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Geschichte

Full text: Heimathskunde von Berlin und Umgegend / Merget, August

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Wochen vorher schön waren Kosaken und andere leichte russische Truppen 
vor den östlichen Thoren erschienen und von den Berlinern mit herzlichem 
Jubel begrüßt worden. Am 20. Februar hatten sogar 50 Kosaken einen 
Einfall in die Stadt gemacht und die französische Besazung in großen 
Schre>en a-fekt. Tie Thore waren seitdem verrammelt, Schießlöcher in vie 
Mauer o*schlagen und Kanonenläufe hindurch gesteckt. Aber am 3. März 
verließen uns die Franzosen und am folgenden Morgen zogen die Russen 
unter den Generalen Wittgenstein und Tschernitscheff, vom lautesten 
Jubel “*r Bewohner empfangen, bei uns ein. Da gab es denn für uns 
Alle v 1 Merkwürdiges zu sehn. Kosaken und andere Reiter aus den ver- 
schiedensten Vrovinzen des großen russischen Reiches , selbst Baschkiren und 
Tartaren, noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet, lagerten auf den öffentlichen 
Plätzen, besonders im Lustgarten. Dorthin brachten ihnen die Berliner 
reichlich zu essen und zu trinken, waren aber Anfangs der wunderlichen 
Meinuv“, fie Leute äßen nur Häring und rohes Sauerkraut, wovon große 
Vorräthe herbeigeschafft wurden, bis Einer oder der Andre den Russen auch 
Braten anbot, den sie nicht verschmäheten, worauf sie dann gespeist wurden, 
wie andere Menschen. 
Alsbald begann ver Zudrang der jungen Leute zu den Büreaus, in 
welchen bie Einschreibung von Namen der Freiwilligen erfolgte, die sich zum 
Kriege stellten. Verlin war bis dahin nicht cantonpflichtig gewesen, d. h. 
die Söhne seiner Bürger brauchten nicht Kriegsdienste zu leisten; jetzt begab 
man sich dieses Borrechtes mit der höchsten Freude. Der Verfasser dieses 
hat damals die Spandauerstraße nicht passiren können, weil zu viel junge 
Leute vor vem Rathhause standen, die sich zum Kriegsdienst wollten ein- 
schreiben lassen. „Das muß man sich voch sehr wundern“, sagte damals 
eine Verliner Yürgersfrau, „daß sich jeht die Leute dazu drängen , was sie 
sonst zu ent>*on suchen.“ Diese Jünglinge haben das Beste geboten, was 
sie hatten, “r Blut; aber auch Gut ist ohne Bedenken reichlich zur Kriegs- 
rüstung von denen hingegeben worden, die selbst nicht in den Krieg ziehen 
konnten. „Gold gab ich für Eisen“ stand auf ven eisernen Ringen, welche 
die Frauen damals statt der goldenen trugen, die sie für die Bedürfnisse des 
Baterlandes hingegeben hatten. Es haben hernach einige norddeutsche, auch 
die südlichen Staaten, als die Franzosen aus ihren Grenzen verjagt waren, 
mitgeholfen, diese über den Rhein zu treiben und in Frankreich selbst zu 
besiegen; 
„Aber der Geist, 
Der die Preußen hat angerührt, 
Der hat es vollführt, 
Der ist's, der hat ste geschlagen zumeist“ 
sagt der süddeutsche Dichter 25 GERRI 
if 17. März erfolgte vie Kriegserklärung Preußens gegen Frankreich; 
am 2. Mai wurde die Schlacht bei Lüßen over Groß-Görschen, am 20. die
	        
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