Path:
Die Sonder-Ausstellung Kairo

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

55* 
867 
Die Sonder-Ausstellung Kairo. 
<K 
S nter den drei selbständig geplanten, von der Idee 
einer Berliner Gewerbe-Ausstellung sich der 
Sache nach etwas entfernenden Veranstaltungen 
war »Kairo« diejenige, welche sich auch räumlich abge 
schieden hatte. Die Köpenicker Landstrasse trennte 
den Komplex der Hauptausstellung von dem orien 
talischen Städtebilde, dessen Lage jedoch darum keines 
wegs ungünstiger wurde. Der eigens eröffnete Aus 
stellungsbahnhof auf den Köllnischen Wiesen kam 
vornehmlich »Kairo« zu gute, weil die verlockende 
Pracht seiner Bauten schon den Besucher unwillkürlich 
festhielt, sobald er die grosseUeberführungsbrücke betrat. 
Eine resümierende Betrachtung des Sonderunter 
nehmens muss starken Nachdruck auf die wissen 
schaftliche und künstlerische Seite legen. War das 
benachbarte »Alt-Berlin« ein lokalhistorischer Wieder 
erweckungsversuch, bot die Kolonial-Ausstellung reiches 
Material zum Studium unserer deutschen Schutzgebiete 
und ihrer erst künftighin zu kultivierenden Einwohner, 
so stellte «Kairo» die technisch und materiell nicht 
zu übertreffende Wiedergabe eines Kulturcentrums 
der islamischen Welt vor uns hin. Selbstverständlich 
handelte es sich im Grunde nur darum, einen möglichst 
charakteristischen Ausschnitt aus dem eigentümlichen 
Leben am Nilstrome, und besonders von Kairo, nach 
zubilden, aber gerade damit sind die Leiter des Unter 
nehmens an eine noch nicht dagewesene Aufgabe ge 
gangen. Bei aller Stilgewandtheit unserer Architekten 
bedurfte es doch eines langen und eingehenden Studiums 
der arabischen Bauweise an Ort und Stelle, um 
vorerst einmal die leblosen Gebäude treu nachzuschaffen. 
Sodann zeigte sich, dass ein Hauptmerkmal der 
orientalischen Städte, die Muschrabije in ihren 
Zahllosen Varianten, nicht anders als mit ungeheuren 
Kosten und unberechenbarem Zeitverlust hätte kopiert 
werden können. Während also schon auf dem Bau 
platze zu Treptow im Sommer und Herbst 1895 rüstig 
gezimmert und gemauert wurde, schwammen mächtige 
Ladungen jenes Gegitters und anderer Zierrate, die 
blos für unsern Ausstellungszweck in Kairo und 
Umgebung angekauft worden waren, bereits auf dem 
Meere. Sie trafen ebenso pünktlich ein wie später die 
muhammedanischen Bewohner der neuen Stadt mit 
ihrem Tierpark, die morgenländischen Waren und 
Pflanzen, die Sammlungen und Raritäten. Inzwischen 
versäumte die Bauleitung keinen der kostbaren Augen 
blicke, obgleich noch manche Front, ja manches Haus, 
bei dem die Ausführung unversehens in die abend 
ländische Schablone gefallen war, rücksichtslos um 
gemodelt ward. Als am 1. Mai 1896 die feierliche 
Eröffnung der Gesamtausstellung vor sich ging, 
lautete das einstimmige Urteil der Teilnehmer, dass 
nur »Kairo« vollendet dagestanden habe, und die ersten 
ausführlichen Detailberichte, welche in die Welt hinaus 
gingen, nahmen allesamt, gleichsam impulsiv, »Kairo« 
zum Gegenstände. Möge man es dem Verfasser des 
vorliegenden Berichtes nicht als Unbescheidenheit aus 
legen, wenn er auf Grund eigener Beobachtung zu dem 
Glauben neigt, dass sein damals ausgegebener »Führer 
durch Kairo« dieses rasche Eindringen der Journalistik 
in den exotischen Stoff oft erleichtert habe. 
In Wirklichkeit waren am Eröffnungstage auch 
die Arbeiten in »Kairo« noch keineswegs fertig, aber 
dank den geschickten Dispositionen hemmte kein 
Gerüst mehr die Strassen, keine Verkleidung den 
Blick auf die Gebäude. An versteckteren Stellen aber 
konnte man noch fleissige Handwerker gewahren, und 
der letzte Hammerschlag ist erst Ende Mai geschehen. 
Wir müssen jedoch nunmehr die Art und Weise näher 
betrachten, in welcher das denkwürdige Unternehmen 
seinen Anfang nahm, dann seinen Fortgang und endlich 
seine Gestalt gewann.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.