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Gruppe XXII. Gartenbau

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Welch ausserordentlichen Aufschwung der Garten 
bau durch Friedrich den Grossen nahm, ist allbekannt. 
Er schuf die Terrassen in Sanssouci, die mit Wein be 
pflanzt wurden, er erbaute ein Orangeriehaus, sowie das 
erste Fruchttreibhaus, das mit Heizkanälen versehen 
war, und förderte die Obsttreiberei auf alle Weise. 
Er kaufte die Pfaueninsel zurück, welche Friedrich 
Wilhelm I. dem Potsdamer Waisenhause zum Geschenk 
gemacht hatte, und liess sie in eine Parkanlage um 
wandeln. 
Die Königin Luise liebte die Blumen bekanntlich 
über alles und schuf besonders die trauten Anlagen bei 
Paretz. 
Friedrich Wilhelm III. berief den grossen Garten 
künstler Lenne nach Potsdam, und mit ihm begann 
eine grosse Reihe von Verschönerungen nach einem 
einheitlichen, umfassenden Plan; auch Klein-Glienicke 
und der'"zoologische Garten in Berlin wurden von Lenne 
angelegt, der Thiergarten von ihm umgewandelt und 
in vielen deutschen Städten von ihm hervorragende 
Anlagen geschaffen. Vor allem entstand auch der herr 
liche »Stimmungsgarten«, der Marly-Garten bei der 
Friedenskirche in Potsdam, aut besondere Veranlassung 
der Königin Elisabeth. Unter Lenne ward auch der 
erste Gartenbauverein in Preussen, der Verein zur 
Beförderung des Gartenbaues in den preussischen 
Staaten, 1822 begründet. Desgleichen schuf er auf An 
trag des Vereins die Königliche Gärtner-Lehranstalt und 
die Landesbaumschule in Potsdam. 
Mit Lenne zugleich wirkte der geniale Garten 
künstler Fürst Hermann Pückler-Muskau, der zuerst 
in Muskau, dann in Branitz seine geistreichen Ideen 
über Landschaftsgärtnerei durchführte und damit dem 
natürlichen Stil Bahn brach. Von ihm rührt auch der 
Plan zur Verschönerung des Babelsberges her, die er 
in Gegenwart des damaligen Prinzen Wilhelm, des 
späteren Kaisers Wilhelm I., oft persönlich leitete. 
Lennes Nachfolger, der FIof-Gartendirektor Jühlke, 
führte die Verschönerungen in Potsdam weiter fort; 
der ihn ersetzende Hof-Gartendirektor Vetter hat auf 
unmittelbare Anregung Seiner Majestät des Kaisers 
Wilhelm II. durch umfassende Umänderungen den allzu 
dicht gewordenen Baumbestand von Sanssouci in ent 
sprechender Weise gelichtet und dabei ein besonderes 
Augenmerk auf die Verschönerung der Wege durch 
die Anbringung von Blütensträuchern zu ihren Seiten ge 
habt. In gleichem Sinne ist der jetzige Hof-Garten 
direktor Walter thätig. 
Ganz von Lennes Geist durchdrungen war sein 
Mitarbeiter, der seine Ideen weiterführte: der Hof 
gärtner Gustav Meyer, und als einen glücklichen 
Griff muss man es bezeichnen, dass, als die Stadt Berlin 
nach dem grossen Kriege 1870/71, wo das Bedürfnis 
nach Verschönerung der Residenz immer lebhafter 
fühlbar wurde, sich entschloss, einen Gartendirektor 
anzustellen, sie hierzu Gustav Meyer erwählte. Unter ihm 
wurde der Friedrichshain vergrössert, es entstand der 
Kleine Tiergarten, der nach pflanzengeographischen 
Gruppen geordnete Humboldthain und schliesslich der 
ausgedehnte, malerische Treptower Park, dessen Schön 
heit gerade durch die Gewerbe-Ausstellung erst recht 
allen zum Bewusstsein gekommen ist. Meyers Nach 
folger, der städtische Gartendirektor Mächtig, ist in 
gleichem Sinne thätig; unter ihm entstanden die mannig 
fachen Anlagen auf den öffentlichen Plätzen, was zum 
Teil erst möglich wurde, nachdem für die auf ihnen 
bisher abgehaltenen Wochenmärkte städtische Markt 
hallen errichtet waren. Sein grossartigstes Werk ist 
aber der Viktoriapark am Kreuzberge, der Stolz der 
Anwohner. •—- Nicht dankbar genug kann man an 
erkennen, was die Stadtgemeinde Berlin für die Ent 
wicklung der städtischen Anlagen, die mit Recht als 
die Lungen der Stadt bezeichnet werden, gethan hat. 
Dieser Dank gebührt ganz insbesondere der städtischen 
Parkdeputation, die mit vollstem Verständnis stets 
bereit ist, weiter fortzuschreiten auf dem Gebiete der 
Verschönerung. Wenn alle Fremden Berlin als eine 
schöne Stadt preisen, so verdankt sie das neben ihren 
herrlichen Bauwerken und Denkmälern in erster Linie 
ihren geschmackvollen Anlagen. 
3. Landschaftsgärtnerei. 
Hand in Hand mit der Verschönerung der Städte 
geht der Wunsch der Bewohner, sich ihren eigenen 
Besitz zu verschönern, und wie überall mit der Ent 
stehung der vielen Villenkolonieen der Gartenbau, ins 
besondere die Landschaftsgärtnerei einen ausserordent 
lichen Aufschwung genommen hat, so auch in Berlin. 
Ein Blick auf die Gärten in unseren Vororten zeigt, 
mit welchem Geschick die Landschaftsgärtner, meist 
ehemalige Schüler der staatlichen gärtnerischen Lehr 
anstalten, die schwierige Aufgabe, auf vielfach un 
günstigem Terrain einen lachenden Garten oder einen 
Park zu schaffen, gelöst haben. 
Auch auf der Ausstellung trat das hervor. Hier 
galt es ganz besonders, den oft förderlichen, oft aber 
auch störenden alten Baumbestand geschickt zu benutzen, 
da das Entfernen von Bäumen oder Gehölzen streng 
verboten war. Dazu kam noch eine weitere Schwierig 
keit: so ausgedehnt das Terrain auch war, so konnte 
dem einzelnen doch nur ein mässiger Raum zur Ver 
fügung gestellt werden, man konnte sich deshalb auf 
grosse Anlagen nicht einlassen und die meisten rich 
teten daher Villengärten ein. Doch nicht streng abge 
schlossen lagen sie da in dem grossen Park, sie wür 
den dann kleinlich erschienen sein, sondern man hatte 
in geschickter Weise überall auf hübsche Durchblicke 
Bedacht genommen.
	        
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