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Die Sonder-Ausstellung Kairo

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

gängliches Kutscherlokal am Pudergestell und das 
massiv errichtete Maschinenhaus hart an der Eisen 
bahn, Das Gesamt-Areal von »Kairo« betrug 
36 577 Quadratmeter, wovon die gewaltige Arena den 
grössten Einzelkomplex in Anspruch nahm. 
Die Besucherzahl erfüllte die Hoffnungen der 
Gesellschaft: am 15. Oktober, dem Tage des offiziellen 
Ausstellungsschlusses, war die zweite Million bereits 
um einige Tausend überschritten. Bei nur massigem 
weiteren Besuche hielt »Kairo« dann seine Pforten 
noch zehn Tage länger offen, hauptsächlich um die 
Araber, deren Abreise nicht früher zu ermöglichen war, 
inzwischen zu beschäftigen. — Zugleich wäre hier der 
Ort, über das Verhältnis »Kairos« zur Berliner Ge 
werbe-Ausstellung die erforderlichen Bemerkungen 
einzuschalten. Nach Ansicht der leitenden Kreise wäre 
der Besuch unserer Specialabteilung ohne die Schranke, 
welche vor 7 Uhr Abends zugleich ein Billet für die 
Hauptausstellung forderte, noch wesentlich grösser ge 
worden. Die Pachtsumme für das Gelände, welche an 
die Kasse der Gewerbe-Ausstellung ging, betrug 
54 250 Mark. Sodann verfielen dieser Kasse 10 pCt. 
von jedem normalen Billeterlös in »Kairo«, worunter 
wohl auch die später hier abgeschafften besonderen »Elite 
tage«, mit aufs Doppelte erhöhtem Entree, entsprechend 
gehörten. Im Falle eines »kombinierten Einmark- 
Tages« zahlte die Hauptausstellung in der Woche 
2U/2 Pfennig, Sonntags 18 Pf. pro Kopf an »Kairo« aus. 
Nach diesen Angaben lassen sich die aus der 
Veranstaltung als einem Ganzen geflossenen Ein 
nahmen annähernd schon berechnen; zum mindesten 
hätte es für keinen Interessenten Schwierigkeiten, an 
der Hand der jeweiligen Eintrittsbestimmungen ein 
ziemlich richtiges Facit zu gewinnen. Die genaue Zahl 
zu geben, nahm die Direktion vorläufig Anstand. Es 
traten dann ferner die Einnahmen aus den Arena- 
Vorstellungen hinzu, welchen aber das häufige Regen 
wetter Abbruch genug that, um sie hinter der Er-' 
Wartung bleiben zu lassen. Die Pyramide (sowohl P'ahr- 
stuhl zur Spitze wie das Innere) wurde hinreichend, die 
Moschee El-Muaijad etwas schwächer besucht. Gering 
fügig soll sich jedoch der Erlös aus dem Esel- und 
Kamelreiten darstellen, wie es heisst, durch Schuld 
der kleinen Treiber. Die zahlreichen edlen Pferde, 
eine piece de resistance der Arenaspiele, fanden am 
Schluss willige Käufer. 
Buntscheckig genug setzte sich die Bevölkerung 
zusammen; sie bot darin ein äusserst treues Abbild des 
echten Kairo. Vertreten waren: Araber, Berberiner 
(d. h. Nubier), Sudanesen, Syrier, ägyptische Bedui 
nen und Kopten, Palästinenser, Tunesier, Algerier, 
Türken, daneben Engländer, Franzosen und Italiener. 
An Konzerten herrschte in »Kairo« kein Mangel. 
Ausser der 60 Mann zählenden, stattlich uniformierten 
Kapelle des Khedive unter Major Faltis, die auf dem 
Hauptplatze spielte, waren zwei Hauskapellen, endlich 
eine ungarische und eine rumänische am Platze. Son 
stige Veranstaltungen, soweit sie bisher noch nicht 
besprochen wurden, hatten sich in den altägyptischen 
Bauwerken aufgethan. Der Brunnentempel des Königs 
Sethos enthielt die Druckerei nebst Redaktion des 
»Kleinen Journals von Kairo«, eines täglich hier 
erscheinenden, die Programme, neuesten Depeschen 
und Lokalnachrichten, sowie Plaudereien und Inserate 
enthaltenden Blattes im künstlerisch bunten Gewände. 
Im Horustempel von Edfu befand sich ein recht zahl 
reich beschickter Salon für Orientmalerei, über 
dessen Gaben zu urteilen Sache des speciellen Kunst 
kenners gewesen wäre, in den Pylonen aber inter 
essante Sammlungen ägyptischer Herkunft, welche 
hier nochmals aufzuzählen kein Anlass mehr besteht. 
Eine Gewissensfrage, auf deren klare Beantwortung 
man oft verzichten lernte, war zu guterletzt diejenige 
nach den Ergebnissen der Einzelunternehmen 
in »Kairo«. In dem weitgedehnten Hauptrestaurant 
hatte ein tüchtiger Oekonom bei Zeiten für billige 
Preise und gute Biersorten gesorgt, so dass sein Urteil 
»mehr als zufrieden« lauten konnte. Aehnlicher Be 
scheid erfolgte im Arena-Restaurant, im Weissbierlokal 
von Gebhardt und in den national-arabischen Schenken. 
Wilhelmjs Weinrestaurant war für höhere Ansprüche 
zugeschnitten und hatte auch entsprechend geringeren 
Verkehr. Die arabischen Theater hielten finanziell 
nicht, was sich der Unternehmer versprach; das »Kleine 
Journal von Kairo« und der dort erschienene »Offi 
zielle Führer« fanden angemessenen Absatz; nebenbei 
hatte das Etablissement noch reichliche Druckaufträge zu 
bewältigen. Die Ladenbesitzer hatten durchschnittlich 
gute Geschäfte zu verzeichnen, einige arabische Kauf 
leute ausgenommen, die sich mit der Sprache und 
den Sitten zu schwer abfanden. Wenig besucht waren 
die Dioramen u. dergl. m. Das Restaurant von 
August Gorff hingegen bildete stets den Mittelpunkt 
für alle, die sich zum Orient bekannten; möchte der 
brave deutsche Herbergsvater in Kairo, dem dort so 
viele unserer Landsleute Dank für Rat und Hilfe 
schulden, ein gutes Andenken an Berlin bewahren. 
Der rechte Abschied von Kairo musste an einem 
der unvergesslichen Feuerwerksabende genommen wer 
den, wie sie Herr Moritz Lehmann, auch als Pyro 
techniker genial, mit seinen selbstersonnenen Feuer- 
fontainen arrangierte. In wechselnde, aber stets inten 
sive Lichter getaucht, von Funkenregen und farbig ge 
tönten Rauchwolken umflossen, boten die Palmenhaine, 
Minarets, Tempel und Thorbauten, samt der erhabenen 
Pyramide aus dunkler Nacht glitzernd hervortretend, 
eine glutdurchhauchte Apotheose des phantastischen 
Wunderwerkes dar. Carl Krug. 
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