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Gruppe XXI. Fahr- und Reitsport. - Wassersport. - Radfahrsport. - Schiess- und Jagdsport

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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rades für alle möglichen Geschäftszweige und in der 
dadurch bedingten grossen Nachfrage seine Erklärung 
findet. Die Herstellung von Transportdreirädern stellt 
nicht ganz so hohe Anforderungen an die Technik, 
wie die Fabrikation der Niederräder, die sich natur- 
gemäss nur langsamer zu voller Blüte entwickelt, da 
die heutigen Ansprüche an Stabilität und Leichtigkeit 
in besonderem Masse eine ganze Anzahl besonderer 
Arbeitsmaschinen und ein langjährig eingeübtes Arbeits 
personal erfordern. Immerhin sind verheissungs- 
volle Anfänge vorhanden und man kann schon 
jetzt voraussehen, dass die reichshauptstädtische That- 
kraft und Umsicht, unterstützt durch die überaus 
günstige Absatzgelegenheit, auch auf diesem Gebiete 
bald für Berlin eine hervorragende Stellung erobern 
werden. Neben einer Anzahl junger, rüstig vorwärts 
strebender Fabriken werden auch die Hilfsindustrieen 
hierorts gepflegt: die Pneumatikfabrikation, die Sport 
bekleidungsindustrie und die Pneumatikpumpenfabri 
kation. In der Nähe Berlins ist dagegen eine der ältesten 
und grössten Fahrradfabriken des Kontinents domiziliert, 
die auch auf der Ausstellung vertreten war*). 
Alle angesehenen Marken des In- und Auslandes 
werden natürlich von Berliner Händlern geführt und 
haben am Orte meist ihre Generalvertreter. Auf der 
Ausstellung selbst war nur ein Bruchteil derselben ver 
treten; meist war der Aufbau der Ausstellungsobjekte 
recht geschmackvoll, sonst war das vielfach vor 
handene Gute nicht neu, das Neue nicht gut. Die Ver 
änderungen in der Konstruktion des Rades, die auf der 
Ausstellung vorgeführt wurden, sind zur Zeit wohl schon 
wieder vergessen. 
Grössere Bedeutung wie als Fabrikationsmittel 
punkt hat Berlin als geistige Centrale des Radfahr 
sports. Fast alle grossen Tageszeitungen der Reichshaupt 
stadt widmen dem Radfahrsport eine besondere Rubrik, 
teilweise auch eine besondere Beilage. Daneben werden in 
Berlin herausgegeben: die »Radwelt«, ein im Sommer 
täglich erscheinendes Sportorgan, welches von den 
keiner einzelnen Radfahrer-Vereinigung dienenden 
Blättern unzweifelhaft das bedeutendste ist, und die 
Wochenschriften »Sportim Bild« und »Spiel und Sport«, 
die einen Teil ihres Inhalts ständig dem Radfahrsport 
widmen. Die grossen, über das ganze deutsche Sport 
gebiet verbreiteten Radfahrervereinigungen (Deutscher 
Radfahrer-Bund und Allgemeine Radfahrer-Union) be 
sitzen in Berlin zahlreiche Mitglieder und feste lokale 
Organisationen. Berlins Rennbahnen endlich, deren es 
zur Zeit drei grosse besitzt, bieten zeitweilig Rennen der 
internationalen ersten Klasse und sind unbestritten die 
hervorragendsten von ganz Deutschland. 
Albert Willner. 
*) Gebr. Reichstem, Brandenburg a. II. 
Die Jagd und der Schiesssport. 
Ursprünglich hatte die Absicht bestanden, die Hand- 
und Feuerwaffen der Metallindustrie unter der Unter 
gruppe »Waren aus Eisen und Stahl« einzureihen. Be 
reits Ende des Jahres 1894 aber tauchte der Gedanke 
auf, auch dem »Sport« einen Platz auf der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung 1896 einzuräumen. Ein beson 
deres Gebäude indes für denselben aufzuführen, davon 
nahm man aus Sparsamkeitsrücksichten Abstand und 
wies dem Sport hinter der Fischerei in dem für die 
Ausstellung derselben hergerichteten norwegischen 
Holzpalast einen Raum an. 
Die bekannte Architektenfirma Schulz & Schlichting 
hatte zuerst die Absicht gehabt, für die Jagdgruppe 
ein besonderes Jagdhaus zu erbauen, leider hat sich 
dieses schöne Projekt zum Schaden der Gruppe nicht 
verwirklicht. Der Raum im Fischereigebäude war 
von vornherein viel zu eng bemessen, denn sobald 
die Sportgruppe mit ihren vier Unterabteilungen 
Reit- und Fahrsport, Wassersport, Radfahrsport, Jagd- 
und Schiesssport — die Luftschiffahrt gar nicht ge 
rechnet — anfing, sich auszurecken, zeigte sich bald, 
dass in dem zur Verfügung stehenden Raum ein 
Sportzweig auf Kosten des anderen geschädigt werden 
würde. Am meisten hatte hierunter die Jagdgruppe 
zu leiden. Dieselbe wurde zum grössten Teil in das 
nur durch zwei Wendeltreppen erreichbare obere 
Stockwerk des Holzhauses hinaufgedrängt. Die Folge 
davon war, dass verschiedene grössere Firmen, welche 
besonders hohe, architektonisch schöne Ausstellungs 
pavillons hatten anfertigen lassen, zurücktreten mussten, 
weil dieselben in dem oberen Stockwerk nicht genügend 
zur Geltung gekommen wären und der untere Raum 
bereits anderweit in Anspruch genommen war. 
So ist es erklärlich, dass die Jagdgruppe im 
Verhältnis zu den übrigen Gruppen nicht so umfang 
reich beschickt war, als dies ursprünglich erwartet und 
beabsichtigt wurde. 
Immerhin sind durch die erschienenen Firmen 
die Fortschritte auf dem Gebiete der Jagdwaffentechnik 
und deren derzeitiger Stand ausreichend zur Ver 
anschaulichung gelangt, und damit ist der eigentliche 
Zweck der Ausstellung erreicht worden. 
Der Vorsitzende der Gruppe hatte verständiger 
weise an die Uebernahme seines Amtes die Bedingung 
geknüpft, bei der Heranziehung von Ausstellern über 
die Grenzen der Stadt Berlin hinausgehen zu dürfen, 
da bekanntlich die Reichshauptstadt nur wenige eigent 
liche Gewehrfabrikanten, grössere Fabriken mit maschi 
nellem Betriebe aber überhaupt nicht aufweist. Das 
selbe gilt bezüglich der Pulver-, Schrot-, Patronen 
hülsen- und Raubtierfallenfabriken. Ein zutreffendes 
Bild vom Stande der Fabrikation sämtlicher Jagd- 
Gebrauchsartikel war also nur dadurch zu erlangen,
	        
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