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Gruppe XVIII. Gesundheitspflege und Wohlfahrts-Einrichtungen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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durch den Ratsmaurermeister Herrn Rohm er nach 
einem Entwürfe des Herrn Dr. Frank, des dirigieren 
den Arztes der Unfallstation VII, eine komplette Unfall 
station nebst Stallung und Remise für den Kranken 
transport erbaut. Mit Rücksicht auf den zur Verfügung 
gestellten Platz musste die Grösse der einzelnen Räume 
nach Möglichkeit beschränkt werden; immerhin jedoch 
verstand es der ausführende Architekt, diese so zu 
gestalten, dass sie mit ihrem reichen Inhalt nicht nur 
als Ausstellungsobjekt sondern auch zur praktischen 
Benutzung als Verbandstätte dienen konnten. 
Das Gebäude erhielt folgende Räume: I. ein 
Operationszimmer, 2. ein Krankenzimmer, 3. ein Ver- 
bandzimmer, 4. eine Badestube, 5. ein Zimmer für 
den Arzt, 6. eine offene Vorhalle; neben der eigentlichen 
Unfallstation befanden sich das Stall- und Remisen-Ge- 
bäude für das Krankentransportwesen. Beständig waren 
Kutscher und Wärter zugegen, stets bereit, mit Pferd 
und Wagen, Fahrrad- oder Tragbahre zur Unfallstelle 
zu eilen oder Kranke nach der Station oder nach der 
Stadt zu schaffen. In der Remise befanden sich 
mehrere Krankenwagen, von denen einer nach Angaben 
des Herrn Direktors Merke vom Krankenhause 
Moabit erbaut worden war; die Bespannung der Wagen 
erfolgt innerhalb weniger Minuten, ihre etwa erforder 
liche Beleuchtung wird durch elektrische Accumula- 
toren bewirkt. Alle Räume der Unfallstation waren in 
zweckmässigster Weise ausgestattet, die innere Ein 
richtung gefällig und doch durchaus einer Stätte prak 
tischer Bethätigung angemessen, Anstrich, Beleuchtung, 
Ventilation und alle sonst erforderlichen Vorrichtungen in 
hohem Masse anerkennenswert. Die Zahl der ab 
wechselnd auf der Station beschäftigt gewesenen Aerzte 
betrug 34. Darunter befanden sich die dirigierenden 
Aerzte der Stationen :Dr. Bode,Dr. Adler, Dr.Frentzel, 
Dr. Speyer, Dr. Cohn, Dr. Thomalla, Dr. Wachs 
mann, Dr. Frank, Dr. Königsdorf und Dr. Sarfert; 
sowie die Assistenzärzte: Dr. Alexander, Dr. Braun, 
Dr. Caspari, Dr. Ettel, Dr. Israel, Dr. Kiefe, Dr. 
Krahmer, Dr. Jacob, Dr. Marcus, Dr. Meyer, Dr. 
Meissner, Dr. Milchner, Dr. Plessner, Dr. 
Pogorzelski, Dr. Rosenblatt, Dr. Stabei, Dr. 
Sternberg, Dr.Sobeski, Dr.Waldstein, Dr.Weecke, 
Dr. Weibgen, Dr. Wolf und Dr. Zenner; sowie der 
Vertrauensarzt der Brauerei- und Mälzerei-Berufsge 
nossenschaft, Dr. Schultze. Der ärztliche Dienst be 
gann früh morgens um 10 Uhr und endete abends 
12 Uhr. Je drei Aerzte teilten sich abwechselnd in 
den Tagesdienst; an Sonntagen und sonstigen besonders 
verkehrsreichen Tagen waren mehrere Aerzte gleich 
zeitig anwesend. Als Oberin war die Schwester Annie 
Griesbach thätig; als ständiger Wärter der Heilgehilfe 
Max Lehmann; ausserdem war das Personal für die 
Bedienung des Transportwagens selbstverständlich jeder 
zeit anwesend. 
Wie wichtig die Unfallstation für die Ausstellung 
selber gewesen ist, wie sehr sie nicht nur als ein Objekt der 
Sehenswürdigkeit und des hohen Interesses einer ausser 
ordentlich grossen Zahl von Besuchern hier ohne 
Schwierigkeit zugänglich gemacht war, sondern vor 
allem praktisch in Aktion trat, wo ihre Thätigkeit 
notwendig wurde, geht daraus hervor, dass während 
der kurzen Dauer der Ausstellung nicht weniger als 
1816 Fälle auf der Station behandelt wurden und 29 
Krankentransporte zur Ausführung kamen. Die Unfall 
station hat demnach der Berliner Gewerbe-Ausstellung 
einen wertvollen Dienst geleistet, und das um so mehr, 
als die ganze Veranstaltung aus eigenen Mitteln der 
Berliner Unfallstationen geschah. Es wurde denn auch 
dem Kuratorium der Berliner Unfallstationen die silberne 
Porträtmedaille Ihrer Majestät der Kaiserin verliehen, 
und das nicht allein, wie besonders hervorgehoben 
werden muss, für die Vorführung der Unfallstation 
auf der Ausstellung, sondern gleichermassen auch in 
Würdigung der gesamten vorangegangenen Thätigkeit. 
Und diese war in der That ausserordentlich um 
fassend. Es sei daran erinnert, dass im Jahre 1894, also 
vor erst ganz kurzer Zeit, in Berlin mehrere Berufsge 
nossenschaften auf Anregung der Sektion 6 der Brauerei- 
und Mälzerei-Berufsgenossenschaft, insbesondere auf das 
Betreiben von deren Direktoren Herren Knoblauch und 
Schlesinger, die Errichtung von Unfallstationen ver 
anlasst haben. Ueber die grosse Zweckmässigkeit 
eines solchen Unternehmens im allgemeinen Interesse 
kann kaum ein Zweifel vorhanden sein, wenn auch 
natürlich dieBerufsgenossenschaften zunächst aus Gründen 
ihres eigenen Interesses die Einrichtung getroffen haben; 
denn je eher ein Verletzter in sachgemässe Behandlung 
kommt, desto grössere Aussicht besteht, ihn möglichst 
schnell und möglichst vollständig wieder erwerbsfähig 
zu machen. Aber aus diesem Vorteil der Berufsge 
nossenschaft zieht auch die Allgemeinheit grosse Vor 
teile. Während im Jahre 1892 in der Stadt Berlin 
die Zahl der entschädigten Unfälle noch 99 war, ist 
sie nach der Mitteilung des Kuratoriums der Unfall 
stationen 1895 bis auf 40 zurückgegangen. An dem 
Unternehmen beteiligt sind die Brauerei- und Mälzerei- 
Berufsgenossenschaft, die Berufsgenossenschaft der che 
mischen Industrie, die Norddeutsche Holz-Berufsgenossen 
schaft, die Speditions-, Speicherei- und Kellerei-Berufs 
genossenschaft, die Bekleidungsindustrie-Berufsgenossen 
schaft, die Fuhrwerks-Berufsgenossenschaft, die Papierver- 
arbeitungs-Berufsgenossenschaft, die Berufsgenossen 
schaft der Schornsteinfeger des Deutschen Reiches, die 
Nordöstliche Eisen- und Stahl-Berufsgenossenschaft, die 
Norddeutsche Edel- und Unedelmetall-Berufsgenossen 
schaft, die Norddeutsche Textil-Berufsgenossenschaft. 
Von den Stationen bestehen die Hauptstationen 
dieser Berufsgenossenschaften, welche geographisch 
gleichmässig über Berlin verteilt sind, aus modernen,
	        
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