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Gruppe XVIII. Gesundheitspflege und Wohlfahrts-Einrichtungen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Eine der Hauptaufgaben des Gesundheitsamtes 
bildet die Bekämpfung der grossen Volksseuchen: 
Pocken, Cholera, Influenza, welche in den letzten 
Jahren, teils, wie Cholera und Influenza, in 
Deutschland selbst eingebrochen waren, teils, wie die 
Pocken, durch reichsgesetzliche Massnahmen (Impf 
gesetzgebung) dauernd fern gehalten wurden. Auch 
den chronischen Volksseuchen widmet das Gesundheits 
amt fortgesetzt seine auf Einschränkung und Tilgung 
gerichteten Bestrebungen. Neuerdings ist das Gesund 
heitsamt an dem auf allen Linien entbrannten Kampf 
gegen die Ausbreitung der Lungenschwindsucht 
in Deutschland an leitender Stelle beteiligt, nicht zu 
vergessen, dass so zu sagen die Operationsbasis für 
diesen Kampf, die Entdeckung des Tuberkelbazillus 
durch Koch, dem Laboratorium des Gesundheitsamtes 
entstammt. 
Unter den vom Gesundheitsamte im Treptower 
Park den Besuchern der Ausstellung dargebotenen 
Schaustücken befanden sich in erster Linie solche, 
welche sich auf die Arbeit des Amtes zum Schutze 
des Volkes gegen die grossen Volksseuchen be 
ziehen. Die betreffenden Karten, der Anschaulichkeit 
wegen in grossem Massstabe ausgeführt, waren zum 
Teil für die Zwecke der Ausstellung besonders ange 
fertigt. 
Da die impfgegnerische Bewegung in den letzten 
Jahren durch geschickte Agitation und wiederholte 
Petitionen an den Reichstag in gewissen Kreisen 
Zweifel an dem Nutzen und der Notwendigkeit des 
Impfgesetzes vom 8. April 1874 erweckt hatte, war 
vom Gesundheitsamte 1896 die in populärer Form ge 
schriebene Denkschrift »Blattern und Schutz Pocken 
impfung« veröffentlicht worden*). Sieben dieser 
Denkschrift beigegebene Karten waren in vergrössertem 
Massstabe in Treptow ausgestellt. Der Leser, welcher 
sich über dieselben näher unterrichten will, findet in 
der angezogenen Denkschrift (Preis 80 Pf.) alles Er 
forderliche beisammen. Eine kurze, vom Gesundheits 
amt redigierte Erklärung der Karten ist im Special- 
Katalog VIII veröffentlicht**). Die Tafeln veranschau 
lichen dieBlatternsterblichkeitin verschiedenen deutschen 
Bundesstaaten, Städten und Bevölkerungsklassen im 
Vergleich zu einigen Staaten des Auslandes. Sie liefern 
den durch amtliche Zahlenangaben gestützten Nach 
weis, dass das deutsche Volk dank dem 1874 ange 
nommenen Reichsimpfgesetz einen Impfschutz geniesst, 
wie er in gleicher Vollkommenheit noch keiner anderen 
*) Blattern und Schutzpockenimpfung, Denkschrift zur 
Beurteilung' des Nutzens des Impfgesetzes vom 8. April 1874 und zur 
Würdigung der dagegen gerichteten Angriffe. Bearbeitet im Kaiser 
lichen Gesundheitsamte. Berlin, Verlag von Julius Springer, 1896. 
Zweite, mit einigen Zusätzen versehene Auflage. 
**) Special-Katalog VIII. Gesundheitspflege, Wohlfahrts- 
Einrichtungen, Unterricht und Erziehung auf der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung 1896 bei Rudolf Mosse. 
Nation zu Teil geworden ist. Die Pocken sind aus 
dem Reiche fast völlig verschwunden und die Zahl 
derer, welche aus eigener Erfahrung die Furchtbarkeit 
jener Seuche kennen, vermindert sich immer mehr, 
auch unter den Aerzten. Unterrichtete Kreise halten 
angesichts dieser Erkenntnis an der Unentbehrlichkeit 
des Impfgesetzes fest, während das Gros der Impfgegner, 
irre geleitet durch Behauptungen und Angaben der 
impfgegnerischen Presse, sich der sachlichen Erkenntnis 
verschliesst. Der Inhalt der Karten ist in den nach 
stehenden Bezeichnungen derselben kurz charakterisiert: 
Gruppe 1. Karten und Tafeln, betr. Blattern 
und Schutzpockenimpfung, zur Beurteilung des 
Nutzens des Impfgesetzes vom 8. April 1874. 
Tafel I: Pockensterblichkeit in Preussen und 
Oesterreich in den Jahren 1816—1893. 
Tafel II: Pockensterblichkeit in einer An 
zahl grösserer Städte des In- und Auslandes. 
Tafel III: Pockensterblichkeit in Bayern und 
Belgien. 
Tafel IV: Erkrankungen und Todesfälle an 
Pocken in verschiedenen Armeen in den Jahren 
1867—1893. 
Tafel V: Pockensterblichkeit der Civil- und 
Militärbevölkerung in Preussen in den Jahren 
1825—1893. 
Tafel VI. Karte: D arstellung der mit Menschen- 
Lymphe ausgeführten Impfungen im Deutschen 
Reiche im Jahre 1893. 
Tafel VII. Karte: Die Häufigkeit der Pocken 
todesfälle in europäischen Staaten während der 
Jahre 1889—1893. 
An diese Serie von Karten, speziell an Tafel VI, 
schlossen sich drei Karten an mit der Bezeichnung: 
Tafel VIII: Die Schutzpockenimpfung im 
Deutschen Reiche. 
a) Die staatlichen Impfstoffgewinnungsanstalten im 
Deutschen Reiche. 
b) Verwendung von Tierlymphe im Deutschen Reiche 
während des Jahres 1886. 
c) Verwendung von Tierlymphe im Deutschen Reiche 
während des Jahres 1891. 
Verfassungsgemäss gehört es zu den Aufgaben der 
Reichsverwaltung, sich über die Ausführung des Impf 
gesetzes unterrichtet zu halten, die Wirkung desselben 
zu verfolgen, die durch das Gesetz etwa bedingten 
Nachteile kennen zu lernen und nach Möglichkeit und 
Notwendigkeit abzustellen, sowie dafür zu sorgen, dass 
das Impfwesen den Fortschritten der Wissenschaft und 
Technik entsprechend stetig vervollkommnet wird*). 
In Ausführung dieser Aufgaben wurde unterm 18. Juni 
1885 vom Bundesrat eine Reihe von Beschlüssen ge 
fasst**), deren Grundlage die Beratungsergebnisse einer 
*) Vergl. die citierte »Denkschrift«, S. 85 u. f. 
**) »Denkschrift«, S. 148 u. f.
	        
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