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Gruppe XVIII. Gesundheitspflege und Wohlfahrts-Einrichtungen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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deren heute die operative Heilkunde bedarf. Der Schluss 
der Schränke ist ein so vollkommener, dass selbst nach 
monatelangem Stehen kein Staub sich in ihrem Innern 
abgelagert hatte. Das Metall der Schränke war ent 
weder vernickelt oder mit Oelfarbe gestrichen. 
Die Instrumente selbst werden so hergestellt, dass 
sie im ganzen ausgekocht, d. h. keimfrei gemacht 
werden können. Dieser ungeheure Fortschritt der 
chirurgischen Technik, welcher eigentlich von Berlin 
ausgegangen ist, um von hier aus siegreich die ganze 
Welt zu durchziehen, ermöglicht es, heute fast gefahrlos 
Operationen zu bewirken, deren Durchführbarkeit noch 
vor etwa 15 Jahren geleugnet worden wäre. Nicht allein 
die schneidenden Werkzeuge werden keimfrei gemacht, 
sterilisiert, sondern auch alle zurVerwendung gelangenden 
Verbandstoffe, von denen in der Baracke ein voll 
ständiges kleines Lager vorhanden war, werden durch 
strömenden Wasserdampf vor ihrer Anwendung aseptisch 
hergestellt. So ist für einen grossen Teil der Chirurgie 
die Antisepsis durch die Asepsis verdrängt worden. 
Das Ueberschwemmen der Wunden und Operations 
felder mit desinfizierenden Lösungen hat aufgehört, seit 
dem man erkannt hat, dass örtliche Reizungen und unter 
Umständen Allgemeinvergiftungen durch zu energische 
'Anwendung der Desinfizientien und bei Idiosynkrasieen 
hervorgerufen werden, und seitdem man gelernt hat so 
zu operieren, dass ein Hinzutritt schädlicher Keime zur 
Wunde fast sicher verhütet wird. Eine Vernichtung 
der Keime durch Antiseptika ist daher unnötig. Be 
spülungen der Wunden werden mit gekochtem Wasser 
ausgeführt. 
Die Verbandstoffe selbst, welche in ihrer mannig 
faltigsten Gestaltung auf der Ausstellung zu sehen 
waren, sind wohl mit der deutlichste Beweis für die 
gewaltige Umwälzung, welche sich auf dem Gebiete 
chirurgischer Krankenpflege vollzogen hat. Wie lebendig 
ist noch das Charpiezupfen und Sammeln »alter« Lein 
wand im denkwürdigen Kriegsjahre 1870/71 in der 
Erinnerung. Damals ahnte man noch nicht die Grösse 
der Gefahr, welche in der Benutzung solcher Gegen 
stände liegt, welche mit vielen mehr oder weniger un 
sauberen Händen in Berührung waren. Heute ist die 
Erzeugung von Verbandmitteln ein Betriebszweig ge 
worden, welcher Tausende von Menschen ernährt. Als 
Hauptverbandstoffe werden jetzt entfettete Watte und 
Gaze verwendet, welche mit Binden an der betreffenden 
Stelle des Körpers befestigt werden. Einen billigen 
Ersatz der Watte gewährt da, wo viele Verbände er 
forderlich sind, die Jute. Watte, Gaze und Jute werden 
mit verschieden antiseptischen Stoffen getränkt und 
dann getrocknet. Die Binden bestehen meistens aus 
Mull, appretierter Gaze, Cambric; jedoch hat die In 
dustrie auch hierfür viele Ersatzmittel angegeben. Zum 
Nähen von Wunden werden Seide, Cat-gut und Silber 
draht (am Knochen) benutzt. Die Verbandstoffe, von 
denen hier nur die gebräuchlichsten genannt sind, ge 
langen auch fertig sterilisiert und verpackt in den 
Handel. Am besten werden die Verbandmittel — wie 
auch die Instrumente nach der Benutzung — im eigenen 
Hause sterilisirt. 
Eine schöne Zusammenstellung aller hierzu erforder 
lichen Gerätschaften, von Sterilisatoren, Destillations 
apparaten für Wasser war in der Baracke zu sehen. 
Ausserdem waren auch alle jene Apparate hier ver 
einigt, welche die Anwendung des elektrischen Stromes 
für Heilungszwecke zeigten. Sowohl für die Zwecke 
der Erkennung, als der Behandlung verschiedener 
Leiden wird mit grossem Erfolg die Elektricität 
benutzt; auch in der Herstellung der hierzu er 
forderlichen Instrumente hat Berlin sich trotz der 
kurzen Zeit des Bestehens dieser Technik hervor- 
gethan. Man beleuchtet den Körper und besonders 
seine Höhlen mit elektrischem Licht, man appliziert 
den galvanischen und faradischen Strom direkt an den 
erkrankten Stellen und bedient sich der Galvanokaustik, 
um Erkranktes zu zerstören. Auch die für die Be 
nutzung der Röntgenschen Strahlen erforderlichen 
Apparate waren ausgestellt, deren Verwertung in der 
Heilkunde ausserordentliche Erfolge verspricht. 
Wie alle zur Ausführung der Operationen not 
wendigen Gegenstände, so sind auch die Operations 
tische so gebaut, dass sie die vollständige Reinigung 
aller ihrer Teile zulassen. Auf der Ausstellung waren 
die neuesten Modelle vorhanden, teils aus Glas und 
Eisen, teils nur aus Metall gefertigt; andere, mehr für 
den häuslichen Gebrauch des Arztes bestimmt, hatten 
mit Polster und Wachstuch belegte Platten, während bei 
den für Kliniken zu benutzenden Tischen die Platten 
bald aus durchsichtigem oder Milchglas, bald aus Metall 
mit oder ohne Gummibelag, bestanden. Das Metall 
wird verschieden behandelt: mit Oelfarbe gestrichen, ver 
nickelt, verzinnt oder poliert. 
Auch der Teil der Krankenpflege, welcher häufig 
den Beginn der gesamten Krankenbehandlung dar 
stellt, das Krankentransportwesen, war in der Aus 
stellung vertreten. Es muss auch für die Beförderung 
der Patienten der Grundsatz gelten: grösste Bequemlich 
keit — neben der Sicherheit für die Umgebung — walten 
zu lassen. Diesen Grundsatz suchte Verfasser durch 
eine von ihm zur Ausstellung gebrachte Vorrichtung, 
welche als Unterlage für den in einer Irage oder einem 
Bett befindlichen Kranken dient, zu erreichen. Das 
Gestell ist vollständig elastisch, leicht desinfizierbar und 
in allen Arten von Wagen anzubringen. Ausserdem 
hatte Verfasser einen Verbandkasten zur ersten Hilfe 
leistung für Aerzte mit ganz neuer Anordnung der 
einzelnen Gerätschaften ausgestellt. 
Von sonstigen in der Ausstellung vorhandenen 
Krankentransportmitteln sind einige Wagen der Unfall 
station zu nennen und Fahrbahren verschiedener Kon
	        
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