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Gruppe XXI. Fahr- und Reitsport. - Wassersport. - Radfahrsport. - Schiess- und Jagdsport

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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festen Brücken scheuchten die Segler stromaufwärts; 
jetzt haben sie ihr Heim hauptsächlich an den Ufern 
der Spree und Dahme oberhalb Köpenick bis nach 
Königs-Wusterhausen hin aufgeschlagen, wo sich ihnen 
herrliche breite Wasserflächen darbieten. Der erste 
Segelverein Berlins, die in Stralau ansässige, etwa 1840 
entstandene »Tavernengesellschaft«, ging später wieder 
ein, und erst im Jahre 1867 entstand der Berliner 
Seglerklub, mit dessen Gründung die neue Aera des 
Berliner Segelsports begann, die bis zum heutigen Tage 
andauert und den Kern gesunder, stetig fortschreitender 
Entwicklung in sich trägt. 
Etwas späteren Datums ist der Beginn des sport 
lichen Lebens westlich von Berlin, auf den Havelseen. 
Dort hatte unser Herrscherhaus, das mit Vorliebe seine 
Paläste an den Ufern der Havelseen errichtete, schon 
lange vorher dem »Lustsegeln« eine Heimstätte ge 
schaffen, denn eine von König Georg IV. dem König 
Friedrich Wilhelm III. geschenkte Miniaturfregatte mit 
Namen »Royal Louise« hatte auf dem Jungfernsee bei 
Potsdam ihren Ankerplatz erhalten und wurde zeitweise 
viel von Mitgliedern des Königlichen Hauses zu Segel 
fahrten nach der Pfaueninsel benutzt. Nach einer 
längeren Ruhepause brach dann in den achtziger Jahren 
eine neue Glanzzeit für die Fregatte an, indem unser 
jetziger Kaiser, damals noch Prinz Wilhelm, begann, 
sich ihrer zu Lustfahrten auf der Havel, bis hinauf 
nach Schildhorn, zu bedienen. Und noch heutigen 
Tages kann man die Fregatte oftmals mit der purpurnen 
Königsstandarte im Grosstopp auf den blauen Havel 
seen kreuzen sehen. Aus der ehemals kleinen Ma 
trosenstation am Jungfernsee ist eine stattliche, im nor 
wegischen Stile erbaute Kolonie geworden, die im 
Sommer ein Detachement von etwa 25 Matrosen der 
Kriegsmarine beherbergt, deren Aufgabe es ist, die 
mittlerweile recht zahlreich angewachsene, aus Dampfern, 
Ruder- und Segelbooten bestehende Kaiserliche Lust 
flotte in Stand zu halten. 
Anfangs der siebziger Jahre entstand auf der Havel 
seglerisches Leben. In den Buchten von Schildhorn 
und bei den Picheisbergen sammelten sich Segelboote 
an, und die vom Geheimen Kommerzienrat Conrad mit 
weitausschauendem Blick am Südufer des Wannsee 
geschaffene Villenkolonie Alsen, jetzt der schönste und 
vornehmste Villenvorort Berlins, wurde bald zu einem 
Mittelpunkt des Segelsports an der Havel. Heut zählt 
der unter den dortigen Kolonisten begründete »Verein 
Seglerhaus am Wannsee« zu den vornehmsten Klubs 
des Reiches, und ihm gehören die segelnde Finanzwelt 
und Künstlerschaft Berlins an. 
Die Ziele des Berliner Segelsports wuchsen aber 
in demselben Masse wie die des deutschen Segelsports 
überhaupt, dem durch die lebhafte Anteilnahme des 
Kaisers teilweise ganz neue Wege gewiesen wurden. 
An der See entstanden neue Regattaplätze in Kiel, 
Travemünde und Swinemünde, und zu ihnen ziehen 
alljährlich auch Berliner Yachten, um sich dort mit 
seegehenden Yachten aus Deutschland, England und 
Skandinavien zu messen. Zahlreiche dort errungene 
Preise beweisen, dass die mitten im Binnenland lebenden 
Berliner Segler es verstanden haben, sich zu ebenso 
tüchtigen Amateur-Seeleuten heranzubilden, wie die 
seegewohnten Bewohner der Wasserkante es sind. 
Im ganzen bestehen heut 14 Segelvereine in 
Berlin mit etwa 800 Mitgliedern, in deren Besitz sich 
über 300 Segelfahrzeuge befinden. Die Zahl der keinem 
Verein angehörenden »wilden« Bootsbesitzer ist eben 
falls sehr stattlich. Alljährlich finden gegen 30 
Regatten statt, deren hauptsächlichste die im Herbst 
auf dem Wannsee und Müggelsee veranstalteten offenen 
Wettfahrten sind, bei denen zwei vom Kaiser gestiftete 
kostbare Wanderpreis^ als höchste seglerische Trophäen 
umworben werden. 
Im allgemeinen jüngeren Datums ist die Einführung 
des Rudersports in Berlin. Trotz des zum Rudern 
herrlich geeigneten stromlosen Wassers fanden sich 
doch erst im Jahre 1876 einige Herren zusammen, 
die den ersten Ruderklub, den »Berliner Ruderverein 
von 1876« gründeten, also zu einer Zeit, wo schon in 
Städten wie Hamburg und Frankfurt am Main das 
sportliche Rudern auf hoher Entwicklungsstufe stand, 
denn Hamburg begann schon in den vierziger Jahren, 
Frankfurt a. M. und viele rheinische Städte in den 
sechziger Jahren damit, auch in Dresden trieb man 
schon lange Rudersport. 
Von jener Zeit ab begann dann aber der Sport 
eine kräftige Ausdehnung zu nehmen, und haupt 
sächlich die 1881 ins Werk gesetzte Begründung der 
Berliner Regatten durch den Berliner Regatta-Verein 
gab den Anstoss zu einer damals kaum geahnten Ent 
wicklung. Heute steht die Hauptstadt des Reiches mit 
etwa 40 Vereinen und 3000 Mitgliedern an der Spitze, 
und die grosse Berliner Ruder-Regatta ist die best 
beschickte im ganzen Reiche. Gerade im Regatta 
wesen ist Berlin vielfach bahnbrechend geworden, und 
von hier aus haben viele Neuerungen ihren Ausgang 
genommen, die jetzt auf allen anderen deutschen Plätzen 
Heimatsrecht erlangt haben. Eine weitere Führerschaft 
hat sich Berlin in Bezug auf die Einführung des 
Rudersports an den höheren Lehranstalten erworben, 
die von hier aus begann und in einer besonderen, vom 
Kaiser mit einem Preise bedachten und auch von dem 
hohen Herrn persönlich besuchten, alljährlichen Regatta 
für höhere Schüler ihren äussern Ausdruck gefunden 
hat. Damit ist der erste Schritt gethan, dem Rudern, 
ähnlich wie dem Turnen, in den Schulen Eingang zu 
verschaffen und so den Sinn für gesunde Leibes 
übungen schon in der Schule zu wecken. Auch die 
studentischen Kreise sind zuerst von Berlin aus zur 
Teilnahme am Rudersport ermuntert worden und das
	        
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