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Gruppe XX. Fischerei

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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zeugen am Fang. Nun entrollen die Logger ihre 
Netze, ein Netz an das andere anfügend. Jedes Netz 
ist ca. 30 Meter lang und wenn daher 70 oder gar, 
wie es jetzt bereits geschieht, 120 solcher Netze mit 
einander verbunden werden, so entsteht eine »Fleeth« 
von einer Länge bis über 3 '/2 Kilometer. Wie eine 
senkrechte Wand hängt das etwa 16 Meter tiefe Netz 
an einem dicken Tau und von 70—120 kleinen Tonnen 
getragen, im Meere und die Grösse des Schiffes muss im 
rechten Verhältnis zur Ausdehnung des Netzes stehen, 
damit die Maschen desselben keinen unnötigen Zug er 
fahren, sondern gut offen stehen. Indem nun in der 
Nacht die Heringsscharen dem Hindernis aus dem 
Wege gehen wollen, stecken sie die Köpfe in die 
Maschen. Wenn sie dann nicht vorwärts können, mögen 
sie ängstlich atmend rückwärts zu entfliehen trachten; 
aber das wird ihnen zum Verderben. Die geöffneten 
Kiemendeckel häkeln hinter den Fäden des Netzes, 
weder rück- noch vorwärts giebt es einen Ausweg. So 
müssen sie harren, bis die Mannschaft oder die Dampf 
winde das Netz heranholt. Leicht werden sie an Deck 
aus dem Netz geschüttelt, dann sofort »gekaakt«, d. h. 
der Kiemen und des Darmtractus beraubt, sortiert, ge 
salzen und verpackt. Mehrere hundert Tonnen warten 
auf dem Logger auf Füllung und gewöhnlich gehen 
einige Wochen vorüber, bevor das Schiff mit aus 
reichender Ladung den Heimathafen wieder erreicht, 
um sich für eine neue Reise vorzubereiten. Auf fünf 
Fangreisen und IOOO Tonnen Ausbeute für das Schiff 
wird dabei gerechnet. 20 
Die Ausbeute am Heringfang hat sich im Laufe 
einer Reihe von Jahren stetig gehoben. Vor zehn 
Jahren (1885) betrug die Ausbeute der damals allein 
existierenden alten Emdener Heringsfischerei-Aktien- 
Gesellschaft 347 597 Mk. und jetzt (1895) ist sie um 
etwa 1 Million höher geworden, nämlich auf 1 Million 
und 340 393 Mk. gestiegen, indem sich der Erlös jener 
ersten Gesellschaft mehr als verdoppelt hat, während 
der Rest von einigen jüngeren Gesellschaften auf 
gebracht wurde. 
Aber was will diese Ausbeute sagen gegenüber 
der bedeutenden Einfuhr von Salzheringen in Deutsch 
land, ein Verhältnis, wie es ganz ausgezeichnet in der Aus 
stellung durch das Nebeneinanderstellen entsprechend 
grosser Fässchen illustriert war!*) Im Jahre 1894 
wurden nicht weniger als 1 367 751 Fass von je 150 kg 
Inhalt aus fremden Ländern nach Deutschland ein- 
*) Man sehe die Anfangs-Vignette auf Seite 807. Das grosse Fass 
links im Vordergründe stellt die Produktion von Grossbritannien und 
Irland an Salzhering dar. Die Salzherings ein fuhr nach Deutschland 
ist noch etwas bedeutender. Dagegen wird durch das kleine Fässchen 
neben dem grossen die eigene Produktion Deutschlands repräsentirt. 
Welche Differenz zwischen Konsum und eigener Produktion! — Die 
Pyramiden stellen die Gesamtbeträge der Fischereien von 1894 von 
Grossbritannien (die grösste Pyramide), Frankreich, Holland und 
Deutschland (kleinste Pyramide) vor. 
geführt, also etwa das 26 fache selbst jenes uns schon 
reich erscheinenden deutschen Fanges 20 von 1895. 
Dieser Umstand hat zu der bekannten Agitation für 
einen Heringszoll geführt. 
Nicht viel anders ist das Verhältnis zwischen dem 
Gesamtbeträge der deutschen See- und Küstenfischerei 
und derjenigen des Auslandes, wie es durch ver 
schiedene Pyramiden sinnfällig gemacht war. Von 
England z. B. wird Deutschland etwa um das Zehn 
fache an Ausbeute aus der Seefischerei übertroffen. 21 
Wenn Deutschlands Jahreserlös aus der Seefischerei 
von 8 Mill. Mk. (1889) bereits auf 15 Mill. in 1894 gestiegen 
war, so ist dieser erfreuliche Fortschritt nicht zum wenigsten 
auf die Verbesserung der Transportverhältnisse und der 
Fischereihäfen zu setzen. Die ausgestellten schönen 
Pläne der Hafenanlagen von Altona, Cuxhaven und 
Geestemünde, wozu noch Bremerhaven kommt, von 
Heia, Kolbergermünde, Swinemünde u. a. sprechen eine 
beredte Sprache. Dasselbe gilt von der Einführung 
der Fischauktionen. Die Umsätze sind rapid ge 
wachsen, seitdem die Fischhalle zu St. Pauli in Ham 
burg und diejenige in Altona 1887 eröffnet ist. 1888 
schloss sich Geestemünde an, 1892 Bremerhaven. Im 
Jahre 1895 betrug der Umsatz dieser vier Orte allein 
in den Ihschauktionen etwa 6 2 ]z Million. Mk., 1896 fast 
7 j /4 Million. Mark. 22 
Fischkosthalle. 
Mit Hilfe der Auktionen, welche sich fast aus 
schliesslich auf frische Fische beziehen, ist es möglich 
geworden, das bedeutendste Ausstellungsobjekt des 
deutschen Seefischerei-Vereins, die Fischkosthalle, in 
so prompter Weise mit besten Fischen zu versorgen, 
wie es trotz des gewaltigen Zuspruchs dieses für die 
Popularisierung des Seefischgenusses vom Seefischerei- 
Verein ins Leben gerufenen Unternehmens möglich 
gewesen ist. Durch Konsortien von Reedern und 
Fischhändlern in jenen Hafenstädten wurden die Fische 
angekauft und in besonderen vom Eisenbahnministerium 
dem Seefischerei-Verein zur Verfügung gestellten Eisen 
bahnkühlwagen nach Berlin gebracht. Hier kamen 
die bische bis zum Verbrauch in einen vorzüglich 
funktionierenden Kühlraum, welcher durch eine aus 
gezeichnete Kühlmaschine der Firma L. A. Riedinger
	        
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