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Gruppe XXI. Fahr- und Reitsport. - Wassersport. - Radfahrsport. - Schiess- und Jagdsport

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Regattabetrieb sogar vom Auslande, aus England, zu 
beziehen. Eine Zeit lang betrieb dann ein Architekt, 
Herr Oberbaurat Wilhelm Rettig, den Bau feiner Renn 
boote aus Liebhaberei als Specialität und fesselte 
dadurch auch den Berliner Markt an sich, doch 
überliess er anderer Unternehmungen halber das Ge 
schäft anderen Händen und der schnell erworbene 
Kundenkreis ging wieder auseinander. Den Bedarf an 
Rennbooten deckte von da ab wieder England, während 
schwerere Vergnügungs-, Touren- und Uebungsboote 
in leidlich zufriedenstellender Weise von einigen klei 
neren Bootsbauereien am Platz gebaut wurden. Das ist 
auch noch heut die Lage des Gewerbes, das insofern gegen 
den englischen Wettbewerb schwer zu kämpfen hat, 
als die fertigen Boote keinem Eingangszoll unterliegen, 
während das rohe Holz dazu — es wird im Rennboots 
bau fast nur ausländisches Holz gebraucht — versteuert 
werden muss. Ausserdem spielt die teure Eisenbahn 
fracht für Boote eine so bedeutende Rolle, dass 
z. B. die Fracht Berlin — Mainz viel teurer zu stehen 
kommt, als die Fracht London—Mainz, für welche der 
Wasserweg benutzt werden kann. Es ist natürlich, 
dass unsere Seestädte Bremen, Hamburg, Kiel, Stettin 
u. s. w. schon aus diesem Grunde allein für den in 
ländischen Markt völlig verloren sind. Wie schon 
vorher angedeutet, hat sich dagegen der Bau schwe 
rerer Boote ganz gut zu behaupten gewusst und versorgt 
so ziemlich selbständig den Berliner Markt, obgleich 
der Verdienst wegen der hohen Löhne in Berlin nicht 
sehr gross ist. Auch hat sich die Unsitte langer Ziele 
im Ruderbootshandel ausgebildet, eigentümlicher Weise, 
möchte man hinzufügen, denn die englischen Boots 
bauer liefern nach Deutschland nur gegen Voraus 
bezahlung, während die deutschen Bootsbauer schwer 
unter der langsamen Zahlungsweise zu leiden haben. 
Unter den Hilfsgewerben der Bootsbauerei steht die 
Segelmacherei obenan. Sie versorgt den Berliner Markt 
nicht nur gänzlich, sondern auch noch einen guten Teil 
des Binnenlandes, namentlich Oesterreich, denn das 
Berliner Fabrikat erfreut sich wegen des guten Sitzes, 
seiner mässigen Preise und sorgfältigen Ausführung 
eines sehr guten Rufes. Geklagt wird seitens der Ab 
nehmer nur — und wohl meist mit Recht — über 
nicht pünktliche Innehaltung der Lieferungsfristen. Die 
Beschlagsschlosserei leistet ebenfalls recht Gutes; auch 
die Flaggenmanufaktur versorgt den Platz Berlin sowohl, 
wie die weitere Umgebung mit ihren Erzeugnissen. 
Der Bau von Bootsrümpfen für Motorfahrzeuge 
aller Art — Benzin- und Petroleum-Maschinen — kommt 
in neuerer Zeit in Aufschwung, da diese Art von Booten 
sich steigender Beliebtheit erfreut und noch mehr 
Freunde erwerben dürfte, sobald es gelungen sein 
wird, die jetzt den Maschinen noch anhaftenden, 
sich manchmal sehr bemerkbar machenden Ge 
räusche und Dünste zu beseitigen. Einer recht guten 
Zukunft geht aber wohl das kleine elektrisch betriebene 
Schraubenboot entgegen, dessen Indiensthaltung augen 
blicklich nur noch zu teuer ist, das aber das ideale 
Privatboot der Zukunft ist. Rudern und Segeln werden 
immer blühen als Sport, aber den Jüngern dieser teil 
weise schwer zu erlernenden Sports werden sich un 
zählige Freunde des Wasserfahrens als Reserve-Armee 
anschliessen, wenn das sauber gehaltene und geräuschlos 
dahingleitende elektrisch betriebene Schraubenboot 
erst für mässiges Geld zu beschaffen und zu unter 
halten sein wird. Lange dürfte das doch nicht mehr 
dauern, und dann bietet sich den Bootbauereien ein 
neues lohnendes Absatzgebiet. 
Die wassersportliche Bekleidungs-Industrie hat sich 
in Berlin sehr gut entwickelt. Ursprünglich ausländischen 
Vorbildern — namentlich englischen — folgend, steht 
sie jetzt fast ganz auf eigenen Füssen und bemüht sich 
mit gutem Erfolg, jeder vom Ausland etwa kommenden 
neuen Anregung sofort selbständig zu folgen, so dass 
der Berliner Platz nicht nur sich selbst sehr gut versorgt, 
sondern auch die weitere Umgebung zu seinen stän 
digen treuen Abnehmern zählt. 
Die Ausstellung bot nach allen diesen Richtungen 
hin vorzügliche Leistungen. G. Belitz. 
Die Fahrrad-Ausstellung. 
Kein Sport der jüngsten Zeit zeigt uns einen so 
grossartigen Aufschwung wie der Radfahrsport. Und 
doch stehen wir wahrscheinlich erst am Anfänge einer 
Entwicklung, von der Emile Zola mit Recht sagt: »Die 
Umwälzungen, welche von dem Rade ausgehen, sind 
erst unvollkommen vollzogen; es wäre allzu kühn und 
gefährlich, alle Folgen voraussehen zu wollen.« 
Ursprünglich eine deutsche Erfindung, hat das 
Fahrrad im Mutterlande des Sports, in England, seine 
heutige Vervollkommnung erfahren. In England sind 
die beiden grossen Verbesserungen gemacht worden, 
welche das Radfahren zu einer von jung und alt, von 
Männlein wie von Weiblein mit gleicher Hingabe aus 
geübten Thätigkeit gemacht haben. Das alte Hochrad 
mit seinem direkten Antriebe und seiner Vollgummi 
bekleidung konnte zumeist nur auf jugendlich-kräftige 
und turnerisch gewandte Männer eine Anziehungskraft 
ausüben und sie zur Bethätigung des »Sports« im reinsten 
Sinne des Wortes ermuntern. Das heutige Niederrad 
mit dem Pneumatikreifen und dem übersetzten Antriebe 
ist so ziemlich für jedermann gefahrlos und gestattet 
seinem Fahrer überall da, wo nur eine Hand breit 
einigermassen glatten Weges vorhanden ist, ohne grosse 
Gefahr und mit erheblicher Schnelligkeit sich von Ort 
zu Ort fortzubewegen. So ist es gekommen, dass sich 
über das ehemalige Betriebsmittel für reinen Sport das 
Reichsversicherungsamt schon vor mehreren Jahren
	        
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