Path:

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

55 
865 
Der Betrieb der Ausstellung vollzog sich nach den 
vom Verein für die Geschichte Berlins aufgestellten 
Vorschriften. Die Thorhüter, das Bedienungspersonal 
und die Verkäufer stolzierten in den malerischen 
Trachten aus der Schwedenzeit einher. Täglich statt 
findende Aufzüge Hessen noch unmittelbar einen Ab 
glanz alter Zeiten zu Tage treten. Da war ein 
malerischer Wendenzug, ferner ein stattlicher Aufzug 
zum Ringelstechen zu schauen, in dem tout Berlin von 
Anno Dazumal mitmarschierte. Noch origineller war 
ein Gerichtszug, der die mittelalterliche Rechtspflege 
drastisch und ergötzlich veranschaulichte. Alt-Berlin 
hatte auch seine vortrefflich kostümierte Stadtkapelle, 
zu der sich noch ein zweites Orchester, Doppelquartette, 
Liedersänger u. a. m. zur öffentlichen Lustbarkeit ge 
sellten. Ferner wurden acht Illuminationsabende ver 
anstaltet, für welche Hoffacker den Beleuchtungsapparat 
entworfen hatte. Schon S. 166 wurde das Kostümfest 
erwähnt, das am 9. Mai die Studirenden der akade 
mischen Hochschule für die bildenden Künste in Alt-Berlin 
abgehalten haben. Schreiber dieser Zeilen hat den 
offiziellen Führer durch Alt-Berlin verfasst, der im 
Verlag des »Kleinen Journals« erschienen ist. Dieser 
Führer hatte sich zum Ziel gesetzt, den Ausstellungs 
besucher nach allen Seiten hin eingehend zu be 
lehren. Es fielen Streifbilder auf die Alt-Berlinische 
Historie, die kulturellen Zustände wurden dargelegt, 
und die Baugeschichte der Befestigungswerke, des 
Rathauses, der Heiligengeist-Kirche etc. Hess in den 
Charakter der mittelalterlichen Architektur Berlins ein- 
blicken. Das alles diente dazu, den hohen künstle 
rischen Geist, der in der Schöpfung Hoffackers lebte, 
noch schärfer zu beleuchten, als es durch die Schilderung 
der rekonstruierten Bauwerke allein geschehen konnte. 
Beigegeben waren dem Führer 25 Abbildungen nach 
den Originalzeichnungen der geschätzten Maler 
W. Herwarth und W. Weimar. Diese Bilder, welche 
unter den Augen Hoffackers entstanden, sind ohne 
Zweifel das Beste, was von Aufnahmen der Ausstellung 
vorhanden ist. Abgesehen von ihrem künstlerischen Wert, 
sind sie noch deswegen blossen Photographieen vorzu 
ziehen, weil sie keine Spur von dem später eingerissenen 
Plakat-Unwesen und dem mit dem architektonischen 
Hintergrund disharmonierenden modernen Volksgewühl 
enthalten, Dingen, die alle auf den mechanischen Nach 
bildungen mit in Kauf genommen werden müssen. 
Das Monopol, photographische Aufnahmen in Alt-Berlin 
vornehmen zu dürfen, hatte die bekannte Firma 
Ottomar Anschütz erworben. Von anderen Publi 
kationen ist die Aussteliungszeitung »Alt-Berlin« zu er 
wähnen, welche täglich erschien und gleichfalls aus dem 
Verlage des »Kleinen Journals« hervorging. Ferner 
eine kleine vom Geschichtsverein besorgte Schrift, 
welche sich betitelt: »Geschichtliche Erläute 
rungen, verfasst auf Veranlassung des Vereins für 
die Geschichte Berlins von Dr. Clauswitz, Stadt 
archivar. « 
Aus dem Kapitel der altertümlichen und stilge- 
mässen Innenausstattung und Verzierung der Trink 
stuben, Singspielhallen und Verkaufsläden ist nur wenig 
Erfreuliches zu berichten. Die Mieter, welche auf 
den Geist des Ganzen eingegangen sind, lassen sich 
an den Fingern herzählen. So ist nicht einmal der 
Ratskeller auf eine würdige Weise mit Urväter-Haus- 
rat ausstaffiert worden. Der Vereins-Ausschuss hatte 
allerdings Jedem freie Hand gelassen, sich nach Gut 
dünken in seinem Heim einzurichten, mit der alleinigen 
Einschränkung, dass die Architektur im Allgemeinen 
dadurch nicht störend beeinträchtigt würde. Trotzdem 
bleibt es zu bedauern, dass die überwiegende Mehrzahl 
der Mieter nicht einmal den Versuch gemacht hat, 
sich von Alt-Berlinischem Geist beeinflussen zu lassen 
oder auf den guten Rat freundlich gesonnener Helfer 
zu hören. Es ist kennzeichnend und zugleich be 
schämend für Berlin, dass zwei holländische Firmen 
die schönsten und stimmungsvollsten Interieurs aufzu 
weisen hatten. Das war die Alt-Delfter Theestube von 
B. Ford und das Blookersche Kakao-Haus. Unter 
den Berlinern ist allein das Temperenzlerhaus von 
Rudolf Wendt, wo ein wohlschmeckendes Ingwerbier 
verzapft wurde, mit Eifer und Erfolg an eine Dekorierung 
in Alt-Berliner Charakter gegangen. Gute Absichten 
in dieser Hinsicht hegten ferner noch die Konditorei 
von Nixdorf, der Apfelweinausschank von Marschinski, 
das Pilsner Bierhaus von Lindstedt & Co., die Trink 
stube zum Kurfürsten von Zellermayer, die Leder 
warenwerkstatt von G. Hulbe und das Bierhaus von 
Gebr. Roesler. Die Namen der Guten mögen denn 
hier vereinigt werden. Eine besondere Kuriosität, 
eine Sache, an die viele Tausende, Hoch und Gering, 
mit schmunzelndem Behagen Jahre lang zurückdenken 
werden, war die Bauernschänke, in welcher ein 
Herr Max Kaufmann als »grober Gottlieb« im 
Sinne des vormärzlichen Berlin als Inhaber eines 
Museums von unsagbaren Dingen, wie sie der Studenten 
ulk zu zeitigen pflegt, seines lohnenden Amtes waltete. 
Der gewaltige Zulauf, den die Kellerschänke in der 
Georgenstrasse hatte, bewies am besten, dass ein sack 
grober Humor auch in dem modernen Berlin noch 
eine gute Stätte findet. 
Die schlimmste Verirrung jedoch, deren sich viele 
Mieter schuldig gemacht haben, war die Verunstaltung 
der Häuserfronten durch moderne Reklametafeln. Es 
ist ohne Weiteres begreiflich, dass der Zauber des 
Hoffackerschen Kunstwerks in der intimen Patina lag, 
die allen Bauwerken aufgeprägt war. Jeder moderne 
Zusatz brachte daher eine empfindliche Beeinträchtigung 
der Stimmung, die für Alt-Berlin das A und O der 
Wirkung gewesen ist. Der Verein für die Geschichte 
Berlins hatte ein strenges Edikt erlassen, dass die
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.