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Gruppe XVIII. Gesundheitspflege und Wohlfahrts-Einrichtungen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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aus dem Betriebe nicht unerhebliche Verluste (1895 
über 10000 Mk.) erwachsen sind; das Vereinsvermögen 
hat sich dementsprechend von 95000 Mark im Jahre 
1891 auf 47000 Mark verringert. 
Die Volksküchen des Vereins von 1866 werden, 
sowohl was Mannigfaltigkeit und Güte des Gebotenen, 
als was die Verwaltungsergebnisse anbelangt, von der 
Volks-Kaffee- und Speisehallengesellschaft in 
den Schatten gestellt. Die 1889 begründete Gesell 
schaft hat die Organisation einer Aktiengesellschaft 
mit einem Aktienkapital von 269000 Mark in Anteilen 
von je 1000 Mark. Ihr gemeinnütziger Charakter besteht 
Fig. 8. Volkskaffeehaus der Volks-Kaffee- mul Speisehallengesellschaft. 
(Chausseestrasse 98a.) 
Grundriss des Erdgeschosses: an Raum für Männer. — bb Raum für 
Frauen. — ec Reserveraum. — d Küche. — e Buffetraum. — / Abwaschraum. — 
g Wirtschaftsraum. — hh Aborte. — Die übrigen Räume des Erdgeschosses und 
der oberen Stockwerke sind als Läden und Wohnungen vermietet. 
darin, dass die Höhe der auf die Anteile zu gewährenden 
Dividende auf 5 °/o limitiert ist. Der Betrieb findet in 
drei Hallen, einer gemieteten und zwei in eigenen 
Häusern eingerichteten, statt, die von morgens 6, bezw. 
6 1 /t bis abends 9 Uhr geöffnet sind. Mittags von 
11 */2 bis 2 2 Uhr werden Portionen ä 30, 20, 10 und 5 
Pfennig, abends 15 bis 18 verschiedene Gerichte zum 
Preise von 10 bis 25 Pfennig verabreicht. Den ganzen 
Tag über sind kalte Speisen und Getränke, insbesondere 
Kaffee, Fleischbrühe, Chokolade, Milch, Bier, Apfelwein, 
Limonade zu 5, bezw. 10 Pfennig zu haben. I11 allen 
drei Hallen sind besondere Räume für P'rauen vorhanden. 
Im Jahre 1895 wurden in den drei Hallen nahezu drei 
Millionen Portionen der verschiedenen Speisen und 
Getränke verabfolgt, darunter 500000 Portionen warmes 
Mittagessen und 250000 Portionen warmes Abendessen, 
ferner über 440 000 Portionen Kaffee und 340 000 
Portionen Kakao. Das Betriebsergebnis ist derart, dass 
nach den erforderlichen Rücklagen und Abschreibungen 
4 °/o Dividende auf das Anlagekapital gezahlt werden 
konnten. In Fig. 8 geben wir den Grundriss der 
zuletzt errichteten Halle in der Chausseestrasse. 
Durchaus den Charakter von Wohlthätigkeitsein- 
richtungen tragen zwei weitere Veranstaltungen aus 
diesem Gebiete, der Verein zur Speisung armer 
Kinder und Notleidender und der Verein für 
Kindervolksküchen. Wir reihen dieselben hier 
lediglich des sachlichen Zusammenhangs wegen ein. 
Die Frage der »Schulspeisungen« und der »Kinder 
volksküchen« ist noch eine vielumstrittene. Von ge 
wichtiger Seite wird die Zweckmässigkeit derselben 
direkt verneint. Wo Bedürftigkeit der Eltern vorliegt, 
unterstütze man diese auf dem Wege einer geordneten 
Armenpflege und gewöhne nicht die Kinder geradezu 
an das Almosennehmen. Jedenfalls bedarf es genauester 
Individualisierung in allen Fällen, in denen man sich ent- 
schliesst, die Kinder zu solchen Veranstaltungen zuzu 
lassen. Gegen die Praxis des Vereins für Kindervolks 
küchen in dieser Beziehung ist im vorigen Winter seitens 
der Rektoren der Gemeindeschulen direkt Protest erhoben. 
Es hat daher vielfach Befremden erregt, dass gerade 
dieser Verein dazu ausersehen war, auf dem Terrain der 
Gewerbe-Ausstellung das Muster einer Volksmassen 
ernährung vorzuführen. Der Erfolg hat den Warnern 
Recht gegeben. Trotz der Reklame des Leiters der 
Veranstaltung und der über zwei Millionen ausgeteilten 
Portionen muss dieser Versuch als misslungen angesehen 
werden. Die Lösung des Problems der Volksernährung 
besteht nicht darin, dass man das Kunststück fertig 
bringt, etwa 100 verschiedene Gerichte zum Preise von 
10 Pfennig herzustellen. Das einzige, was wirklich 
musterhaft an dieser Ausstellung war, war die gross 
artige, von der Hildesheimer Sparherdfabrik A. Senking 
in Hildesheim (Vertreter Gebr. Hammer, Berlin) 
gelieferte Dampfkoch-Einrichtung, deren Ausstattung 
und Funktionieren das Auge jedes P'achmannes erfreuen 
musste. 
e. Fürsorge für die Befriedigung höherer 
Kulturbedürfnisse. 
Die Bestrebungen, den unbemittelten Ständen auch 
an den höheren Kulturgütern des Lebens einen an 
gemessenen Anteil zu gewähren, finden in Deutsch 
land ihren Mittelpunkt in der Gesellschaft für 
Verbreitung von Volksbildung, die gerade jetzt 
auf eine fünfundzwanzigjährige erfolgreiche Thätigkeit 
zurückblickt. Sie hat ihren Sitz in Berlin und umfasst 
z. Z. elf Landes-, Provinzial-, bezw. Bezirksverbände 
und zwölf Zweigvereine mit zusammen mehr als 1000
	        
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