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Gruppe XIX. Unterricht und Erziehung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Schaltung eines grossen Reservoirs, welches das auf 
die Höhe der erwünschten Temperatur gebrachte Wasser 
enthält, und aus welchem dasselbe direkt den Brausen 
zugeführt wird. Die Temperatur des Wassers, dessen 
Erwärmung durch einen Gas-Cirkulationsofen geschieht, 
wird durch Selbstregulierung auf 32 0 C. erhalten. Die 
Brause wird von dem badenden Schüler durch das 
Ziehen an einer Zugkette geöffnet. Wird letztere los 
gelassen, so schliessen sich die Hähne der Brausen 
durch Gegengewichte von selbst. In dem Fussboden, 
der aus Asphalt besteht (A.-Ges. für Asphaltierung 
Jeserich, Berlin), befinden sich mit Asphalt aus 
gekleidete, ca. 10 cm tiefe und 75 cm im Durchmesser 
breite Fussbecken zur Ansammlung des lauen Bade 
wassers in solcher Menge, dass dasselbe dem Badenden 
bis über die Fussknöchel reicht. Durch Herausziehen 
eines kupfernen Standrohrventils wird das Fussbecken 
entleert, so dass für Jeden, der unter die Brause tritt, 
wieder reines Wasser in dem Becken sich ansammelt. 
Die Wände des Bades sind mit Heliolith (s. oben) ver 
putzt, das eine vortreffliche Wandbekleidung für diesen 
Zweck liefert. 
Den hygienischen Einrichtungen schliesst sich das 
Turnwesen an, das bei uns in erfreulicher Blüte steht. 
Die hier vorgeführten Geräte entsprachen dem gegen 
wärtigen Stande der Technik und waren aus sicherem, 
sorgfältig ausgewähltem Material tadellos ausgeführt. 
Sie sind auf das Turnen in der Halle berechnet und 
zeigen, wie z. B. der Ecklersche Barren, mit ihrer Ver 
stellbarkeit und Veränderlichkeit das Bestreben, den 
beschränkten Raum auf das vorteilhafteste auszunutzen. 
Im allgemeinen bewegt sich die Entwicklung in den 
altüberlieferten Bahnen; die amerikanischen Sargent- 
Apparate zur Uebung der einzelnen Muskeln, die 
Apparate der schwedischen Heilgymnastik sind in das 
Schul- und das Vereinsturnen kaum eingedrungen. 
Der Turnplatz im Freien, den die grosse Stadt nur 
Wenigen bieten kann, bewährt sich als das eigentliche 
Ziel der turnfrohen Jugend. Der Turnplatz, welchen 
Herr Zahn den Ausstellungsbesuchern darbot, wurde 
eifrig benutzt. Wie Berlin jetzt in den Schulbauten 
den glücklichen Stand erreicht hat, dass nur noch dem 
wachsenden Bedürfnis durch Neubauten zu entsprechen 
ist, so ist mit den über die Stadt zerstreuten Schul 
häusern eine Fülle von Turnhallen (beinahe 100) her 
gestellt. Die Jugend der Schulen, Knaben und Mädchen, 
findet hier reichliche Gelegenheit zu gymnastischen 
Uebungen. Und dieselbe Gelegenheit wird von den 
zahlreichen Turn-Vereinen abends eifrig aufgesucht. 
Kaum entsteht eine neue Halle, die nicht vor ihrer 
Vollendung schon in Beschlag genommen würde. Der 
turnerische Sinn ist unter uns glücklich verbreitet. Nur 
eins ist zu vermissen, dasselbe, was sich fast in allen 
Vereinsbestrebungen zeigt, d. i. das Streben nach 
völliger Freiheit von der öffentlichen Hilfe. Unsere 
Turnvereine haben noch keine eigene Halle, keine 
Stelle, in der sie dem eigenen, schöpferischen Reform 
bedürfnis zu genügen imstande sind. Unser Leben ist 
mit der Gemeindeverwaltung so verwachsen, dass das 
Vereinsbestreben seinen materiellen Halt immer in den 
öffentlichen Einrichtungen sucht. 
Eine sehr willkommene Ergänzung des Bildes 
pädagogischer und hygienischer Betrebungen war die 
Ausstellung des Berliner Hauptvereins für Knabenhand 
arbeit. Gut gewählte Arbeiten der Schüler erläuterten 
den hier ersonnenen, von dem Leipziger namentlich 
für den Anfang der Holzarbeiten abweichenden Lehr 
gang; Arbeiten von Lehrern zeigten den Grad des 
technischen Geschicks, welches sich diese nach den 
Prinzipien des Vereins unter den wissenschaftlichen Er 
ziehern gewählten Träger des Handfertigkeitsunterrichts 
erworben hatten. Die fünf Werkstätten, welche der 
Verein hier den Schülern öffnet, sind gewissermassen 
nur ein energischer Ausdruck des Wunsches, dass der 
Gedanke auch in Berlin Wurzel fassen möge, wonach 
die harmonische Ausbildung des Menschen auch die 
gestaltende Fertigkeit fordert, welche die Beobachtung 
und Erkenntnis in ein unmittelbares, von der Hand 
geübtes Thun umsetzt. Der Gedanke ist nicht neu, 
in den gut gestellten Familien ist er niemals erloschen; 
neu ist die Verbindung mit der Schule. Dass alle er 
ziehlichen Thätigkeiten bis zum Spiele hin in die Auf 
gaben der Schule einbezogen werden, ist ein Zeichen 
von der Entleerung des häuslichen Lebens. Die Ver 
hältnisse der abhängigen Gesellschaftsklassen mögen 
dazu drängen, aber die Wechselwirkung tritt ein, dass 
die von der Schule übernommene Thätigkeit nun auch 
die Wirksamkeit der Familie mindert. Die zünftige 
Thätigkeit der berufsmässigen Erzieher füllt den Platz 
aus, welchen die Familie aus Not oder infolge der 
Uebermacht der Schule frei lässt. Die Berliner Schulen 
haben die Handarbeit noch nicht, wie es anderwärts, 
in manchen Städten Deutschlands, wie es in Schweden 
und Amerika, in P'rankreich und England geschehen 
ist, in ihren Kreis gezogen; weder das Bedürfnis, den 
Eltern die Schule zunächst durch solchen Unterricht 
lieb zu machen, noch das Bedürfnis, die Lehrlingsaus 
bildung durch das Manual training zu ersetzen, lag hier 
vor; immerhin aber wäre es wünschenswert, die Schüler 
höherer Bürgerschulen durch eine von Handwerks 
meistern gegebene elementare und praktische Unter 
weisung in der Bearbeitung des Holzes und der Metalle 
zu näherem Verständnis und häufigerer Wahl des 
Handwerksberufs zu veranlassen, und auch den in engen 
Wohnungen der Gelegenheit zu nützlicher Handarbeit 
entbehrenden Volksschülern Raum und Anleitung zu 
entsprechender Ausnutzung freier Zeiten zu gewähren. 
Im Winter 1895/96 nahmen an den Schülerwerk 
stätten Teil 196 Schüler zwischen Sund 12 Jahren, 217 
zwischen 12 und 14 Jahren und 33 zwischen 14 und
	        
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