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Beiwerk der Ausstellung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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geschütze der Schiffe waren auf je 25 Schüsse ein 
gerichtet. Am Felsenfort befand sich ein 50 m hoher 
Turmbau, welcher für die bei einzelnen Abend 
vorstellungen mit erhöhten Eintrittspreisen vorgesehene 
Girandola bestimmt war. Ein umfangreiches Programm 
buch gab die notwendigen Erläuterungen der viel 
fältigen, hiervorgeführten Manöver (Torpedosprengungen, 
Rammen, Scharfschiessen nach schwimmenden Scheiben 
u. s. w.). Ein Militärkonzert eröffnete die Vorstellungen, 
bis der Donner der Geschütze die Musik übertönte. 
Die pyrotechnischen Schauspiele wurden unter Leitung 
des Herrn Lodovico Serafini durch den römischen 
Pyrotechniker Marazzi ausgeführt. Zu Ehren des Kon 
gresses der »Institution of Naval Architects« wurde 
am 13. Juni eine Galavorstellung mit Torpedoschiessen 
auf das Fregattenmodell »Minerva« veranstaltet. Die 
im Monat August zum Besten der Hinterbliebenen der 
mit dem »Iltis« zu Grunde gegangenen Seeleute veran 
staltete Wohlthätigkeitsvorstellung ergab einen Ueber- 
schuss von 2017,26 Mark. Die Aufwendungen für die 
Einrichtung und für die Durchführung der Marineschau 
spiele waren so hoch, dass trotz des verhältnismässig 
starken Besuchs ein finanzieller Erfolg für die Unter 
nehmer ausblieb. 
* * 
* 
Neben zahlreichen elektrischen Motorbooten ver 
sahen die Fahrzeuge venetianischer Gondolieri 
den Verkehrsdienst zwischen den beiden grossen Seen 
des Ausstellungsparks, deren Verbindung vermittelst 
Durchfahrt unter dem Hauptrestaurant hergestellt war. 
Rundfahrten unter Führung der Gondolieri gehörten zu 
denjenigen Veranstaltungen der Ausstellung, welche 
den Genuss des herrlichen Landschaftsbildes in wahrhaft 
poetischer Weise ermöglichten. Am 6. August fand 
auf dem »Neuen See« eine Regatta der Gondolieri statt. 
* * 
* 
Das »Alpenpanorama«, eine Bergfahrt im Ziller- 
thal zur »Berliner Hütte« auf der Schwarzsteinalm, war 
auf einem Flächenraum von 25 000 Quadratmeter er 
richtet. Der die »Alpenwiese« und das »Nasse Viereck« 
beherrschende Frontbau des Panoramagebäudes stellte 
ein Tiroler Schloss dar, welches, an eine von einer 
Gebirgslandschaft überragte bewachsene Bergwand an 
gelehnt, den Haupteingang des komplizierten Wunder 
baues bildete. Die Gestaltung des Mittelbaues, ein 
Werk des Architekten G. PIochgürtel-Berlin, zeigte als 
Unterbau des Daches ein in dem Mittelraume zusammen 
laufendes Bündel von Säulenträgern, deren Anordnung 
den gesamten Innenraum für die Perspektive freiliess. 
Um das von dem Alpenlandschaftsmaler Joseph 
Rummelspacher ausgeführte Gebirgspanorama zu be 
wundern, liess man sich vermittelst eines elektrischen 
Aufzugs auf einen Altan mit weiter Rundsicht empor 
heben. Die Illusion des Hochgebirgspanoramas war 
von überraschender Wirkung. Luftfärbung, Wirkung 
des Hintergrundes und Abstufung der Vordergrund- 
partieen boten entzückende Farbenwirkungen, zu deren 
Steigerung der Wechsel der Beleuchtung, namentlich 
in den Abendstunden, erheblich beitrug. Oberinspektor 
Brandt vom Königlichen Opernhaus hat den Schöpfern 
des Alpenpanoramas, um dessen Ausführung sich ins 
besondere die Herren Amtsrichter Deegen, Ratszimmer 
meister Schwager, Professor Kirchner und Kaufmann 
Ludwig Tietz verdient gemacht haben, bei Herstellung 
der Lichteffekte mit Rat und That zur Seite gestanden. 
Die elektrische Drahtseilbahn im Thalgrunde war von 
der Maschinenbauanstalt Hillerscheidt & Kasbaum und 
von der Union Elektricitätsgesellschaft hergestellt. 
Das Alpenpanorama hatte sich eines ausserordent 
lich starken Zuspruchs seitens der Ausstellungsbesucher 
zu erfreuen. Während der beiden letzten Ausstellungs 
monate war im Vorraum ein kunstvoll ausgeführtes 
Hochrelief der österreichisch-bayerischen Nordwestalpen 
aufgestellt, dessen Verfertiger der Präparandenlehrer 
J. Dinges zu Mindelheim in Bayern, ist. 
* * 
Die kurze, leid volle Geschichte des Ausstel 
lungstheaters »Alt-Berlin« bildet ein an Enttäu 
schungen, fehlgeschlagenen Hoffnungen und irrtüm 
lichen Voraussetzungen überreiches Kapitel der Berliner 
Gewerbe - Ausstellung. Ein Bühnenunternehmen mit 
litterarischen Bestrebungen passt nicht in die Gesamt 
stimmung des Ausstellungslebens; auch die lokalpatrio 
tische Tendenz der für die Bühne des Theaters »Alt- 
Berlin« von zehn namhaften Autoren vorbereiteten 
Schauspiele vermochte auf die grossen Massen keine 
Zugkraft auszuüben. 
Der Urheber der Idee und der geschäftliche Leiter 
des Unternehmens war der Schriftsteller Paul Blumen 
reich; der Architekt war Bernhard Sehring. Als Ober 
regisseur hatte man den Theaterfachmann Witte-Wild 
aus Breslau berufen. Für die Finanzierung des Unter 
nehmens hatte sich eine Gesellschaft mit beschränkter 
Haftpflicht konstituiert, die im wesentlichen aus den 
Lieferanten des Theaters bestand. Nach den Entwürfen 
Sehrings hatte die Aktiengesellschaft für Beton- und 
Monierbauten das feuersichere Bauwerk hergestellt. Der 
Bühnenbau war in besonders grossartigen Verhältnissen 
gehalten und mit Aufgebot aller scenischen Vorteile 
und Einrichtungen ausgerüstet. Der Zuschauerraum 
fasste 1850 Personen. 
Zur Aufführung gelangten folgende Werke: »Die 
Wendentaufe« von Carl Bleibtreu, »Die schwere Not« 
von Ernst von Wolzogen, »Die Büsserin« von Conrad 
Alberti, »Der Meister von Berlin« von Ulrich Hart 
mann, »Gotzkowsky« von Adalbert von Hanstein, »An 
mein Volk« von Axel Delmar, »Unsere Victoria« von
	        
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