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Beiwerk der Ausstellung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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A. C. Strahl, »Heimkehr« von Alexander von Roberts, 
»Fiddicke und Sohn« von Keller und Hermann. Das 
letztgenannte Stück hat teilweise die Gewerbe-Ausstel 
lung zum Hintergrund. 
Ganze zwei Monate hat sich das Theater »Alt- 
Berlin« über Wasser zu halten vermocht; am 30. Juni 
schloss es für immer seine Pforten; im Durchschnitt 
wurden täglich kaum 300 Mark Einnahme erzielt. Selbst 
in der günstigsten Zeit blieben die Einnahmen um 
etwa 1000 Mark hinter den Tageskosten zurück. Am 
16. Juli erfolgte die Anmeldung des Konkurses; die 
Passiva bezifferten sich auf 210000 Mark. Für das ver 
krachte Schauspieler-Personal wurden während der Zeit 
der Theaterferien im »Berliner Theater« die Vorstel 
lungen von »Fiddicke und Sohn« fortgesetzt. Den 
Fundus, dessen Anschaffungswert 150 000 Mark betrug, 
übernahm Sehring für das »Theater des Westens« (jetzt 
»Goethe-Theater«) zu 40 Prozent des Anschaffungswertes. 
Am 19. August wurde das Gebäude auf Abbruch ver 
kauft. Alles in allem wurden 16000 Mark, etwas über 
7 Prozent, an die Gläubiger verteilt. 
❖ !?i 
* 
Unter den Einzel-Ausstellungen im Ausstel 
lungsparke verdient in erster Linie das »Museum 
für Völkertrachten« in einem bescheidenen Anbau 
der »Spreewaldschänke« am Karpfenteiche genannt 
zu werden, welches durch wirkungsvoll gruppierte 
Figuren und Originalstücke von Hausrat aller Art, so 
wie durch eine reichhaltige Kollektion von Volkstrachten 
das Volksleben der Mark Brandenburg bis zur Ober- und 
Niederlausitz veranschaulichte. Das Spreewaldhaus 
selbst bildete ein Schmuckstück des Ausstellungsparkes. 
* * 
* 
Verschiedene Ausstellungen verfolgten den Zweck, 
die modernsten Erfindungen auf dem Gebiet der Phono- 
graphie und Photographie populär zu machen. Der 
Pavillon der deutsch-österreichischen Edison- 
Gesellschaft, unweit der zum Ausstellungsbahnhof 
führenden Brücke, gewährte durch die dort aufgestellten 
Phonographen und Kinetoskope, welche zum Teil mit 
Kinetophonen verbunden waren, eine Fülle der reiz 
vollsten Unterhaltung. Die Vorstellungen bestanden in 
Vorführungen von Transparentbildern, welche vermittelst 
eines Kinematographen der Firma Auguste und Louis 
Sumiere, Lyon, Scenen des Verkehrslebens und des 
Industriebetriebes zur Anschauung brachten. Die von 
dem photographischen Apparat aufgenommenen Bilder 
(900 in einer Minute) befanden sich auf 18 m langen, 
3 m hohen Kollodiumstreifen, welche im Kinemato 
graphen hinter der 6 qm grossen Leinwandfläche mit 
derselben Geschwindigkeit, wie bei der Aufnahme, ab 
gerollt und durch intensives elektrisches Licht projiziert 
wurden. Der »Edison-Pavillon« brannte im August 
während einer Vorstellung nieder, wurde aber in aller 
kürzester Zeit noch vor Monatsschluss wieder aufgebaut 
und in allen seinen Abteilungen neu eröffnet. 
In der Nachbarschaft des Edison-Pavillons bot eine 
»Camera obscura« Gelegenheit, das farbig belebte 
Bild des Ausstellungstreibens zu studieren. Das Kuppel 
türmchen des in maurischem Stil gehaltenen, kapellen 
artigen Bauwerks umschloss einen drehbaren Spiegel, 
welcher die Umgebung (Wandelhalle, Portal des Haupt- 
Ausstellungsgebäudes, Karpfenteich u.s.w.) in den völlig 
dunklen Innenraum auf einer kreisrunden, weissen Tisch 
platte abspiegelte. 
❖ 
Das Theatrophon der Firma Bänsch & Co., zur 
Seite des Pavillons des »Berliner Lokal-Anzeigers«, 
übermittelte zu den entsprechenden Tageszeiten auf 
mikro-telephonischem Wege die Proben und die Vor 
stellungen des Königlichen Opernhauses und des Neuen 
Opern-Theaters (Kroll). 
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❖ 
Die Sonderausstellung »Nordpol« hatte von Be 
ginn der Ausstellung an mit widrigen Umständen aller 
Art zu kämpfen, welche die Entwicklung dieses von 
dem Ausstellungspark durch die Köpenicker Landstrasse 
getrennten Specialitäten-Bezirks in ungünstigster Weise 
beeinflussten. Auf einer 12 000 qm umfassenden Fläche, 
eingeschlossen von einer künstlich aus Gipsmasse her 
gestellten Nordpol - Landschaft mit Tropfsteinhöhlen, 
Grotten, einem elektrisch erleuchteten Eisberg, einer 
Schlittenbahn und dergleichen mehr, waren in Pavillons 
und anderen, meist einfacher gehaltenen, budenartigen 
Bauten einige Dutzend Special-Ausstellungen, darunter 
eine »Konkurrenz der Frauenschönheit«, ein 
»amerikanisches elektrisches Theater«, verschiedene 
industrielle Specialbetriebe, eine Zahnradbahn und zahl 
reiche Wein-und Bier-Restaurants untergebracht worden. 
Infolge von Missständen und Unglücksfällen sah sich 
die Polizeibehörde hier zu wiederholtem Einschreiten 
veranlasst. Schon im Juli wurde eine Anzahl der im 
»Nordpol« dargebotenen Schaustellungen gerichtlich 
geschlossen, ein Teil der Pächter räumte teils freiwillig, 
teils unfreiwillig das Feld; schon Ende August waren 
die Räume des »Nordpols« von Gerichtsvollziehern fast 
gänzlich ausgeleert. 
Der eigentliche Ausstellungsverkehr ist diesem unter 
mangelhafter Organisation leidenden Privat-Unternehmen 
von Anfang an fern geblieben. 
* * 
* 
An der Verpflegung der Ausstellungsbesucher konnte 
nur ein geringer Bruchteil der ursprünglichen Be-
	        
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