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Die Sonder-Ausstellung Kairo

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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für die Schwertxechterkünste, den Kreiselreigen der 
Derwische und den vielgerühmten Bauchtanz in be 
scheideneren Grenzen. Gewisse Landeseigentümlich 
keiten scheinen auch trotz der günstigsten Bedingungen 
keinen Export zu vertragen: sie blassen unter anderem 
Himmel rasch ab. Ausserdem ist längst bekannt, dass 
die ägyptische Choreographie sich schon seit fünfzig 
Jahren im stetig zunehmenden Verfall befindet. Der 
arabischen Musik Verständnis oder gar Geschmack ab 
zugewinnen, ist ausser dem schon genannten Organi 
sator der Leibkapelle des Khedive, V. Fr. Faltis Bey, 
einem geborenen Böhmen, wohl noch niemandem ge 
lungen: seine Hornisten spielten hier mehrere arabische 
Weisen in abendländischer Instrumentation, kamen aber 
nie über einen Achtungserfolg hinaus. Noch fataler 
wirkte natürlich ein rein arabisches Orchester. Ihren 
regelmässigen Gottesdienst am Freitag, für den die 
Moschee El-Muaijad eingerichtet war, scheinen die An 
kömmlinge ganz im Verborgenen gehalten zu haben, 
was vielleicht, alles erwogen, auch das beste gewesen 
sein mag. Wiederum hat unser Publikum für die 
vor seinen Augen arbeitenden ägyptischen Hand 
werker ein lebhaftes Interesse gezeigt. Die sehr 
wohlerzogenen Drechsler der Firma Parvis, welche 
beim Arbeiten ihre Zehen geschickt zu Hilfe nahmen, 
die Cigarettenarbeiter der Firma Lagnado & Co. aus 
Kairo, fleissige Schuhmacher, Tarbuschformer, Klempner, 
Mattenflechter und besonders die emsigen Zeltdecken 
näher fanden nicht nur Bewunderer, sondern anch 
Käufer ihrer Arbeiten. Wenn der Absatz bei manchem 
trotzdem nicht nach Wunsch ausfiel, so muss man in 
Betracht ziehen, dass der Handelsverkehr sich oft 
schwerfällig gestaltete, die Waren aber für unsere Ver 
hältnisse mehr Kuriosa als passende Gebrauchsgegen 
stände darboten. Viele Schaulustige zog die arabische 
Gold- und Silberschmiede von Bechit Ghirzis aus 
Kairo an, deren Armbänder und Scarabäen-Brochen 
ziemlich begehrt wurden; auch die Stickereiarbeiten 
der Araber fanden Beifall. 
Szenen einer gemeinsamen europäisch-arabischen 
Volksbelustigung hervorzurufen, hat sich das Kamel- und 
Eselreiten als geeignetes Mittel erwiesen. Die Aus 
gelassenheit auf beiden Seiten brachte häufig sehr 
drollige Genrebilder zuwege, wenn auch nicht zu 
leugnen ist, dass der später vorwiegend lästig ge 
wordene Uebermut der Araber gerade bei den Esel 
jungen und Kameltreibern anfing. Ohne Zweifel hat die 
Berliner Bevölkerung sehr viel von sich aus dazu bei 
getragen, dass der Orientale hier den ihm anerzogenen 
Respekt vor jedem Europäer vernachlässigen lernte. 
Dies gänzlich zu verhindern, wäre ja bei dem Charakter 
der Veranstaltung auf keinen Fall möglich gewesen 
Allein die Leiter haben denn doch mancherlei von 
vornherein versehen. Das System, die Leute nach 
ihren Beschäftigungen bezw. Aufgaben in besser über 
wachte Gruppen zu ordnen, ist, wenn überhaupt, sehr 
schlecht durchgeführt worden. Ausserdem hat man 
mit europäischen Hilfskräften, die, den Besuchern wie 
den Arabern zu gleichmässigem Nutzen, hätten Platz 
dienst thun sollen, in unzweckmässigster Art gespart. 
Die beklagenswerten Schlägereien schon im Mai, welche 
einige Söhne des Ostens sogar ins Gefängnis geführt 
haben, mussten sich rechtzeitig ersticken lassen. Nun 
aber hatte Herr Direktor Möller noch den schweren 
taktischen Fehler begangen, sich bereits vor dem 
eigentlichen Beginn der Ausstellung mit der öffentlichen 
Meinung zu Überwerfen. Dass hierbei die Beduinen 
seines zufälligen Gefolges Europäern gegenüber eine 
Rolle spielen durften, hat gerade unsere Kenner des 
Orients, eigentlich die berufenen Beurteiler des Falles, 
mit Recht unwillig gemacht. Wenn ferner arabische 
Blumenverkäuferinnen auftauchten, die einen Strauss, 
den man bei uns auf der Strasse anstandshalber mit 
30 bis 40 Pfennig bezahlt, für x Mk. 50 Pfg. anzu 
bringen strebten, und zwar mit grosser Hartnäckigkeit, 
so wäre die etwaige Erlaubnis dazu von Seiten der 
Direktion als ein blosses »Enrichissez-vous« zu verstehen 
gewesen. Später verschwand dieser und mancher andere 
organisierte Bettel, ohne dass darum die pfiffigen 
Gesellen ihr gelegentliches »Bachschisch« zu entbehren 
brauchten. 
Der Prophet Muhammed würde sich bis zum 
Schwindligwerden im Grabe umgedreht haben, wenn 
er jede Sünde seiner Bekenner gegen das koranische 
Temperenzgebot in »Kairo« hätte beobachten können. 
Am tapfersten hielten sich die Beduinen gegen alle 
Verführung durch Bier und — Cognac, dafür huldigten 
die in Kairo selbst Angeworbenen dem Trünke um so 
früher. Natürlich thaten viele Ausstellungsbesucher 
noch ein übriges dazu. Es war nur in der Ordnung, 
dass Direktor Möller bei diesen und ähnlichen Exzessen 
mit Schärfe durchgriff. Mit Zureden ist bei den 
Orientalen in kritischen Umständen selten etwas auszu 
richten. Im allgemeinen darf man sagen, dass seit 
Beginn des Juli das rechte Verfahren gefunden worden 
ist, so dass grössere Aergernisse von da ab nicht mehr 
vorkamen. Dass indessen die Europäer in Aegypten 
besondere Freude an den neuen Unarten haben 
werden, die sich nun als »Treptower Erfolge« dort 
unfehlbar an melden, glauben wir kaum. Dies ist als 
eine der mehr oder weniger unvermeidlichen Schatten 
seiten zu betrachten, welche das zu Ehren Berlins 
unternommene Werk mit sich führte. 
Was die Schlafräume und Verpflegungseinrichtungen 
für die fast vierhundert Köpfe zählenden Fremdlinge 
betraf, so ist über diese prompt funktionierende und 
geordnete Einrichtung sehr wenig bekannt geworden. 
Aus dem einfachen Grunde, weil das grosse Baracken 
lager der Leute •— hinter der El-Muaijad-Moschee 
beginnend und längs der südwestlichen Umfassung
	        
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