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Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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gebracht wird, und für die Dringlichkeit der Entscheidung- Wir 
müssen gemeinsam beraten, ob in Gemässheit vielseitiger Anregung 
eine Berliner Ausstellung veranstaltet werden soll, welche die heutigen 
Ergebnisse der industriellen, gewerblichen und künstlerischen Thätigkeit 
Berlins zur Anschauung zu bringen hätte'. 
Ehe wir die Diskussion beginnen, gestatten Sie uns, Ihnen in 
Kürze über die Thätigkeit Bericht zu geben, die wir entfaltet haben, 
um dem in der Rathaus-Versammlung vom 6. April d. J. unserem 
Verein erteilten Auftrag gerecht zu werden. 
Meine Herren! Der dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller 
am 6. April d. J. erteilte Auftrag ging wörtlich dahin: 
»die Frage der Weltausstellung sowohl in Berlin, wie im 
ganzen Reiche ungesäumt in Fluss zu bringen und die Zeich 
nung eines Garantiefonds in gegebener Zeit zu veranlassen«. 
Unnötig, nochmals hervorzuheben, dass der Gedanke, in der Haupt 
stadt des Deutschen Reiches eine Weltausstellung zu veranstalten, bei 
dem überwiegenden Teile der dabei in Frage kommenden Kreise und 
bei der gesamten Berliner Presse begeisterte Aufnahme gefunden. 
Lauer verhielt sich das Präsidium des deutschen Handelstages, das in 
einem Rundschreiben an die Handelskammern seine Aufgabe für er 
ledigt erklärte, als es mit dem Herrn Reichskanzler und der Berliner 
Stadtverwaltung korrespondiert hatte. 
Der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller hat es als einen 
Teil des ihm gewordenen Auftrages betrachtet, mit allen hier in Frage 
kommenden Korporationen und Vereinigungen in Beziehung zu treten. 
Er hat überdies von dem ihm erteilten Aufträge dem Herrn Reichs 
kanzler, sowie dem Herrn Staatssekretär im Reichsamt des Innern, dem 
Herrn Handelsminister und dem Magistrat von Berlin Kenntnis gegeben, 
und war durch wiederholte schriftliche Eingaben und mündliche Refe 
rate bestrebt, die Reichsregierung zu einer Präzisierung ihrer Stellung 
zu bewegen. 
In der Antwort des Herrn Reichskanzlers, aus Karlsbad den 
20. Mai datiert, auf die Eingabe des Vereins zur Förderung des Gewerbe- 
fleisses hatte es geheissen: 
»Ebensowenig ist bisher die finanzielle Sicherung, sofern sie 
durch die Bereitstellung von erheblichen Geldmitteln seitens 
Privater und seitens der Stadt Berlin herbeizuführen wäre, in 
einer Weise gewährleistet, welche dem Urteil der verbündeten 
Regierungen eine hinreichende Unterlage bieten könnte«. 
Dieser Bescheid konnte insofern nur erwünscht sein, als er den 
einzuschlagenden Weg klar vorzeichnete: Wir mussten unser Bestreben 
zunächst darauf richten, der Reichsregierung zu beweisen, dass es an 
einer finanziellen Sicherung des Unternehmens durch Bereitstellung 
privater Mittel nicht fehlen werde. 
Nach längeren Verhandlungen wurde es erreicht, dass das Aeltesten- 
kollegium, unser Verein, der Verein der 1879er, der Verein zur 
Förderung des Gewerbefleisses und der Verein für Deutsches Kunst 
gewerbe zu einheitlicher Aktion sich zusammenthaten. Es muss aus 
drücklich hervorgehoben werden, dass der Verein der 1879 er und der 
Verein zur Förderung des Gewerbefleisses unserer Anregung mit 
freudigem Verständnis entgegenkamen. Auch das Aeltestenkollegium 
war zur Teilnahme an unseren Arbeiten sofort bereit, doch begrenzte 
es die Aufgabe, der seine Teilnahme galt, auf die Beschaffung eines 
Garantiefonds in Berlin, während es eine weitergehende, insbesondere 
alle organisatorische Thätigkeit dem deutschen Handelstage und dem 
etwa von diesem einzusetzenden Komitee vorbehielt. Am 1. Juni fand 
im Saale des Aeltestenkollegiums die erste Besprechung statt. Es 
galt, eine freie Vereinigung zur Beschaffung des Garantiefonds zu 
bilden, Satzungen für diese freie Vereinigung und das Formular für 
den Garantiezeichnungs- Schein festzustellen. Nach allem Vorauf 
gegangenen durften wir hoffen, dass die Besprechung sofort ein end- 
giltiges Ergebnis im erwünschten Sinne haben würde. Diese Hoffnung 
wurde getäuscht. Wie dies gekommen, darüber wollen wir schweigen, 
um Persönliches zu vermeiden. Der Verlauf jener Besprechung ist in 
einem Protokoll niedergelegt, dessen Veröffentlichung Vorbehalten 
bleiben muss. Einen Punkt aber heute schon hervorzuheben, halten 
wir uns für verpflichtet: Bei der Begeisterung, mit welcher zu der er 
wähnten Zeit der Gedanke einer Weltausstellung in Berlin nicht blos 
hier, sondern — abgesehen von den Vertretern partikularistischer 
Sonderinteressen — in ganz Deutschland begrüsst worden war, hätte 
der alsbaldige Aufruf zur Zeichnung eines Garantiefonds Riesensummen 
ergeben, so imposant, dass die Reichsregierung sich zur That gedräng 
gefühlt hätte. Dies hatten wir erkannt, dies hatten wir in Erfüllung 
des von Ihnen übernommenen Mandates in jener Besprechung zur 
Geltung gebracht. Das Ergebnis war, dass man uns Stürmer nannte, 
und — dass die Mehrheit wider uns war. Eine Vertagung wurde 
beschlossen. Wir hatten später den Eindruck, dass einzelne Be 
fürworter einer dilatorischen Behandlung in der Hauptsache von den 
nämlichen Gesichtspunkten geleitet worden wären, welche der Herr 
Reichskanzler in seinem an uns zwei Tage nach jener Sitzung unter 
dem 3. Juni gerichteten Schreiben zum Ausdruck gebracht hatte, in 
dem er es für seine Pflicht erklärte, 
»zunächst die von den gesetzgebenden Faktoren gebilligte 
und mit Reichsmitteln unterstützte Beteiligung des deutschen 
Gewerbes an der Ausstellung in Chicago mit allen Kräften 
zu fördern und zu schützen«. 
