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Gruppe XXI. Fahr- und Reitsport. - Wassersport. - Radfahrsport. - Schiess- und Jagdsport

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Der Rennsport wird auch von Staatswegen als ein 
notwendiger Zweig der Pferdezucht angesehen; seine 
Gegner zu bekämpfen ist hier nicht der Ort. Wir 
beschränken uns darauf, festzustellen, dass auch der 
Rennsport als solcher keinen geringen volkswirtschaft 
lichen Wert besitzt. Ganz abgesehen von dem Werte, 
der in dem Pferde-Material steckt und in die Millionen 
geht, sind es vor allem die Summen, welche der 
Rennsport ins Rollen bringt, die das bestätigen. 
Hunderte von Personen aus verschiedenen Ständen 
stehen im Dienst der Rennställe als Manager, Trainer, 
Jockeys und Stallleute; zahlreiche Bauten für Rennställe 
und Gestüte entstehen alljährlich, die Hunderte der 
sich im Training befindenden Pferde verbrauchen fast 
das Doppelte an Futter wie Gebrauchspferde, das 
Material an Stallgebrauchsgegenständen wie an Reit 
zeug wird für den Rennstall besser, teurer und ver 
schwenderischer angeschafft; Hoppegarten ist eine Renn 
kolonie, welche Hunderte von Familien ernährt und 
aus Berlin für Hunderttausende von Mark Waren und 
Material bezieht, Carlshorst ist durch die neue Renn 
bahn aus einer öden, wertlosen Haidegegend in eine 
Kolonie mit frischem Leben und fünfzigfach gesteigerten 
Grundwerten verwandelt worden. So ist es auch in 
anderen Teilen des Reiches, wo feste Rennbahnen mit 
Trainieranstalten angelegt wurden. Hierzu kommt noch 
der Nutzen der Meetings für die betreffenden Orte. 
Hunderte und Tausende kommen herbei, die Hotels 
und ihre Lieferanten verdienen an diesen Tagen 
mehr als sonst in Wochen, die Fuhrwerksbesitzer 
machen glänzende Geschäfte, alle die kleinen Strassen- 
Industrieen blühen, die Wirtschaften sind gefüllt, und 
das Gold, das meist den Säckeln der wohlhabendsten 
Klasse entstammt, kommt in Umlauf. Wer sich davon 
überzeugen will, versuche einmal in der Derbywoche 
in Hamburg unterzukommen, oder er gehe nach 
Baden-Baden zur Zeit des grossen Meetings, oder er 
sammle in einem kleineren Orte, wie Neuss, Harzburg, 
Gotha, Notizen über den Nutzen des Meetings für 
diese Orte! 
Die Sport-Abteilung der Ausstellung erfreute sich 
der Allerhöchsten Protektion, da Se. Majestät der Kaiser, 
der hohe Protektor des Sportes in Deutschland, selbst 
zu den Ausstellern gehörte. Im Mittelpunkte der 
festlich geschmückten Halle, vor einem reich vergoldeten 
Bronze-Gitter, das den Eingang eines Parkes markieren 
sollte, befand sich die Kaiserliche Ausstellung. Im 
Vordergründe stand ein prächtiger künstlicher Schimmel 
in der Originaladjustierung für die Hubertusjagd; auf der 
andern Seite das Dogcart, das Se. Majestät besonders 
bei den Ausfahrten in Potsdam mit Vorliebe benutzt, 
ebenfalls mit künstlichem Pferde, das von einem 
Groom gehalten ward. Dieses Dogcart und das Geschirr 
des vornehmen Einspänners gehörten mit zu den besten 
gewerblichen Leistungen, welche in der Ausstellung zu 
finden waren. Alles war von Berliner Firmen angefertigt 
und das ganze so vollständig korrekt und tadellos, 
so vorzüglich gearbeitet und geschickt zusammenge 
stellt, dass der strengste Kritiker nichts an diesem 
»turnout« zu tadeln finden konnte. Es war das ein 
Beweis, dass unsere Industrie auch auf diesem Gebiete 
mit dem Auslande konkurrieren kann, wenn sie sich 
zu den höchsten Leistungen angespornt fühlt und von 
bewährten Fachleuten beeinflusst wird. Zu der Kaiser 
lichen Ausstellung gehörten noch einige Ehrenpreise 
und Schmuckstücke, die dem Berliner Juweliergewerbe 
entstammten, so ein Tafelaufsatz von Silber, welcher die 
Renn-Yacht des Kaisers, Meteor, darstellt, dann das 
Kaiserliche Dogcart, vorzüglich in Silber modelliert, 
sowie ein Ehrenpreis, den die Meteor bei der Kieler 
Regatta gewonnen hat, ferner auf hohem Sockel eine 
gewaltige silberne Bowle, deren von der konventionellen 
P'orm abweichende Zeichnung von dem Kaiser selbst 
entworfen war. Die Bowle war vom Kaiser der 
Schiffsartillerie des Manövergeschwaders als Wander 
preis für hervorragende Leistungen im Schiessen ge 
stiftet worden. Neben dem Kaiser hat sich auch der 
erste Sportsman im Mutterlande des Sports, der Prinz 
von Wales, an der Ausstellung beteiligt, indem er ihr 
den von unserm Kaiser für die Regatten zu Cowes ge 
stifteten Schild überliess, den die Yacht des Prinzen 
gewonnen hatte. Auch dieser Schild mit seiner schönen 
Silbertauschierung macht dem Berliner Kunstgewerbe 
Ehre. Adler, Kronen und Eichenlaub schmücken die 
Fläche, um deren Rand sich der Spruch: Vom Fels 
zum Meer! schlingt. 
Ein anderer fürstlicher Gönner des Sports, Se. 
Hoheit der Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Hol 
stein, hatte sich ebenfalls mit einer eigenen Gruppe 
beteiligt. Vor allem interessant erschien hierbei ein 
leichter Jagdschlitten, mit einem norwegischen Pony 
bespannt, während die einfachen alten Ehrenpreise, 
welche der einst berühmte Rennstall der Vorfahren 
des Herzogs in den zwanziger bis vierziger Jahren ge 
wann, mehr ein historisches Interesse in Bezng auf diese 
Entstehungsperiode des deutschen Flach-Rennsports be 
anspruchten. Jagdtrophäen von der indischen Reise 
Sr. Hoheit bildeten den Schmuck dieser Gruppe. 
Die drei grossen Renn-Vereine Berlins hatten sich 
ebenfalls an der Sportgruppe beteiligt, doch liess die 
Abteilung »Rennsport« manches zu wünschen übrig. 
An sich ist der Rennsport zu Ausstellungszwecken 
wenig geeignet, er beruht auf nicht ausstellbaren 
Dingen und bietet nur in Thätigkeit, also beim Kampf 
spiel auf grünem Rasen, bei gefüllten Tribünen und 
rauschender Musik, etwas für die Schaulust. Immerhin 
hätte doch mehr geschehen können in Ausstellung von 
Plänen und Modellen, von Bildern, Tabellen, Ueber- 
sichten und dergleichen. Auch die Sammlung der 
Ehrenpreise zeigte eine gewisse Plan- und Ziellosig
	        
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