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Vorgeschichte und Vorbereitung der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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trat, die dem Treptower Ausstellungsplatz gegenüber 
an der Berlin-Görlitzer Bahn gelegenen Ländereien 
pachtweise an sich zu bringen, um dort während der 
Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 und gleichsam in 
Konkurrenz zu dieser grosse Schaustellungen wenig vor 
nehmen Charakters zu veranstalten. Es handelte sich 
also um einen Versuch, die Anziehungskraft der 1896er 
Ausstellung ohne Beitrag zu deren Kosten nach Art 
der Zaungäste auszunutzen. Man wandte sich von der 
betreffenden Seite mit verlockenden Anerbietungen an den 
Haupt-Grundeigentümer, die St. Petri-Kirchengemeinde, 
und sogar an Anlieger, die zu den Organen der Aus 
stellung selbst gehörten. Der Arbeitsausschuss kam 
hierdurch in die Zwangslage, dem Ausstellungsplatz 
benachbarte Gelände von grossem Umfange für die Dauer 
der Ausstellung pachten zu müssen, die dann in der 
Hauptsache an die Gesellschaft »Kairo« weiterverpachtet 
wurden. Auf der dem eben erwähnten Gelände entgegen 
gesetzten Seite des Ausstellungsparks erschien die Er 
gänzung desselben durch Hinzuziehung des grossen 
städtischen Steinlagerplatzes an der Spree sehr wertvoll. 
Der hierauf gerichtete Antrag des Arbeitsausschusses 
wurde jedoch vom Magistrat auf Grund des Gutachtens 
der städtischen Baudeputation wegen der mindestens 
350000 Mk. betragenden Kosten der Fortschaffung und 
Wiederaufstellung der ungeheuren Massen von Pflaster 
steinen abgelehnt. Ein kleiner benachbarter Teil wurde 
später für die Errichtung eines Wagenhalteplatzes frei 
gegeben. 
Da sich, namentlich auch in der Presse, vielfache 
Stimmen dafür erhoben, dass im unmittelbaren Anschluss 
an die Ausstellung auch für volkstümliche Vergnügungen 
Sorge getragen werde, wurde die Errichtung eines be 
sonderen »Vergnügungsparks« auf dem Gelände süd 
östlich vom Treptower Park beschlossen. In diesen 
wurden unter anderem verwiesen: Spezialitätentheater, 
Schiessstand, Dreissigtausend-Dollars-Uhr, Arabisches 
Labyrinth, Phonograph, Luftkarussell, »Der grösste Topf«, 
Berg-und Thalbahn, Cirkusmodell, AmerikanischesBillard, 
Tierarena und zoologischer Cirkus, Vergoldungsanstalt, 
Hippodrom, Gebirgsbäude, Wasserbahn, zahlreiche Gast- 
und Schankwirtschaften aller Art, sowie mehrere der 
bereits oben erwähnten selbständigen Veranstaltungen. 
Auf seiten der Ausstellungsleitung war bei der Prüfung 
der massenhaft andrängenden Zulassungsgesuche der 
Gesichtspunkt massgebend, dass thunlichst alles fern- 
bleiben müsse, was einen jahrmarktsmässigen Cha 
rakter trüge. 
Am 7. Dezember 1894 fand die Uebergabe des 
Treptower Parks an den Arbeitsausschuss der Aus 
stellung statt. Durch Pachtung angrenzender Grund 
stücke wurde das Gelände, wie schon erwähnt, bedeutend 
erweitert, so dass es eine Gesamtausdehnung von mehr 
als einer Million Quadratmeter erlangte. Zugleich be 
gannen nach den fertig vorliegenden Plänen der Aus 
stellungsarchitekten die Arbeiten zur Herrichtung des 
Geländes. Die Fertigstellung der durch die Baumeister 
Hoffacker, Schmitz und Grisebach ausgearbeiteten Bau 
pläne erfolgte im August 1894, der Beginn der Bauten 
im März 1895. Das Nähere über die Anlage, An 
ordnung und Ausgestaltung der Ausstellungsbaulich- 
keiten ist weiter unten in dem Spezialbericht über die 
Architektur der Ausstellung mitgeteilt. 
Die Ausführung der Arbeiten erfolgte in der Weise, 
dass die Lieferungen und Bauausführungen grundsätzlich 
in öffentlicher Ausschreibung vergeben wurden und nur 
in Ausnahmefällen beschränkte Submission eintrat. 
Im Hinblick auf die sozialen Uebelstände, die 
erfahrungsmässig mit der Anhäufung zahlreicher Arbeits 
kräfte aus Anlass einer vorübergehenden Arbeits 
gelegenheit verknüpft zu sein pflegen, liess es der 
Arbeitsausschuss seine erste Sorge sein, vor jedem 
Zuzug von Arbeitslosen nach Berlin in den öffent 
lichen Blättern zu warnen. Es wurde mit allem Nachdruck 
darauf hingewiesen, dass es in Berlin ohnehin an 
Arbeitslosen so wenig fehle, dass die Ausstellung bei 
ihnen jeden Bedarf an Arbeitskräften decken könne, 
und dass bei der Einstellung von Arbeitern die Heran 
ziehung der Eingesessenen in erster Linie stehen müsse. 
Am 31. Dezember 1894 erteilte der Minister des In 
nern, von Koller, dem Arbeitsausschuss die Erlaubnis, 
eine öffentliche Ausspielung von Gegenständen zu 
veranstalten und zu diesem Zweck bis 4 Millionen Lose, 
das Los für 1 Mk., im ganzen Bereiche des prcussischen 
Staates zu vertreiben. Die Lotterie verfolgte das doppelte 
Ziel, der Ausstellung einen Gewinnanteil in den üblichen 
Grenzen für ihre Zwecke, insbesondere für ihre reichere 
dekorative Ausgestaltung zuzuführen und zugleich ein 
Mittel zur Förderung namentlich des kleinen Kunst 
gewerbes und Handwerks, zur Läuterung des Ge 
schmacks und zu allseitiger Anregung zu sein. Die 
Gewinne sollten bei den Ausstellern selbst bestellt 
werden und Ausstellungsgegenstände bilden. Da, wo 
eine vorherige Bestellung erfolgte, wurde ermöglicht, 
dass auch wertvollere Stücke, denen der kleine Gewerbe 
treibende, wenn die Abnahme unsicher ist, seine Kräfte 
nicht widmen kann, von Handwerkern in Arbeit ge 
nommen wurden, die im gewöhnlichen Verlauf der 
Dinge keine Gelegenheit haben, ihr Verständnis und 
Können an grösseren Aufgaben zu erproben. Die 
dem Kunsthandwerk zu entnehmenden Gewinne, auch 
die kleinsten dieser Art, sollten künstlerischen Ansprüchen 
genügen und von der erfreulichen Höhe, die unser 
Kunstgewerbe erreicht hat, Zeugnis ablegen. In gleicher 
Richtung war eine Massnahme der Berliner Stadtver 
waltung von Wert. Der Verein für deutsches Kunst 
gewerbe hatte sich im Sommer 1894 mit der Bitte um 
Bewilligung von 15 000 Mk. behufs Deckung der Kosten 
der Beteiligung an der Ausstellung an den Magistrat 
gewandt. Dieses Ersuchen ist von der städtischen
	        
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