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Gruppe XIX. Unterricht und Erziehung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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endlich hrl. Paula Günthers vorzügliche Original 
zeichnungen anatomisch - physiologischer Art (Kehl 
kopf- und Augenspiegelbilder, sowie mikroskopische 
und makroskopische Abbildungen zur Gynäkologie) — 
sie alle zeigten, mit welchem Eifer und Erfolg das 
Studium der Anatomie durch instruktive Hilfsmittel 
verbreitet und vertieft wird. 
Als ein willkommener Gast erschien ein nicht 
eigentlich dem Unterricht, wohl aber einem wichtigen 
physiologischen Zwecke dienendes, mit allen Mitteln 
physikalischer Technik konstruiertes neues Instrument 
des Herrn Dr. S. S. Epstein, das Präzisions-Peri 
meter. Die Empfindlichkeit der verschiedenen Stellen 
der Netzhaut für weisses und insbesondere farbiges 
Licht soll geprüft werden. Die Stellung des zu Unter 
suchenden wird durch eine Kinnstütze festgelegt, sein 
Auge im Dunkelzimmer auf eine in einer Röhre hinter 
einem Diaphragma angebrachte elektrische Glühlampe 
gerichtet. Das Auge ist der Mittelpunkt, die Röhre 
mit der zum Auge führenden (gedachten) Verlängerung 
der Radius eines Halbkreises, der sich um diese Linie 
als Achse drehen lässt. Auf dem (geteilten) Halbkreise 
lässt sich eine zweite Glühlampe in kurzem Rohr hinter 
farbigen Diaphragmen verschieben, die zu messbaren 
Zeitabschnitten aufleuchtet. Verschieben, Aufleuchten, 
Beobachten besorgt der Experimentator, der sich hinter 
einem Blechschirme dem Untersuchten verbirgt. Es 
ist klar, wie sich mit solchen sinnreich kombinierten 
Mitteln Ort, Farbe, Zeitdauer des Lichteindrucks auf 
der Netzhaut ändern und bestimmen lässt, sobald der 
Untersuchte durch Kontaktsignale von seiner Empfindung 
Kunde giebt. Der Augen- und Nervenarzt erhält damit 
ein Präzisions-Instrument von grosser Sicherheit. Die 
Verbindung mit einer Batterie, einem Chronographen 
und Registrierapparat ist zweckmässig hergestellt. 
Dem Unterricht in der Physik dienen die Werk 
stätten der Mechaniker. Die Herren Erneclce, Gebhardt, 
Heele, Leppin und Masche haben mit vielen anderen, 
deren Instrumente die Gruppe für Mechanik und 
Optik zierten, erfolgreich dahin gearbeitet, dass unsere 
Schulen über Apparate verfügen, welche die elemen 
taren Erscheinungen mit Sicherheit hervorrufen und 
in ihrem Zusammenhänge erkennen lassen; den 
Fortschritten der Experimental-Physik sind die physi 
kalischen Kabinette der Schulen gefolgt, sie sind in 
den letzten Dezennien fast neu erstanden, und wenn 
wir sie mit denen anderer Kulturländer vergleichen, 
finden wir sie in der Präzision der Apparate und der 
Reichhaltigkeit der Sammlung den fremdländischen meist 
überlegen und vermissen nur eins, d. i. die Richtung 
auf das Laboratorium, die ausgiebigen Einrichtungen 
für das selbständige Beobachten, Messen und Ex 
perimentieren der Schüler. Sehr bemerkbar ist der 
Einfluss, welchen die Tagesklassen der Mechaniker und 
Elektriker in der ersten Handwerkerschule, sowie die 
Kurse des Gewerbesaales auf die Ausbildung leistungs 
fähiger Arbeiter auf diesem Felde ausgeübt haben, und 
dankbar erwähnt müssen die Fraunhofer-Stiftung und 
die Stiftung der Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1879 
werden, welche solche Bestrebungen durch Stipendien 
unterstützen. 
Auch die Herstellung der Modelle für die dar 
stellende Geometrie, für Maschinenteile und Gewölbe 
konstruktionen, wie sie von den Herren Schüler und 
v. d. Wyngaert ausgestellt sind, ist in stetem Fort 
schreiten begriffen; von den letzteren waren nament 
lich die Gewölbeschubmodelle, welche den Schub zu 
messen gestatten, bemerkenswert. 
Geographische Lehrmittel waren in hoher Voll 
kommenheit durch die Firma Ernst Schotte & Co. aus 
gestellt; das Institut sendet seine Globen und Relief 
karten in zehn lebenden Sprachen nach den verschie 
densten Ländern. Das ausgestellte Relief des Mondes, 
nach den Veröffentlichungen der Lick-Sternwarte ge 
arbeitet, ist in seiner Grösse (1 m Durchmesser) und 
Genauigkeit ein ausgezeichnetes Modell von wissenschaft 
lichem Wert. Eine bedeutende Leistung ist die Relief 
karte von Tyrol. Mitarbeiter wie der Bildhauer Walger 
halten das Institut auf der Höhe. Dieses Künstlers 
Modell der Akropolis zeigt die Kunst und den Fleiss in 
unübertroffener Weise. Ernst Curtius schreibt hierüber: 
»Für jeden Freund des Altertums ist es ein Hoch 
genuss, sich den denkwürdigsten Platz alter Geschichte 
und Kunst so klar vor Augen gestellt zu sehen, wie 
es bis jetzt nicht möglich war; für den Altertums 
forscher aber ist es ein unschätzbares Material des 
Studiums.« 
Eine Ausstellung von Unterrichtsbüchern Ber 
liner Verlages wäre bei einiger Vollständigkeit eine un 
übersehbare Bibliothek gewordefi; mit richtigem Takt 
hatten die Verleger solche Werke gewählt, welche eine 
wichtige Wendung in einem Unterrichtszweige be 
zeichnen oder besonders umfassende Mittel erfordert 
haben; so waren z. B. aus dem Gronauschen Verlage 
die neuen Methoden in dem Lehrbetrieb der modernen 
Sprachen, vom Langenscheidtschen die grossen Wörter 
bücher von Sachs-Villatte und von Muret, von Seehagen 
die Schlossersche Weltgeschichte hervorgehoben; und 
wie eine Rückschau über die deutsche Pädagogik bot 
A. Hofmann die umfassenden Monumenta Germaniae 
paedagogica. 
Anschliessen lassen sich die hervorragenden musik 
pädagogischen Schriften von Prof. Breslaur, wie z. B. 
die Methodik des Klavierunterrichts und die 19 Jahr 
gänge der Zeitschrift »Klavierlehrer«, um welche sich 
der Verein Berliner Musiklehrer geschart hat. 
Zu unserem letzten Kapitel, dem Blindenunter 
richt, leitete der reiche Verlag von Blindenschriften 
über, welchen Herr Ad. Schulze (Weissensee) ausgestellt 
hatte, derselbe, der auch nach dem Kongress der
	        
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