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Gruppe XVI. Die Papierindustrie und ihre Nebengewerbe

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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bis zu 500 Köpfen gebracht haben. Der Weltmarkt 
wird erobert; aber auch die Schattenseiten der rapiden 
Entwicklung beginnen sich zu zeigen: Ueberproduktion 
und Preisniedergang. Als erschwerendes Moment treten 
noch die Zollschwierigkeiten beim Export hinzu. Wäh 
rend bis zum Jahre 1879 ein steter Aufschwung zu 
verzeichnen war, wechseln von da ab bessere und 
schlechtere Jahre bis zu den dieser Berliner Industrie 
ungünstigsten Jahren 1893 und 1894. Im Jahre 1895 
bessert sich der Geschäftsgang wieder, wozu die Han 
delsverträge mit Russland zum Teil beitragen. Hoffen 
wir, dass durch die neue Präsidentenwahl in den Ver 
einigten Staaten eine weitere Besserung der Export 
verhältnisse herbeigeführt werden möge. 
Wenn trotz der geschilderten schwierigen Lage 
die Berliner Industrie dennoch ihre achtunggebietende 
Machtstellung auf dem Weltmärkte behauptet hat, so 
ist das ein sprechender Beweis für die Energie und 
Umsicht ihrer Vertreter und für die Tüchtigkeit ihrer 
Arbeiter. 
Die Eingangs dieses Berichtes erwähnten Neben 
gewerbe der Papierindustrie sind in Berlin durch vier 
Kunstfarbenfabriken, etwa ein Dutzend grösserer Tinten- 
und Siegellackfabriken und durch eine sehr bedeutende 
Stahlfeder- und Federhalter-Fabrik vertreten. Bleistifte 
werden in Berlin nicht fabriziert, da am allerwenigsten 
eine Grossstadt mit der ausserordentlich vorteilhaft pro 
duzierenden bayerischen Industrie konkurrieren kann. 
Die älteste Berliner Kunstfarbenfabrik ist die 1832 
gegründete wohlbekannte Firma Bormann, jetzt Bor 
mann Nachfolger. Feinste, bis zum heutigen Tage aus 
schliesslich mit der Hand geriebene Aquarellfarben für 
Künstler, Architekten, Techniker, Behörden (General 
stab, Königliche Landesaufnahme), flüssige Auszieh 
tuschen und neuerdings auch Oelfarben (sog. Reform 
farben des Malers Hasse) sind die hervorragendsten 
Erzeugnisse dieses vielseitigen Betriebes. Die flüssigen 
Ausziehtuschen, eine hervorragende Erfindung, erfreuen 
sich des ungeteilten Beifalls der technischen Kreise 
aller Länder, während die in der Einführung begriffenen 
neuen Reformfarben mit fast unbegrenzter Haltbarkeit 
und dauernder Geschmeidigkeit ohne Hautbildung die 
Fähigkeit schnellen Trocknens bei Anwendung einfacher 
Mittel verbinden und von dem Mangel des Nachdunkeins 
ganz frei sein sollen. 
Die Hauptvertreter der Berliner Industrie für Kunst 
ölfarben sind die Firmen Heyl (um 1840 gegründet) 
und Moewes, deren anerkannt vorzügliche Fabrikate 
von den Malern des Inlandes und Auslandes hoch- 
geschätzt werden und, im Verein mit den Düsseldorfer 
Erzeugnissen von Schönfeld und Schmincke & Cie., die 
englische Ware mehr und mehr vom deutschen Markte 
verdrängen. 
Moewes fabriziert ausserdem auch Aquarellfarben 
von hervorragender Güte, während Heyl gleichzeitig die 
Fabrikation industrieller Farben für Buntpapier- und 
Kartonfärberei und für Tapetendruck betreibt. Die 
früher mit dem Heylschen Geschäft verbundene 
Aquarellfarbenfabrikation wird als Specialität in Honig 
farben von Modrow weiterbetrieben. 
Jüngeren Datums als die Farbenfabrikation ist die 
vor etwa 40 Jahren ins Leben gerufene Berliner Tinten 
industrie. Das älteste noch bestehende Geschäft ist 
die Firma R. Nikutowski; es folgten R. Tetzer (1868) 
und W. Haber (1873), gegenwärtig die beiden leistungs 
fähigsten Berliner Fabriken. Früher machte man sich 
nach sog. Tintenrezepten seine Tinte selbst, oder man be 
stellte sie bei Tintenspecialisten (Lehrer, Kastellane). 
Das Erzeugnis war ausserordentlich mangelhaft; ein 
Fortschritt wurde bei dieser Herstellungsweise im Kleinen 
und von Fall zu Fall weder erstrebt noch erzielt. Erst 
die sich dem Gegenstände zuwendende Fabrikation im 
Grossen hatte ein Interesse daran, das Erzeugnis stetig 
zu vervollkommnen und aus der Tinte einen gewinn 
bringenden Handelsartikel zu machen. Dies ist der 
Berliner Industrie durch rationellen und auf chemischer 
Grundlage beruhenden Betrieb in vollem Masse ge 
lungen, so dass Berliner Schreib-, Kopier- und farbige 
Tinten einen sehr bedeutenden Handels- bezw. Export 
artikel bilden. Mit Ausnahme einiger weniger, durch 
allzu hohe Einfuhrzölle verschlossenen Länder gehört 
die ganze civilisierte Welt zu den Abnehmern Berliner 
Tinten. Ein Hauptabsatzgebiet mit enormem Bedarf 
sind die Staaten von Südamerika. 
Von günstigem Einfluss auf die Berliner wie auf 
die deutsche Tintenfabrikation überhaupt haben sich 
die amtliche Tintenprüfungsanstalt zu Berlin und die 
sog. Tintennormalien erwiesen, welche letzteren ähnlich 
den oben ausführlich erläuterten Papiernormalien die 
Schreibtinten in zwei Klassen teilen und die Bedin 
gungen vorschreiben, denen Normaltinten zu genügen 
haben. Darnach gehören zu Klasse I (beste Tinten) 
die sog. Eisengallustinten, die im Liter 30 Gramm 
Gerb- und Gallussäure lediglich aus Galläpfeln und 
4 Gramm metallisches Eisen enthalten müssen und nach 
dem Trocknen tief schwarz werden, zu Klasse II solche 
Tinten, die schwarz aus der Feder fliessen und nach 
Stägigem Trocknen sich weder durch Wasser noch 
durch Alkohol abwaschen lassen. Die letztere Bedin 
gung ist bei den Tinten der Klasse I vermöge der 
vorgeschriebenen Bestandteile von selbst erfüllt. Die 
Tinten beider Klassen sollen leicht aus der Feder 
fliessen und selbst unmittelbar nach dem Trocknen 
nicht klebrig sein. 
Die Tinten der renommierten Berliner Fabriken 
stehen keiner inländischen und keiner ausländischen 
(auch nicht der englischen) Tinte an Güte nach. Man 
kann daher ohne Bedenken das Berliner Fabrikat kaufen; 
nur wähle man keine Flasche ohne Firmenaufdruck 
und kaufe nicht, ohne sich die Versicherung geben zu
	        
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