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Gruppe XVII. Photographie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Neben diesen direkten Mitteln zur Herstellung der 
Photographieen giebt es endlich noch indirekte, nämlich 
erstens solche, welche dem Photographen die An 
weisung für seine Kunst geben, alle Errungenschaften 
der photographischen Praxis und Wissenschaft zu 
sammenstellen — also die Litteratur —, und solche, 
welche bestimmt sind, die Aufnahmen zu erleichtern 
und künstlerischer zu gestalten, also alles, was zum 
Bau des Glashauses und seiner Ausstattung gehört, 
wie Beleuchtungsvorrichtungen, Kopf halter, Hintergründe, 
Requisiten jeder Art. 
Nicht alle in dieser Zusammenstellung gestreiften 
Gewerbezweige waren auf der Berliner Gewerbe-Aus 
stellung vertreten, ohne dass daraus geschlossen werden 
darf, dass sie in Berlin nicht ausgeübt würden. 
Es wird in der folgenden Besprechung, die sich an 
die soeben gegebene Klassifikation anschliessen soll, 
die Möglichkeit gegeben sein, auch solcher Zweige 
Erwähnung zu thun. 
Das photographische Bild auf der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung 1896. 
Es ist selbstverständlich, dass auf einer Gewerbe- 
Ausstellung das photographische Bild, mit vereinzelten, 
besonders zu besprechenden Ausnahmen, nur auftreten 
kann, soweit es gewerblich und berufsmässig gefertigt 
wird, und dass demzufolge die gesamte Amateurphoto 
graphie, die sich in so überraschender und grossartiger 
Weise entwickelt hat, wie dies die Ausstellung von 
Amateurphotographieen im Reichstagsgebäude zur leben 
digen Anschauung brachte, so gut wie ausgeschlossen 
von ihr ist. Das ist bedauerlich, weil infolgedessen 
das Bild der Entwicklung, welches sich uns bietet, ein 
unvollständiges ist, und weil dadurch auch die Arbeiten 
von Männern der Wissenschaft, welche sich der Photo 
graphie nicht nur als gelegentlichen, sondern als aus 
schliesslichen Mittels ihrer Forschungen bedienen, be 
troffen werden. Glücklicherweise sind wenigstens ein 
zelne derselben durch eine Seitenthür auch auf die 
Gewerbe-Ausstellung gelangt und füllen so die klaffende 
Lücke in etwas aus. 
Wir haben, wie hieraus hervorgeht, zwei Haupt 
richtungen des photographischen Bildes zu unterscheiden, 
die künstlerische und die wissenschaftliche, zwischen 
denen es allmähliche Uebergänge und von denen es 
Abzweigungen, wie die technische Photographie, giebt. 
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Licht 
bildkunst als eigentliches Gewerbe sich der Hauptsache 
nach fast ausschliesslich dem Kunstgebiete und, wenn 
auch in viel geringerem Masse, der technischen Ver 
wertung zuwenden wird, den Fächern nämlich, bei 
denen sie auf ein grosses, sachverständiges Publikum 
rechnen kann, während die rein wissenschaftliche Photo 
graphie sich fast immer nur an einen eng begrenzten 
Kreis von Männern richtet. So finden wir denn auch 
auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung in erster Linie 
die Porträtphotographie, die bei weitem auf die meisten 
Abnehmer rechnen kann, vertreten. Sie soll den An 
forderungen aller Bevölkerungsschichten, ihrem Ge 
schmack wie ihrem Geldbeutel gerecht werden, und 
sie zeigt dementsprechend die allerverschiedensten Ab 
stufungen. Durch den sehr dankenswerten Entschluss 
der Fachphotographen (Untergruppe 1), sich ausser 
Wettbewerb zu stellen, um auch den sogenannten 
Photographen zweiten Ranges das Ausstellen nicht zu 
verleiden, gewinnen wir einen Ueberblick über das, 
was die Porträtphotographie eigentlich bietet, wie er 
sonst schwerlich zustande gekommen wäre. Es ist 
wohl wahr, der Durchschnitt wird infolgedessen ge 
drückt und die Kritiken haben, ohne Rücksicht auf 
diesen Umstand, mehr zu tadeln gefunden, als sonst 
der Fall gewesen sein würde. Aber es ist doch wesent 
lich, sich des Umstandes bewusst zu werden, dass die 
Photographie nicht nur reine Kunst ist, sondern da 
neben auch einem sehr praktischen Bedürfnis dienen 
soll, welches mit eigentlichen Kunstzwecken wenig zu 
thun hat, der Erinnerung nämlich an und für unsere 
Lieben. Da dies Bedürfnis ein ganz allgemeines, viel 
ausgedehnteres als jedes Kunstbedürfnis ist und da es 
bei den am wenigsten gebildeten und bemittelten 
Klassen der Bevölkerung in derselben Stärke, wie bei 
den oberen Zehntausend, vorhanden ist, so ist klar, 
dass die Photographie ihm entsprechen muss, dass sie 
sich dem Geldbeutel und sogar dem Geschmack der 
betreffenden Klassen anzubequemen hat, selbst wo 
reine Kunstinteressen dabei zu kurz kommen. Es ist 
besser, dass diesen ethischen Bedürfnissen genügt wird, 
als dass sie ästhetischen Forderungen ganz geopfert 
werden. 
Auch der Einwand, dass wenigstens gewisse Ge 
schmacklosigkeiten nicht geduldet werden dürften, weil 
der Photograph erzieherisch auf sein Publikum wirken 
solle, ist nicht durchschlagend. Gewiss sind die in 
Farbendruck ausgeführten Soldatenbilder mit ein 
geklebten photographierten Köpfen abscheulich. Aber 
die ästhetische Bildung, zumal unserer Landbevölkerung, 
die hierbei besonders ins Gewicht fällt, ist noch nicht 
so weit gediehen, dass sie dies empfände. Im Gegen 
teil, ihr erscheint solch ein zusammengeflicktes Bild, 
auf dem man des Königs bunten Rock in glänzenden 
Farben vor Augen hat, viel schöner und charakte 
ristischer als eine einfache Schwarzphotographie. Ganz 
ähnlich, wenn auch in geringerem Masse, verhält es 
sich mit den leider oft so unkünstlerisch und ge 
schmacklos bunt übermalten Photographieen. Das 
Publikum will nun einmal den Reiz der Farbe nicht 
vermissen; es verlangt aber zugleich ein sprechend 
ähnliches Bild zu einem Preise, für den ein Maler es 
nicht liefern kann. Was ist nun besser, dass irgend 
ein Sudler nach einer ihm vom Kunden übergebenen
	        
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