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Gruppe XX. Fischerei

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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einheimischen Nutzfische, den Stör 5 , sehr zurück. 
Früher seine Wanderungen bis Magdeburg und weiter 
elbaufwärts ausdehnend, ist dieser harmlose Träger des 
geschätzten Elbkaviars und der Störkoteletts selbst in 
der Mündung von Elbe und Eider kein häufiger Gast 
mehr, so dass Versuche zu seiner künstlichen Ver 
mehrung seit dem Jahre 1892 nicht mehr in nennens 
werter Weise gelungen sind. Trotzdem reizt der Wert 
des Fisches auch jetzt noch die Besitzer der Elbstör 
fischerboote und die Wattfischer, in den Sommer 
monaten das »Pümpelgarn« auszuwerfen, in der Hoffnung, 
dass ihnen das Glück einige der wertvollen Fische 
in das Garn treibt. 
Dennoch ist im Durchschnitt ihr Verdienst kaum 
so bedeutend, wie derjenige der Granatfischer, welche 
der kleinen Garneele in unserem Küstengebiete nach 
stellen. Ich denke dabei nicht an jene kleinen Betriebe, 
in denen der Mann oder die Frau, hochgeschürzt, mit 
dem Schiebehamen ausgerüstet, im seichten Wasser des 
Strandes die leckere Beute gewissermassen zum Haus 
gebrauch fängt, sondern an die in grösserem Massstabe 
betriebenen Granatfischereien. So segelt auf der Unter 
eider von der Umgegend Tönnings eine kleine Fischer 
flotte vom Frühjahr bis Herbst mit kleinen Schlepp 
netzen, den Krabbenkurren, zum Fang des schmack 
haften Gliedertieres aus, sie sieben den Fang sofort 
aus, wobei die jungen Tiere in das Wasser zurück 
fallen, und kochen die grösseren Garneelen in Kesseln, 
welche auf dem Fahrzeuge eingemauert sind. Auch 
in der Elbmündung und angrenzenden Gewässern, 
sowie an der ostfriesischen Küste wird das gleiche 
Fanggerät benutzt, tritt jedoch zurück gegen Stellnetze 
und besonders gegen die F'angkörbe aus Pitch-pine- 
stäben oder Weiden, mit denen die Wasserläufe (Prielen) 
auf den Wattflächen der oldenburgischen Küste und 
des Dollart in besonders ausgedehntem Masse derart 
abgesperrt werden, dass die Garneelen mit dem Ebbe 
strom in die Fanggeräte strömen müssen. Nach 
Ehrenbaum standen im Jahre 1889 allein auf den Jade 
watten nicht weniger als etwa 2600 Fangkörbe von 
jener Beschaffenheit, wie sie auch in der Ausstellung 
vorgeführt wurden*), und es mag hiernach begreiflich 
erscheinen, wenn das Jahresergebnis der deutschen 
Nordseeküste auf 1 Million Liter essbarer Granate, un 
gerechnet der nicht minder grossen Menge kleiner 
Granate, welche vielfach als Viehfutter oder Dünger 
Verwendung findet, und ihr Gesamtwert auf 100000 bis 
120000 M. beziffert wird. 24 
Somit übertrifft die Bedeutung dieser kleinen 
Krebstiere bei uns nicht unerheblich den Wert ihres 
grösseren und edleren Verwandten, des Hummers. 
Fast ausschliesslich in den Felsenklippen Helgolands 
verbirgt sich dieser wehrhafte Kruster, wenn er nach 
*) Vgl. No. 3399 des Specialkatalogs. 
vielfachen Häutungen und nach einer Reihe von Jahren 
zu marktfähiger Grösse herangewachsen ist. Ein Oel- 
gemälde in der Helgoländer Koje veranschaulichte es, 
in welcher Weise der Hummer durch die auf den 
Meeresgrund versenkten, mausefallenartigen Hummer 
körbe erbeutet wird, wenn er dem in ihnen aufgehängten 
Köder nachgeht. Rund 60000 Stück mit einem Durch 
schnittswerte von etwa 1 M. pro Stück ist die jährliche 
Ausbeute des nur in den heissen und ferner in den 
kältesten Monaten ruhenden Fanges. — Prächtige 
Präparate der Kgl. Biolog. Anstalt Helgoland zeigten 
die Entwicklung des Hummers von winziger Grösse 
bis ansteigend zu einer Körperlänge von fast einem 
halben Meter, sowie seinen Bau und seine Nahrung, 
während ein anderer Schrank der wissenschaftlichen 
Abteilung in grosser Vollkommenheit die Lebens 
geschichte des Granat enthüllte. 
Noch eine andere Fischerei war früher der Stolz 
der Insel Helgoland, nämlich der Schellfischfang mit 
Angeln. Das ist jetzt anders geworden und nur eine 
kleine Zahl von P'ahrzeugen ist von der einst stattlichen 
Flotte übrig geblieben. 6 Der Schwerpunkt unserer 
Angelfischerei liegt jetzt bei Norderney und Norddeich; 7 
noch heute wandert die gestiefelte Fischerfrau mit dem 
»Gräp« und dem Wurmeimer zum Watt, um die dem 
Regenwurm verwandten Wattwürmer zu graben. Denn 
diese, sowie Spierlinge und Granate, auch Miesmuscheln 
und Sprotten bilden den für den Angelfang geschätzten 
Köder. Die Frauen bringen auch vielfach zu den 
Schiffen die fertiggemachten Angelleinen (»Back-Want«). 
Auf einem Brett ist das Want aufgeschossen, die 300 
Angeln mit dem daran befestigten Köder sind nach 
aussen gelegt, damit beim Ausschiessen der Angelleinen 
keine Unordnung entsteht. Es wird ersichtlich, welche 
Bedeutung die Köderfrage besitzt, wenn mitgeteilt 
wird, dass jede Schaluppe 20—24 Back-Want mitführt, 
also um 7000 Angeln zu bestecken hat. Da ist es 
für den Fischer von besonderer Wichtigkeit, zu wissen, 
wie er am besten in jener Zeit, wenn der frische Köder 
selten wird, einen Ersatz etwa durch konserviertes 
Material erhalten kann. 
Es verdient hervorgehoben zu werden, dass diese 
ostfriesische und Helgoländer Angelfischerei, aus 
geübt im Frühjahr und Herbst, eine Vorzugsware 
ersten Ranges liefert, auf welche die Liebhaber von 
delikaten Speisen hiermit besonders aufmerksam 
gemacht seien. Denn unbeschädigt wird hier jeder 
einzelne Fisch aus dem Meere hervorgezogen, ein 
wesentlicher Unterschied gegen die Schleppnetzfischerei. 
Noch spielt diese Langleinenfischerei, wie sie auch 
wohl genannt wird, bei den Dänen, Holländern und 
Engländern eine bedeutende Rolle und führt bei Island, 
Neufundland, bei den Lofoten 8 und der atlantischen 
Hochseefischerei von Nordamerika zu grossartigen Er 
trägen, bei uns ist sie durch den Aufschwung der
	        
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