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Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Berlin war begreiflicher Weise das Rathaus mit dem 
Turm und der Gerichtslaube. Der unregelmässige und 
in verschiedenen Epochen zusammengestoppelte Ge 
bäude-Komplex mit seiner abschreckenden Nüchternheit 
war von Hoffacker so klar komponiert, dass man mit 
den Fingern auf die einzelnen Phasen der Baugeschichte 
hinweisen konnte. Das war eine Leistung, die noch 
besonders einer belobenden Erwähnung würdig ist. Die 
von ungeschickten Händen in den Babelsberger Park 
versetzte Gerichtslaube stand natürlich zu der Re 
konstruktion Modell, nur erhob sich über dem Ober 
geschoss der zeitgemässe geschweifte Barockgiebel. 
In den Bürgerhäusern kamen die verschiedensten 
Stilperioden von 1400 bis 1650 zum Ausdruck. Die 
Wohnhäuser der Patrizier in der Spandauer- und 
Georgenstrasse und in der marktähnlichen Strassen- 
erweiterung, welche nach ihrer Lage »Gegen dem Rat 
hause« hiess, waren meistens in einem sorglich durch- 
geführten Backsteinbau gehalten. Am Markt vornehmlich 
befanden sich einige schöne Exemplare dieser Art mit 
hochragenden Giebeln in den Formen der Spätgotik 
und der Renaissance. Da hatten sich wirkungsvoll kom 
ponierte Gruppen zusammengefunden, in welchen die 
Gegensätze anmutig kontrastierten. Das malerische 
Element in Alt-Berlin kam vorwiegend in bizarr zu 
sammengeschachtelten oder abenteuerlich über einander 
gehäuften Fachwerkbauten zur Geltung, der Platz vor 
der idyllischen P'ischerhütte war ein prächtiges Gemisch 
von poetischen Häusergruppen, in denen sich hand 
greiflich die verschiedensten Individualitäten von klein 
bürgerlichen Bauherren wiederspiegelten. Dass sich da 
auch die sogenannte Rembrandt-Mühle eines holländi 
schen Unternehmers einschmuggeln durfte, war eine 
Sünde wider den heiligen Geist, der dem angrenzenden 
Viertel den Namen gegeben. Mit mehr Recht durfte 
sich allerdings in der Bolingsgasse ein holländischer 
Irrgarten aufthun, der Patrizier Reiche hat thatsächlich 
im 17. Jahrhundert sich eine solche Kuriosität zugelegt. 
Das Vorderhaus des Irrgartens war ein reizvoller kleiner 
Barockbau. Dieser Stil, der unter dem Grossen Kur 
fürsten in Berlin aufkam, zeigte sich noch an mehreren 
andern meist kleinen Häusern. Gegen Cölln hin, also 
in der Nähe des Kurfürstenschlosses, verrieten auffallend 
stattliche Häuser, die wohl auf auswärtige Architekten 
hindeuteten, den Wohnsitz von Kavalieren, Generalen 
und anderen Excellenzen. Im Kontrast dazu stand der 
entgegengesetzte Teil der Georgenstrasse. Je näher 
man zum Thor kam, um so unscheinbarer und arm 
seliger wurden die Häuser. Da hauste ehedem offenbar 
das Proletariat, das sich selbst in die Winkel der Stadt 
mauer einnistete. Und hoch aufragend über das Ge 
wirr der kleinen und kleinsten Existenzen schloss das 
prächtige Georgenthor das Stadtbild ab. 
Um dem Beschauer nun auch wenigstens eine 
Vorstellung von Alt-Cölln zu geben, war ein von den 
Malern Harder und Hartmann angefertigtes Diorama 
an der betreffenden Stelle angebracht. Da bekam man 
die Lange Brücke, die Stechbahn, die alte Domkirche 
und einen Teil des kurfürstlichen Schlosses zu schauen. 
Leider war dieses Diorama nicht nur schlecht gemalt, 
sondern entsprach auch nicht den Thatsachen. So, 
wie die Dinge da auf die geduldige Leinwand geworfen 
waren, hat es an der Stechbahn niemals ausgesehen. 
Das Bild wurde erst in letzter Stunde in Auftrag ge 
geben, so kam es, dass in der Hitze des Gefechts 
Meister Balhorn sich zum Gevatter meldete. Ich er 
wähne diesen Umstand zur Lehre für künftige Fälle 
ähnlicher Art. 
* * 
& 
Als Karl Hoffacker im Jahre 1894 die ersten 
Entwürfe für die Grundrissgestaltung der Gewerbe- 
Ausstellung auf dem Gelände des Treptower Parks 
anfertigte, dachte noch niemand ernstlich an eine 
Sonderausstellung des alten Berlin. Damals plante 
Hoffacker an der Stelle, wo sich später das Theater 
Alt-Berlin aufbaute, den hochragenden Wasserturm als 
Schlusspunkt der Hauptaxe. Von diesem Turm aus 
sollte zwischen zwei Baumreihen eine Kaskade her 
niederrauschen und ihre Wasser in den Neuen See 
ergiessen. Gewiss eine grossartige Idee. Südlich an 
den Aussichtsturm gliederten sich auf dem ersten und 
auch für die F'olge grundlegenden Entwurf am Ufer des 
Karpfenteichs entlang die Bauwerke der Fischerei- 
Ausstellung. Doch die weitere Bearbeitung des Grund 
risses, die mit mancherlei Verschiebungen und in letzter 
Stunde noch hinzutretenden Erweiterungen des Bau 
programms zu rechnen hatte, schuf am Karpfenteich 
ein völlig neues Bild. Zu Ende des Jahres 1894 
formulierte sich in der Berliner Bevölkerung der Wunsch 
nach einer Darstellung von Alt-Berlin im Rahmen der 
Gewerbe-Ausstellung. Es erhoben sich viele gewichtige 
Stimmen, Finanz-Konsortien griffen den Gedanken auf, 
und so gelangte die von vornherein populäre An 
gelegenheit vor die entscheidende Instanz des Arbeits- 
Ausschusses. Da die Wiederbelebung eines alten, vom 
Erdboden verschwundenen Stadtbildes ein sehr 
schwieriges Unternehmen ist, und da gerade im vor 
liegenden Falle viele Vorfragen prinzipieller Art erst 
noch zu lösen waren, ging der Arbeits-Ausschuss sofort 
vor die rechte Schmiede. Er fragte beim Geheimen 
Archiv-Rat Reuter, dem ersten Vorsitzenden des 
Vereins für die Geschichte Berlins, an, ob eine 
Darstellung von Alt-Berlin auf der Gewerbe-Ausstellung 
überhaupt möglich und durchführbar und ob damit ein 
künstlerisch zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen 
sei. Die Frage wurde vom Verein grundsätzlich bejaht. 
Nun wandte sich der Arbeits-Ausschuss weder an das 
eine noch das andere der Finanz-Konsortien, sondern 
ersuchte den Verein für die Geschichte Berlins, Alt-
	        
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