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Die Sonder-Ausstellung Kairo

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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schwebte ein Hauch der Gemütlichkeit, die von uns 
im Orient durchgängig vermisst wird. 
Kurze Zeit vor der Eröffnung wurden noch das 
Thor des Haupteinganges (Bab el-Futüh) mit seinem 
massigen Turmpaare und die beiden altägyptischen 
Kolossal - Sitzbilder vor dem Horustempel vollendet. 
Den grossen Sphinx von Gizeh ebenfalls darzustellen, 
wie ursprünglich beabsichtigt war, verhinderte nur der 
schliessliche Mangel an Raum dafür. Denn das Stadt 
bild hatte bei so schaffensfroher Ausgestaltung fort 
während imposanteren Umfang gewonnen: auf dem 
ältesten Entwürfe nur als ein ziemlich schmaler Kranz 
um die Arena lagernd, schwoll es auf jedem neuen 
Risse nach allen Richtungen an. 
Diese Schöpfung der mit allen modernen Hilfs 
mitteln arbeitenden Architektur — die Luginosche 
Gipsdielenbekleidung spielte hier dieselbe Hauptrolle 
wie bei den Bauten in der Hauptausstellung — war 
nun entsprechend zu bevölkern und mit echtem In 
ventar zu versehen. Das war eine Aufgabe für sich. 
Ihre erfolgreiche Lösung konnte nur durch energische 
Männer bewirkt werden, die sich im Orient vollkommen 
heimisch fühlten und zahlreiche Verbindungen in 
Aegypten hatten. Direktor W. Möller als Mitgesell 
schafter des Baumeisters Wohlgemuth und hervor 
ragender Afrikakenner übernahm die Leitung diesesTeils. 
Die Hauptschwierigkeiten lagen hier in den Engage 
mentsverhandlungen mit den verschiedenen Vertretern 
aegyptischer Volkselemente, und in der Erwerbung 
bezw. Entleihung von Sammlungen und Requisiten. 
Da nun Herrn Möller bei seiner genauen Bekanntschaft 
mit den Eigentümlichkeiten der schwer zu behandelnden 
Beduinen, Fellachen, Nubier u. s. w. das Anwerbungs 
geschäft von selbst zufiel, wobei er noch durch ein 
längere Zeit dauerndes Leiden empfindlich gehindert 
worden ist, so musste er Umschau nach einem geeig 
neten Vertreter in Bezug auf die übrigen Obliegenheiten 
halten. Herr August Schmidt, der schon früher als 
Direktor bei den ägyptischen Eisenbahn- und Wasser 
bauten thätig gewesen und als langjähriger Sekretär des 
deutschen Unterstützungsvereins in Kairo wohl ange 
sehen war, ging im Januar 1895 im Aufträge der Ge 
sellschaft »Kairo« nach Aegypten. 
Bekanntlich ist der Begriff des Orientalen vom 
Werte der Zeit in hohem Grade mangelhaft; Direktor 
Möller hatte also vollauf zu thun, um mit der Vervoll 
ständigung seiner Truppe noch rechtzeitig ins Reine 
zu kommen. Die Mühewaltung des Herrn Schmidt 
erwies sich hingegen als die kompliziertere. Indes ist 
das Unternehmen durch das liebenswürdige Entgegen 
kommen des deutschen Generalkonsuls Baron von Hey 
king (nunmehrigen Gesandten in China), sodann des 
Geh. Legationsrates Freiherrn von Richthofen, 
nunmehrigen Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt, 
welcher bis dahin Vertreter des Deutschen Reiches 
bei der ägyptischen Dette publique war, aufs beste 
gefördert und ihm mancher sonst schwer gangbare Weg 
geebnet worden. Ebenso erwies sich der ägyptische 
Unterrichtsminister Yakub Artin Pascha überaus 
wohlwollend, und der Khedive selbst nahm warmen 
Anteil an der Sache. Dem Titel dieses Werkes »Berlin 
und seine Arbeit« entsprechend, dürfen wir uns sicher 
gestatten, die fleissige Arbeit Berlins für seine 1896er 
Ausstellung auch dann zu verfolgen, wenn der Schau 
platz der vorbereitenden Bemühungen ein fernes Land 
gewesen ist. 
Soweit die Mithilfe der genannten deutschen Würden 
träger und der Schutz des ägyptischen Beamtentums 
wirkten, konnte Herr Schmidt verhältnismässig leicht 
operieren. Für die Mehrzahl der Kollektionen, welche 
er daraufhin zusammenstellte, wurde seine persönliche 
Verantwortlichkeit in Bezug auf deren Rückgabe als 
genügend betrachtet; gewiss ein schönes Zeugnis! 
Zuletzt willigte der Khedive, nachdem Herr Schmidt 
in Audienz darum gebeten, sogar ein, dass die Waffen 
sammlung aus dem ägyptischen Staatsschätze, darunter 
das vielbewunderte Prachtschwert Mohammed Alis, 
nach »Kairo« hinüberwandere. In gleicher Weise er 
langte der unermüdliche Delegierte, dass die Leib 
kapelle des Fürsten unter Führung ihres Bildners, 
Majors Faltis Bey, für die Dauer der Ausstellung Ur 
laub nach Berlin erhielt, um in »Kairo« zu spielen. 
Schliesslich wurde noch die Erlaubnis erwirkt, dass ein 
Zug von etwa zwanzig Mann der vizeköniglichen Kamel 
garde in voller Ausrüstung mitgehen solle. Aber der 
Dongola-Feldzug zerstörte diesen Plan noch im letzten 
Augenblick, und statt nach Berlin, mussten die Krieger 
südwärts gegen die Derwische traben. 
Um uns jedoch nicht allzu tief in die Wechsel volle 
Vorgeschichte des Unternehmens zu verlieren, möge 
zuguterletzt nur noch auf die Art hingewiesen werden, 
in der die zahlreichen Muschrabijen erworben, bisweilen 
halb erobert wurden. Schon längst hat der ehemalige 
Reichtum der ägyptischen Hauptstadt an diesen kunst 
reichen Gitterzierden abgenommen, und so halten denn 
auch die gewöhnlich konservativ gesinnten Besitzer 
solchen Häuserschmuckes sehr an ihm fest. Ein pfiffiger 
arabischer Bureaudiener wurde von Herrn Schmidt, 
dem sich bei dieser Expedition Herr Lehmann zu 
gesellte, erst auf Kundschaft geschickt, um die Ge 
sinnung des jeweiligen Hausherrn zu erforschen. Erwies 
er sich, in der Regel unter recht hübscher Forderung, 
überhaupt als geneigt zum Verkauf seiner geliebten 
Muschrabijen, so begann mit dem Erscheinen der 
beiden Deutschen erst das eigentliche Ringen. Denn 
nun mischten sich die Damen des Harems ein; sie 
wollten anscheinend lieber das Leben als ihre »arabi 
schen Gardinen« lassen. Und doch hatte der fromme 
Muslim gewöhnlich schon die Hälfte des Kaufpreises, 
oft mehrere hundert Mark, in seiner weiten Tasche.
	        
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