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Geschichte

Full text: Heimathskunde von Berlin und Umgegend / Merget, August (Public Domain)

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Im Jahre 1831 war die Cholera zum ersten Mal nach Berlin ge- 
kommen. Eine große Furcht hatte bei ihrer Annäherung vie Stadt er- 
griffen und die Wochen, während welcher die Krankheit im Zunehmen war, 
gehören zu den trübsten, welche man hier seit der Invasion der Franzosen 
erlebte. Aengstliche Absperrungen vermehrten das Drückende der Lage und 
halfen voch nicht; der König begab sich nach Charlottenburg, um vort 
möglichst von der Berührung mit der Krankheit fern zu bleiben; aber auch 
hier starben Leute in seiner Nähe. Gegen Weihnachten war die Stadt von 
ver Heimsuchung befreit und feierte wenige Wochen darauf ein kirchliches 
Dankfest dafür. In den Jahren 1836 und 1837 wieverholte sich ver schre>- 
liche Besuch der Krankheit. 
Gegen Ende des Jahres 1839 waren die Einwohner Berlins noch einmal 
in hoher Festfreude mit ihrem König vereinigt. Es war am Feste ver Einsührung 
ver Reformation in die Mark vor 300 Jahren. Am 2. November begaben 
sich ver Magistrat und die Geistlichkeit unsrer Stadt nebst vielen hoben 
Beamten im feierlichen Zuge vom köllnischen Rathhause nach der Nicolai- 
kirche, begrüßten im Vorübergehen ehrfurchtsvoll Se. Majestät, die aus dem 
Schlosse auf den Zug herabschaute, feierten im Heiligthume ein kirchliches 
Dankf-t und genossen gemeinschaftlich das heilige Abendmahl. Im Winter 
dieses Jahres litt ver König an Gichtanfällen, denen er schon früher unter- 
worfen war, weshalb er jährlich nach Teplitz zu reisen pflegte. Im Mai 
des folgenden Jahres aber trat eine gefährliche Erschlaffung der Unterleibs- 
Organe ein. Der König, sehr mäßig bei ven Hauptmahlzeiten, die seinen 
Gästen stets zu rasch vorübergingen, genoß hin und her am Tage allerlei 
Zuckergebäck und scheint dadurch seiner Verdauung geschadet zu haben. Keine 
ärztliche Kunst wollte mehr helfen, vas Volk sah in tiefer“Trauer dem Tode 
seines Königs entgegen, der am ersten Pfingsttage, den 7. Juni ves" ge- 
dachten Jahres, Nachmittags 3% Uhr erfolgte. An den Tagen vorher hatten 
zahlreiche Menschenhaufen das Palais umstanden, jede Nachricht von vem 
Befinden ihres kranken Herrn begierig empfangend. Als der Tod erfolgt 
war, durfte während einer halben Stunde jeder Vorübergehende in das 
Sterbezimmer eintreten und den todten Monarchen sehn. Alle königlichen 
Kinder waren in der Sterbestunde anwesend, am Tage vorher war auch 
der Schwiegersohn, der Kaiser Nicolaus von Rußland, eingetroffen. Ueber 
ven Bettschirm des todtkranken Vaters und Freundes blikend, hatte er 
gefragt: Comment cela va-t-i1? und der König geantwortet: cela va mal. 
Das mag wohl vas Letzte gewesen sein, was er gesprochen hat. Schöne 
Worte hat er seinem königlichen Sohn und uns in seinem letzten Willen 
hinterlassen, ver vas für sein Leben so passende Motto trägt: Meine Zeit 
mit Unruhe, meine Hoffnung in Gott. Eben so passend scheint uns ver 
Leichentext zu sein, ver sür die Predigt zu seinem Gedächtniß in ven Kirchen 
verordnet wurde: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn 
nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die
	        
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