedurst  im  Herzen.
Die  Gräfin  war  unterdessen  auf  ihr  Zimmer  geeilt  und
packte  ihre  Sachen  zusammen.  Der  Marchese  erschien,  als
sie  Lucia  veranlaßte,  ein  Gleiches  zu  thun.
„Contessa,"  sagte  er,  „hätten  Sie  mir  die  Ausschlüsse
über  den  Grafen  Albino  früher  gegeben,  so  wäre  uns  eine
sehr  unangenehme  Scene  erspart  worden.  Ich  kann  Sie  nicht
bitten,  in  meinem  Hause  zu  bleiben,  denn  es  gehört  Ihnen
und  Sie  hätten  ein  Recht,  mich  daraus  zu  entfernen.
Aber  meine  Tochter  bleibt  bei  mir."
„Sie  geht  mit  mir,  „entgegnete  die  Gräfin  kalt,  „oder
ich  bleibe  und  nehme  die  Villa  in  Beschlag.  Ich  habe  die
Ordre  ausgefertigt  bei  mir.  Ihre  Güter  sind  verfallen."
„So  nehmen  Sie  meine  Habe,  meine  Tochter  folgt
ihrem  Vater."
Die  Contessa  schaute  ihn  befremdet  an.  „Herr  Marchese," ­
  sagte  sie,  „Sie  hören,  ich  lasse  Ihnen  Ihre  Güter,
wenn  Sie  mir  Lucia  anvertrauen."
„Madame,  und  ich  gebiete  meiner  Tochter,  zu  bleiben.
Ich  errathe,  welcher  Argwohn  Sie  zu  Ihrer  Forderung  bewegt, ­
  aber  sie  ist  ein  Schimpf.  Glauben  Sie,  daß  ich  mein
Kind  einem  Schurken  übergeben  würde?  Was  berechtigt  Sie
zu  einer  so  beleidigenden  Annahme?  Ich  kannte  Albino  als
Ehrenmann,  Ihre  Schuld  ist  es,  wenn  Sie  mich  in  dem
Glauben  ließen  und  mit  der  vernichtenden  Anklage  gewartet
bis  heute.  Aber  es  scheint,  Sie  glauben,  ich  könne  mein
j  Kind  verkaufen  an  Albino  oder  an  Sie.  Aus  diese  Beleidigung ­
  habe  ich  nur  die  Antwort,  thun  Sie  Ihr  Aergstes.
Lucia,  Dein  Vater  befiehlt  Dir  und  bittet  Dich,  bleibe  bei
ihm.  Willst  Du,  daß  ich  Dir  fluche?  Mit  Güte  oder  Gewalt ­
  —  Du  bleibst  —  aber  ich  schwöre  Dir,  Du  sollst
nichts  zu  fürchten  haben,  ich  werde  Dich  bester  vor  Albino
1  schützen,  als  die  Gräfin  es  kann."
Die  letzten  Worte  waren  entscheidend.  Lucia  stürzte  sich
in  seine  Arme.  „Vergeben  Sie,  Contessa,"  schluchzte  sie,
„aber  Sie  hören  es  sä,  mein  Vater  will  es,  er  bittet,  nnd
er  will  nichts  mehr  von  dem  Elende»  wissen!"
Die  Contessa  hätte  eher  alles  Ändere,  als  diesen  Widerstand ­
  erwartet.  Sie  war  gewöhnt,  daß  Lucia  in  Allein  bei
ihr  Räth  suchte  und  ihrem  Wink  gehorchte.  Im  ersten  Augenblick ­
  war  es  daher  Ueberraschung  und  Zorn,  was  ihre  Seele
erfüllte,  aber  sie  Überwand  das  Gefühl.
„Wie  Du  willst,  Lucia,"  sagte  sie,  „ich  dachte  nur,  Deine
            
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