In diesem Schreiben war ferner gesagt, dass 
»wie immer die Bestrebungen für Berlin sich gestalten, keines 
falls schon der Zeitpunkt 1896/97 für die Veranstaltung einer 
neuen Ausstellung in Frage kommen könnte«.. 
Am 7. Juni antworteten wir dem Herrn Reichskanzler, dass unsere 
Bestrebungen für eine Weltausstellung in Berlin keineswegs die Ab 
sichten beeinträchtigen wollten, von denen die Reichsregierung im 
Hinblick auf die Chicagoer Weltausstellung geleitet war, und dass die 
von uns vorgeschlagene Terminbestimmung nur den Zweck hatfe, 
Deutschlands Anspruch auf eine Weltausstellung innerhalb dieses Jahr 
hunderts unwiderruflich festgestellt zu sehen. Zugleich theilten wir 
dem Herrn Reichskanzler mit, dass wir zur Beseitigung jeder Miss 
deutung, als ob wir die deutsche Beteiligung an der Chicagoer Welt 
ausstellung kreuzen wollten, die Bildung einer freien Vereinigung zur 
Schaffung eines Garantiefonds für die Weltausstellung in Berlin bis 
zum Herbst zu vertagen beschlossen hätten. Dieser Beschluss war 
durch das Aeltestenkollegium mit herbeigeführt worden, da dies am 
selben Tage uns schriftlich erklärt hatte, dass es seine Teilnahme an 
dem geplanten Werke bis zum Herbst vertage, hinzufügend, dass eine 
mehrmonatliche Pause in keiner Weise schädlich sei, 
»da ein früherer Zeitpunkt als 1898 doch nicht für die Aus 
stellung in Aussicht zu nehmen ist«. 
Unser letzterwähntes Schreiben war noch nicht achtundvierzig 
Stunden in den Händen des Herrn Reichskanzlers, als wir schon von 
Paris die Bestätigung erhielten, wie richtig und wichtig unser Wunsch 
war, den deutschen Anspruch auf eine Weltausstellung innerhalb dieses 
Jahrhunderts unwiderruflich festgestellt zu wissen. Wir meldeten, was 
wir erfuhren. Vergeblich! Unsere Vorstellungen erzielten keine sicht 
bare Wirkung. Anfang Juli wurde offenkundig, was wir vertraulich 
erfahren und mitgeteilt hatten. Noch durften wir hoffen — und wir 
glauben das auch heute — dass der Vortritt Berlins sich sichern liess, 
wenn man uns einen Bescheid gab, der uns zur sofortigen Inangriff 
nahme der Bildung eines Garantiefonds aufforderte. Doch auf Seiten 
der Reichsregierung überwog die Scheu vor der Aufnahme eines 
Konkurrenzkampfes, und schon lag die Angelegenheit nicht mehr bei 
dem Reichskanzler, sondern bei den Einzelregierungen, die ihrerseits 
bei den Grossindustriellen, bei den Handelskammern u. s. w. Umfrage 
hielten. 
Inzwischen waren die Gemeindebehörden Berlins der Frage näher 
getreten. Sie hatten, wie uns unter dem 14. Juli offiziell mitgeteilt 
wurde, zur Förderung der Veranstaltung einer Weltausstellung in Berlin 
eine gemischte Deputation eingesetzt, und diese war am 6. Juli zu dem 
einstimmig gefassten Beschlüsse gelangt, 
»den Gemeindebehörden zu empfehlen, dem Garantiefonds 
für die geplante Weltausstellung in Berlin eine Summe von 
10 Millionen Mark zur Verfügung zu stellen, und zwar unter 
der Voraussetzung, dass die Ausstellung bis zum Jahre 1898 
einschliesslich stattfindet«. 
Im Gegensätze zu der freudigen Zustimmung, die also dem Unter 
nehmen seitens der städtischen Behörden entgegengebracht wurde, 
hatten die Umfragen der Regierungen so lau geklungen, dass keine 
anderen als laue Antworten erfolgen konnten. Hätten die Umfragen 
einen anderen Ton gehabt, so hätte Stumm nicht verneint, sondern 
es wäre das Nein verstummt! 
Schon waren wir im Begriff, uns in einer Immediateingabe an 
S. M. den Kaiser zu wenden, als am 13. August der Reichsanzeiger
	        
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