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Gruppe XX. Fischerei

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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grosse Rolle spielen. Neuerdings hat sich namentlich in 
Süddeutschland der amerikanische Forellenbarsch für 
besondere teichwirtschaftliche Verhältnisse eine gewisse 
Bedeutung erworben. 
Ich habe diesen beiden Zweigen der Fischzucht, 
der Pflege der edlen Forellenarten und des edlen 
Karpfens, besondere Aufmerksamkeit schenken zu müssen 
geglaubt, um hieran anknüpfend zu bemerken, dass der 
Deutsche Fischerei-Verein, der Veranstalter der 
1896 er Deutschen Fischerei-Ausstellung (Binnenfischerei), 
jahrelang seine Hauptaufgabe in der Pflege der 
Salmonidenzucht erblickte, dabei jedoch der Teich 
wirtschaft nicht vergass. Da indes der Staat, bezw. 
das Deutsche Reich dem Verein besondere Mittel 
bisher nur für die Pflege der künstlichen Fischzucht 
gewährte, so konnte natürlich die Teichwirtschaft erst 
in zweiter Reihe in Betracht kommen. Erst die aller- 
neueste Zeit hat es dem Deutschen Fischerei-Verein 
dank der eifrigen Mithilfe des schlesischen Fischerei- 
Vereins möglich gemacht, der Teichwirtschaft die 
Aufmerksamkeit darzubringen, welche ihr zweifellos 
gebührt, denn volkswirtschaftlich ist sie, wie erwähnt, 
die wichtigere Schwester. Durch rationellen teich 
wirtschaftlichen Betrieb wird nicht nur ein grösseres 
Quantum Fischfleisch erzeugt, sondern es werden auch 
Werte erzielt, welche über den Gesamtwert der Salmo 
nidenzucht und des Salmonidenfanges weit hinaus 
gehen. 
Die beiden besprochenen Glieder des Gesamt 
gebietes der Fischerei erreichen aber zusammenge 
nommen bei weitem noch nicht den Wert der Wild 
fischerei in Bezug auf Fleischproduktion und auf 
Geldwert, d. h. der Fischerei, welche sich damit be 
schäftigt, aus von direkter menschlicher Beeinflussung 
z. Z. noch ausgeschlossenen Gewässern Fische zu fangen 
und zu verwerten. Die Barsche, Plötzen, Bleie, Güstern 
und Hechte, welche unsere Ströme, unsere Flüsse, 
kleinen stehenden Gewässer und grossen Seen bevölkern, 
entzogen sich bisher völlig unserer Beobachtung 
bezw. wir schenkten ihnen keine. Es ist indes nicht 
in Abrede zu stellen, dass die Wildfischereiwirt 
schaft, wie sie namentlich in unseren natürlichen 
Seen, woran besonders der Norden und Osten unseres 
schönen Vaterlandes so reich ist, dringend einer Hilfe 
bedarf, da es ausser Zweifel steht, dass wir im Stande 
sein werden, durch lationelle Massnahmen auch hier 
die wasserwirtschaftlichen Ernten um ein Vielfaches 
zu steigern. 
Bisher war es üblich, dass wir in unseren Seen 
nur ernteten. Es fiel niemandem ein, und selbst heute 
noch denken nur wenige daran, in unseren natürlichen 
Seen auch zu säen. 
Wir wissen nicht, wie die einzelnen Wildfische in 
die einzelnen Seen gelangt sind. In historischer Zeit 
haben wir die Fischbestände vorgefunden, und es 
werden sich darin kaum wesentliche Aenderungen voll 
zogen haben, und doch wissen wir, dass sich auch unter 
den Wildfischen schnellwüchsige Rassen befinden. Die 
Hechte verschiedener Seen, der Haffe und des Brack 
wassers unterscheiden sich z. B. schon äusserlich unter 
einander. Es würde also auch hier angezeigt sein, 
der Entwicklung schnellwüchsiger Rassen Vorschub zu 
leisten bezw. solche Rassen an Stelle alter sogenannter 
verhütteter Rassen in unsere Seen zu bringen. 
Die bisherigen Gepflogenheiten der Fischerei waren 
indes derartige, dass man sagen möchte, sie könnten 
gar nicht zielbewusster gedacht werden, um die Pflege 
der Rassen gründlichst unmöglich zu machen. 
Wie wird denn in unseren Seen gefischt? Wohl 
hat die Regierung gesetzlich vorgeschrieben, dass 
mindermassige Fische nicht gefangen werden dürfen, 
aber wir fragen dabei nicht nach dem Alter, sondern 
wir fangen eben alles, was über das Mass hinaus 
gewachsen ist. So werden natürlich etwaige schnell 
wüchsige Familien selten dazu kommen, sich ausgiebig 
vermehren zu können, da ihre herangewachsenen 
Glieder ohne weiteres gefangen und verspeist werden 
dürfen, während wir doch wünschen sollten, dass 
von diesen schnellwüchsigen Rassen nun auch in 
hervorragender Menge Nachkommenschaft erzielt werden 
könnte. 
Wir können ferner, nach dem, was wir im allgemeinen 
über die Anforderungen wissen, welche die einzelnen 
Fische an das Nahrungskapital eines Sees stellen, sagen, 
dass es nützlich sein muss, wenn in einem See, wie es 
thatsächlich der Fall ist, verschiedene Fischarten, welche 
an das Nahrungskapital verschiedene Anforderungen 
stellen, gleichzeitig leben, um somit in der wünschens 
werten Aufzehrung des gesamten vorhandenen Nähr 
materials sich gegenseitig zu unterstützen und zu er 
gänzen. Wie nun nach der Nahrung eines beliebigen Sees 
der Besatz desselben zusammengesetzt sein sollte, etwa 
wenn wir in die Lage kämen, diesen See vollständig 
fischleer zu finden, das wissen wir nicht. Es wird aber 
eine Aufgabe der Zukunft sein müssen, hierüber zur 
Klarheit zu kommen durch Frassuntersuchungen — 
Erforschung des Magen- und Darminhaltes der Fische zu 
verschiedenen Jahres- und Tageszeiten, im Vergleich mit 
quantitativen Untersuchungen des Auftriebs (Plankton) 
der betreffenden Gewässer zu eben denselben Zeiten, 
unter ebenmässiger Beachtung der Ufer- und Luftfauna, 
für welche sich in Bezug auf deren Abhängigkeit von 
der Uferflora und der Bodenbeschaffenheit, wie aucti 
von der Vegetation der Umgebung des Gewässers, dem 
Klima der Gegend und anderem mehr wiederum 
allgemein gütige Gesetze finden lassen werden. 
Wir müssen dahin trachten, auch unsere Seen zu 
Mustern rationeller Ausnutzung ihres Nahrungskapitals, 
im Einklang mit dem relativen Geldwert, welchen die 
einzelnen P'ische repräsentieren, zu gestalten.
	        
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