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Gruppe XVIII. Gesundheitspflege und Wohlfahrts-Einrichtungen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Luft und Licht keinen Zutritt haben, nicht findet. 
Eine der wichtigsten Grundregeln für den Bau eines 
Krankenhauses — eigentlich auch eines jeden zum 
Wohnen dienenden Raumes •—- ist, dass alle Räume 
hell und luftig sind. Die Krankensäle haben eine be 
stimmte Anzahl Betten, welche zu beiden Seiten eines 
Mittelganges, mit ihren Längsachsen senkrecht zu 
diesem, so aufgestellt sind, dass immer auf zwei Betten 
ein Fenster an der Längswand folgt. So haben die 
Krankensäle, welche 32 Betten, 16 an jeder Seite, ent 
halten, jederseits acht hohe Fenster, welche genügend 
Licht und Luft einlassen, abgesehen von den in jedem 
Zimmer vorhandenen, besonderen Lüftungsvorkehrungen. 
Den weitestgehenden Anforderungen der Sauberkeit 
kann durch die sonstigen ausgezeichneten Einrichtungen 
unserer jetzigen Krankenhäuser Genüge geleistet werden. 
Die Fussböden sind ganz glatt aus italienischem Ter 
razzo hergestellt. Noch neuer ist Xylolith, eine stein 
harte Mischung von Sägespähnen mit Mörtel, welche 
in Platten gegossen wird. Proben von diesem waren 
in einem Schulzimmer in der Ausstellung vorhanden. 
Die Wände werden mit einem Putz oder Anstrich 
versehen, welcher gleichfalls möglichst glatt ist, damit 
Keime sich nicht festsetzen oder durch Abwaschen 
vollkommen entfernt werden können. Entweder werden 
die Wände mit Oelfarbe oder mit Emaillefarbe ge 
strichen, oder auch, z. B. im Operationssaal, im unteren 
Teil mit Kacheln oder Fliesen bedeckt. 
In vollkommen neuer Art und Weise sind auch 
jetzt die Betttische hergestellt. Bisher bestanden die 
selben aus kleinen, hölzernen, mit Füssen versehenen 
Spinden, die oben eine Platte trugen. Diese Behälter 
bargen gewöhnlich in buntem Durcheinander Geschirre 
aller Art, Taschen- und Mundtücher des Kranken, 
heimlich oder offen eingeführte Esswaren u. s. w. Die 
jetzige Form der Krankentische, von denen ver 
schiedene sich in der Ausstellung befanden, verhütet 
eine solche Unordnung vollkommen. Die Tische be 
stehen ganz aus Metall oder aus Metall und Glas, indem 
mehrere Platten übereinander zwischen den vier Füssen 
befestigt sind. Unterhalb der oberen Platte befindet 
sich eine Schublade. 
Die innere Anlage ist insofern in den einzelnen 
Pavillons etwas verschieden gestaltet, als der Raum 
für die Krankenbetten und der für die übrigen wirt 
schaftlichen Zwecke in verschiedenerWeise verteilt ist. In 
den meisten Gebäuden ‘des Krankenhauses befinden sich 
die Betten in der Mitte und die übrigen Räume an den 
beiden Enden des Hauses angeordnet, so dass Bade- und 
Waschraum, Tageraum und Abort für die Kranken an 
der einen, Spülküche, Abort fürs Personal und Arzt 
zimmer an der anderen Seite liegen. An der letzteren 
befindet sich auch ein Fahrstuhl, welcher zur Beförde 
rung von Schwerkranken und Genesenden von einem 
Geschoss ins andere dient. Zwei Pavillons enthalten 
Wirtschafts- und Arztzimmer in der Mitte und zu 
beiden Seiten Krankenzimmer, und in ähnlicher Weise 
sind die beiden für die Absperrung ansteckender 
Kranker (mit Masern, Scharlach, Diphtherie, Keuch 
husten) bestimmten Gebäude eingerichtet. Auch bei 
diesen liegen die beiden Krankensäle an den entgegen 
gesetzten Seiten des Gebäudes mit besonderen Ein 
gängen von aussen her, während sich in der Mitte die 
für die Oekonomie erforderlichen Räume befinden. Es 
ist hierdurch eine vollkommene Isolierung der Kranken 
zimmer voneinander ermöglicht. Ein etwas kleinerer 
Pavillon, am Ende des Hauptmittelganges gelegen, 
dient ausschliesslich zur Aufnahme von Diphtherie 
kranken. 
Nach dem Grundsatz, eine möglichst ausgiebige 
Reinigung zuzulassen, sind auch die Bettstellen ein 
gerichtet. In den Krankenhäusern wählt man der 
Billigkeit wegen Bettstellen aus gebogenem Gasrohr 
und lässt die Böden federnd herstellen. Sowohl diese 
einfachen, als auch Bettgestelle für den Gebrauch ver 
wöhnterer Kranken waren recht zahlreich in der Aus 
stellung vorhanden. 
In welcher Weise gerade die Gewohnheiten dieser 
bei der Krankenpflege zur Geltung kommen können 
oder vielmehr in vielen Fällen müssen, war in jener 
Baracke besonders zu erkennen, über deren Dach nur 
das einfache Wort »Krankenpflege« angebracht war. 
Und was schliesst dieses eine Wort in sich! 
Es ist erst eine Errungenschaft der letzten Jahre, 
dass man wieder erkannt hat, welchen Wert die 
Krankenpflege für die gesamte Krankenbehandlung 
in sich schliesst, besonders wenn alle diejenigen 
Faktoren berücksichtigt werden können, welche dazu 
dienen, die Behaglichkeit des Kranken zu erhöhen. 
Hauptsächlich bei Kranken, welche auch sonst höhere 
Ansprüche an das Leben zu stellen gewöhnt sind, ist 
der »Komfort«, wie man diese für den Kranken zu 
erstrebende Bequemlichkeit benannt hat, eine Not 
wendigkeit. Gerade bei diesen Kranken spielen die 
»Nerven« eine grosse Rolle, und selbst anscheinend 
ganz unwichtige Dinge, wie z. B. das Rauschen des 
Kleides der Pflegerin, können nervös angelegte Kranke 
in Unruhe versetzen. Auch unter der arbeitenden Be 
völkerung ist die Neurasthenie jetzt sehr verbreitet, 
und für diese Kranken muss ebenfalls der Grundsatz 
gelten, jede nur irgend anwendbare Bequemlichkeit 
je nach den sonstigen Lebensgewohnheiten des einzelnen 
Individuums Platz greifen zu lassen, wie ich dies an 
anderem Orte bereits ausgeführt habe. 
Also nicht allein die von der Hygiene streng vor 
gezeichneten Massregeln sind für die Pflege des Kranken 
erforderlich, sondern es gehört noch viel, viel mehr 
dazu, um in angemessener Weise einen Kranken zu ver 
sorgen. Die ausgiebigste Krankenpflege, gepaart mit 
dem höchsten erreichbaren »Komfort«, beschleunigt die
	        
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