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Gruppe XXII. Gartenbau

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Im wesentlichen auf den von Pückler, Lenne, 
Meyer etc. gegebenen Grundlagen aufbauend, haben 
sie mit daran gearbeitet, den natürlichen Stil, der ur 
sprünglich aus England zu uns gekommen, zu einem 
deutschen Stil umzubilden. Ihre Hauptleistungen liegen 
in der Behandlung des Rasens, der Anordnung der 
Gehölzgruppen, die durch kleinere, vorgeschobene 
Sträucher sich allmählich in den Rasen verlieren sollen, 
wie die Natur es zeigt, in den weiten Perspektiven, 
den schönen Formen des Wassers und der geschickten 
Führung der Wege, weniger vielleicht in der Behand 
lung der Blumen, die man hier nicht so viel sieht als 
in Süd- und Westdeutschland. Das liegt aber nicht 
an dem Können, sondern an den klimatischen Ver 
hältnissen und an den aufzuwendenden Mitteln. — Viel 
ist darüber geschrieben, ob natürlicher oder regel 
mässiger Stil anzuwenden sei. Unsere Gartenkünstler sind 
nie schablonenhaft vorgegangen und haben mit Recht 
in der Nähe von Gebäuden, auf öffentlichen Plätzen etc. 
auch den regelmässigen Stil zur Geltung kommen lassen. 
Die Feinheit des Berliner Rasens ist wohl unübertroffen 
und dafür muss auch den Lieferanten des Grassamens 
Dank gezollt werden. Als neu ist in den letzten 
Jahren noch ganz besonders die Verwendung sub 
tropischer Pflanzen, selbst Palmen und sonstiger zarteren 
Blattpflanzen, vor allem auch dekorativer Gräser, wie sie 
Herr G. Körper-Fürstenwalde am neuen See so schön 
vorführte, hervorzuheben, die sich in Gruppen oder 
einzeln auf dem Rasen so trefflich ausnehmen. 
Nicht verschweigen aber wollen wir, dass mit 
der Vermehrung der Vororte auch eine Klasse von 
sogenannten Landschaftsgärtnern immer zahlreicher 
geworden ist, die, ohne die nötige Vorbildung, durch 
billiges Angebot die besseren Kräfte zu verdrängen 
suchen. Die Besitzer erhalten dabei geringwertiges 
Material, erleben wenig Freude an ihren Gehölzen 
und schädigen, wie in dem Bericht des Aeltesten- 
Kollegiums der Berliner Kaufmannschaft, 1895, mit Recht 
hervorgehoben, nicht nur sich selbst, sondern auch 
den Ort, in welchem sie wohnen. Auch infolge der 
Submissionen, bei denen oft wirklich Sachverständige 
für die Beurteilung fehlen, werden nicht selten Anlagen 
zu so billigen Preisen ausgeführt, dass diese nachher 
wenig zur Zierde gereichen. Zu bedauern bleibt auch, 
dass viele Gärten in Berlin selbst, sogar in der Tier 
gartenstrasse, jetzt bebaut werden. 
4. Baumschulenerzeugnisse und Obstbau. 
Der Baumschulenbetrieb hat in ganz Deutschland, 
namentlich aber auch in Berlin, in den letzten 30 Jahren 
ganz ausserordentlich zugenommen und Berlin darf sich 
rühmen, die grösste Baumschule der Welt zu be 
sitzen. Es ist die des Oek.-Rat F. L. Späth (in 
Firma L. Späth) bei der Station Baumschulenweg der 
Görlitzer Bahn, auf Britzer Terrain belegen, die 
nicht weniger als 175 ha umfasst und 450 Personen 
beschäftigt. Die Späthsche Gärtnerei ist zugleich die 
älteste Berlins; denn bereits 1720 wurde von C. F. 
Späth eine Handelsgärtnerei am Johannistisch be 
gründet. Das Geschäft wurde 1758 nach der Köpe- 
nicker Strasse 154 verlegt und 1864 die Anlage der 
weltbekannten Baumschule durch den jetzigen Besitzer 
begonnen, während die übrigen Kulturen in der Stadt 
eingeschränkt und schliesslich ganz aufgegeben wurden. 
— Aber noch viele andere Baumschulen finden sich 
in und um Berlin, so dass über 500 ha von ihnen in 
Anspruch genommen werden. Der nicht zu schwere 
Boden eignet sich für Baumschulenkulturen ganz be 
sonders, und die Erzeugnisse sind weit und breit ge 
sucht. Hauptabnehmer sind ausser Deutschland die 
nordischen und östlichen Länder, wo die Erzeugnisse 
den französischen vielfach vorgezogen werden, da sie 
dem rauhen Klima besser widerstehen; allerdings 
ist in den letzten Jahren wegen der Schutzzölle in 
jenen Ländern der Export stärkerer Gehölze etwas 
gesunken und beschränken sich die Abnehmer meist 
auf jüngere. 
Infolge der vielen Verschönerungen der Städte ist 
der Bedarf an Zierhölzern ein ganz gewaltiger ge 
worden, nicht minder der von Alleebäumen für die 
vielen neu angelegten Landstrassen. In dieser Hin 
sicht ist es erfreulich, dass, wenn irgend möglich, man 
jetzt auch Obstbäume an Landstrassen anpflanzt. 
Besonders vorbildlich hat hierin die Stadt Berlin selbst 
gewirkt, die auf vielen ihrer Rieselgüter fast alle 
Wege mit Obstbäumen bepflanzt hat. 
Während früher die Formobstbäume meist aus 
Frankreich eingeführt werden mussten, werden jetzt 
solche überall in Deutschland mit grösster Sorgfalt 
selbst gezogen, und gerade die Späthsche Baumschule 
bei Berlin ist mit der Erziehung der Formbäume in 
grösseren Mengen zuerst bahnbrechend vorgegangen. — 
Auch die Kultur der Beerensträucher hat einen 
ausserordentlichen Aufschwung genommen, und in der 
Kultur hochstämmiger Stachel- und Johannis 
beeren stehen einige Berliner Baumschulen, wie die 
des Gartenbau - Direktors Max Buntzel und Oek.-R. 
Späth, geradezu einzig da. — Von grösster Bedeutung 
ist endlich die Kultur der Coniferen, die der Rosen 
und der Treibgehölze, besonders des Flieders. 
Gehen wir zu den einzelnen Leistungen über, 
so verdient die Anlage des Oek.-Rat Späth in aller 
erster Linie genannt zu werden. Entsprechend der 
grossen Bedeutung seines Betriebes war nicht weniger 
als 1 ha (10000 qm) von ihm bepflanzt. Das ganze 
gliederte sich anmutig in eine Rosenanlage, umrahmt 
von Coniferen, Magnolien etc., einen Formobstgarten, 
einen Garten für Hochstämme, Zier- und Alleebäume 
und eine Saatschule.
	        
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