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Geschichte

Full text: Heimathskunde von Berlin und Umgegend / Merget, August

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hintenangesezt und vernachlässigt, und Freiheitsherolde in Prosa und Versen 
hatten die gebildete Jugend mit wilden Träumen erfüllt. 
Mit den ersten milden Tagen ves März sammelten sich unruhige Volks- 
haufen in Berlin 'und vor seinen Thoren und hörten aufregenden Neden zu. 
Unzählige Neugierige strömten gleichfalls dorthin. Von anderen Städten, 
wo“ zum Theil der Aufruhr schon ausgebrochen war, kamen Ruhestörer nach 
ver Residenz, denen man die bösen Absichten leicht ansah. Die Lage der 
Stadt wurde immer bedenklicher; von den Bürgern wurden Gesuche bei 
vem Könige um freie Verfassung, um Entlassung der gegenwärtigen Minister, 
denen man Beschränkung der freien Meinung und starres Verharren beim 
Alten Schuld Jab, mit großer Dringlichkeit eingebracht. Der König zögerte 
einige Tage und gewährte endlich Alles, hatte aber zum Schuße seiner 
Person, so wie der Ruhe der Stadt die Truppen in derselben verstärken 
lassen. Schon waren diese hin und her mit Waffengewalt eingeschritten. 
Infanterie und Kavallerie standen am Mittag des 18. März in den Höfen 
des S<hloi*3 und vor demselben, als die Bürger von Berlin und viel 
Volk dört > hienen,. um vem Monarchen für die Gewährungen , die eben 
jetzt öffentlich verkündigt werden sollten, zu danken. Da drangen Volks- 
haufen , von verwegenen Führern geleitet, mit Sc<hmähungen und Stein- 
würfen gegen die Truppen vor, ein Reiteroffizier wurde vom Pferde ge- 
worfen und seine Leute hieben ein. Auf einer andern Seite hatte man 
ebenfalls die Infanterie insultirt, und diese entwickelte sich vom ersten Schloß- 
portale aus auf dem Pla, wobei im Gedränge die freilich scharf geladenen Ge- 
wehre zweier Grenadiere zufällig lo8Sgingen. Nun erscholl auf dem Berliner 
Schloßplatze dasselbe Geschrei, welches zu Paris und an andern Orten im 
verhängnißvollen Augenblicke gehört worden war. „Man verräth uns!“ 
Die Bürger und die blos neugierigen Haufen entflohen vom Platze, wurden 
zum Theil von dem vordrängenden Militair vertrieben. = Einige Stunden 
Pause. = Der König läßt ein Tuch an Stangen umhertragen, auf dem in 
großen Buchstaben zu lesen ist: „Es ist ein Mißverständniß. | Der König 
will das Veste." Unterdeß haben wilde Aufwiegler vie Stadt vurchstrichen, 
an der Spitze von Volkshaufen kleine Truppenabtheilungen, ja einzelne 
Schildwachen angegriffen und überwältigt. Waffenhandlungen sind ihres 
Inhalts beraubt, überall ist ver Bau von Barrikaden gefordert und orga- 
nisirt worden; selbst“ vor den Augen des Königs entsteht eine solche am 
Ende der breiten Straße; ste füllt sich wie die übrigen mit bewaffneten Ver- 
theidinern; rothe- "ahnen werden aufgesteckt. „Das kann ich mir nicht ge- 
fallen lassen ,/" spricht ver König zu dem evangelischen Bischof-Neand er, ver 
mit einer Deputation gekommen ist , Se. Majestät um Schonung zu bitten, 
Solche Teputationen folgen eine der andern am Abend und in der Nacht, 
während die Truppen die nächsten Barrikaden angreifen und eine nach der 
andern, zum Theil mit großer Anstrengung, erobern, da aus ven Fenstern 
nach ihnen geschossen wird und man Dachziegel auf sie herabschleudert; sie
	        
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