Path:
Gruppe XIX. Unterricht und Erziehung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

5° 
785 — 
Bestehens eine höchst erfolgreiche Thätigkeit entwickelt. 
Stellenvermittelung (es wurden im Jahre 1895 besetzt 
1284 Stellen für Gehilfinnen, 166 für Lehrlinge), eine 
Krankenkasse, eine Handelsschule, d. h. eine Vor 
bereitungsschule für Lehrlinge, eine Fortbildungsschule, 
gewerbliche Fortbildungskurse für Modezeichnen und 
Schnittmusterzeichnen, endlich eine Schreibmaschinen 
schule dienen seinem Zweck, und der Jahresbericht 
vom Jahre 1895 konnte aus Erfahrung erklären, dass 
für weibliche Arbeit im kaufmännischen Leben noch 
immer Raum vorhanden sei. Die gut geleiteten beiden 
erstgenannten Schulen hatten im vorigen Winter 278 
und 289 Schülerinnen. Die gewerblichen Kurse hatten 
ihre Arbeiten ausgestellt; den Sachverständigen blieb 
es zweifelhaft, ob gerade diese Uebungen, die eigent 
lich die Aufgabe der Ateliers übernehmen, ein aus 
sichtsvoller Versuch seien; die Kurse waren auch nicht 
zahlreich besucht. 
In ähnlicher Richtung arbeiten auch Privatschulen, 
so die Zuschneideschule von Frau Johanni-Richert. 
Dann aber sieht man an einer Zahl von Ateliers und 
Kunstarbeitsschulen — für Lederschnitt, Holzschnitzerei, 
Holzbrand —, wie die Neigung auch gut gestellter Damen 
sich den mannigfachen Arbeiten der Kleinkunst zu 
wendet, die den erfreuen, der sie herstellt, und den, 
welchem sie gewidmet werden; Frau Ackermann, Frau 
Käthe Ney, Frau Clara Roth und Fräulein Helene 
Schendler zeigten durch ihre und ihrer Schülerinnen 
Arbeiten diesen erfreulichen Zug der Zeit. 
An wenig bemerkter Stelle, aber um so bedeutungs 
voller hatte der »Wissenschaftliche Centralverein« 
seine Programme und die Uebersicht über die Hörer der 
Humboldt-Akademie, sowie eine »Skizze seiner 
Thätigkeit«, geschrieben von dem Generalsekretär Herrn 
Dr. Max Hirsch, ausgelegt. »Beitrag zur Volkshoch- 
schul-Frage« nennt sie der Verfasser in Anlehnung an 
die bekannte Schrift von James Rüssel. Sie ist ein 
glänzendes Zeugnis einer seit achtzehn Jahren ent 
wickelten Thätigkeit für die Verbreitung höherer Bildung 
in weiten Gesellschaftsklassen und ein schöner Beweis 
der Kraft beharrlicher Vereinsbestrebungen. Angeregt 
von Dr. Max Hirsch, verfolgt der »Central-Verein« den 
Zweck, »das für harmonische höhere Bildung, sowie für 
das öffentliche Wirken erforderliche Wissen allen ge 
nügend vorgebildeten Kreisen zugänglich und wahrhaft 
fruchtbar zu machen.« Konstituiert am 30. November 
1878, seit Anfang geleitet von den Vorsitzenden, 
Landesdirektor H. Rickert und Professor Steinthal, 
zählte er unter seinen Gründern den General v. Etzel 
und den Stadtsyndikus Eberty. Seine wesentliche 
Schöpfung ist die Humboldt - Akademie; diese Ver 
anstaltung, gastweise in städtischen Schullokalen unter 
gebracht, ohne nennenswertes Anlagekapital und, im 
Gegensatz zu den analogen, mit »University-Extension« 
bezeichneten Bestrebungen in England, Amerika, Oester 
reich, nur wenig unterstützt von den Docenten der 
hiesigen Universität, hat wirkungsvolle Lehrer aus vielen 
Berufskreisen gefunden, Unterrichtskurse aus allen 
Wissenszweigen eingerichtet und bei wachsender Teil 
nahme der Hörer ein solches Ansehen gewonnen, dass 
sie jetzt als ein wesentlicher Kulturfaktor in der Berliner 
Gesellschaft betrachtet werden muss. In Vierteljahrs- 
cyklen von 10—12 Stunden, auch in Doppelcyklen 
werden abendliche Unterrichtskurse gehalten, die im 
ersten Quartal des Jahres 1896 umfassten: Astronomie 
und Kulturgeschichte, Physik der Erde, geologische 
Bilder aus der Heimat, die vorweltlichen Pflanzen; 
Experimentalchemie, Wandlungen der organischen 
Schöpfung, Anatomie, Physiologie, Hygiene, Philosophie, 
Litteraturgeschichte, Kunstgeschichte, Geschichte, Rechts 
kunde, Volkswirtschaftslehre u. s. w. Dazu treten eigent 
liche Unterrichtsstunden für Mathematik, klassische und 
moderne Sprachen u. s. w. 1145 Hörer, darunter 
675 weibliche, nahmen an diesen Kursen teil. 
Als Lehrinstitute, welche heute durch die Steno 
graphie als zeitersparende Kunst den mannigfaltigsten 
Geschäftsbetrieben dienen, hatten sieben Vereine, bezw. 
Verbände von Vereinen ihre reiche Litteratur, Proben 
ihrer Leistungen und Darstellungen ihrer Verbreitung 
ausgestellt; es waren der Stenographen-Verein und die 
Stenographische Gesellschaft Gabelsberger, die Berliner 
Vereinigung für Gabelsbergersche Stenographie, der 
Verband Stolzescher Stenographen-Vereine, der Central- 
Verein Arendsscher Stenographen, der allgemeine Ver 
band Rollerscher Stenographen, der Berliner Central- 
Verein für Stenotachygraphie (Dahms) und der Verband 
der Vereine für vereinfachte Stenographie (System Schrey). 
Es ist klar, dass die hundertfältige Möglichkeit der 
Zeichengebung nur durch eine Art Abkommen zwischen 
den Anhängern der Stenographie zu einer einheitlichen, 
allgemein verständlichen Kurzschrift führen könnte, wie 
das etwa bei der Brailleschen Blindenschrift geschehen 
ist; jetzt kämpfen in Deutschland etwa sechs ver 
schiedene Systeme um die Oberhand; jedes lässt sich 
mit Vorteil in der individuellen Praxis verwenden; aber 
was der eine schreibt, kann der Genosse eines anderen 
Systems nicht ohne weitere Studien lesen. Gabels 
bergers System der deutschen Redezeichenkunst (1817 
bis 1834) benutzt einfache Zeichen für die Konsonanten 
und ihre Verbindungen auf einer Schriftlinie, während 
die Vokale durch die Lage, Verbindungsart, Gestalt 
oder Stärke der Konsonantenzeichen angedeutet werden. 
Zu den so gewonnenen Wortbildern treten noch auf 
den Satzzusammenhang gestützte Kürzungen. Stolze (1841) 
verwendet für drei verschiedene Konsonantenzeichen 
dieselbe Gestalt in drei Grössen und setzt sie auf drei 
verschiedene Schriftlinien zur Andeutung der Vokale. 
Arends (1850) bezeichnet die Vokale durch aufsteigende 
Schriftzüge, durch welche die zweistufigen Konsonanten 
zeichen in eigentümlicher Weise umgewandelt werden,
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.