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Gruppe XVI. Die Papierindustrie und ihre Nebengewerbe

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Häufig sind geprägte Luxuspapiere längs der 
Aussenkonturen ausgeschnitten oder im Innern durch 
brochen, oder beides, wie die bereits erwähnten Oblaten 
und Gratulationskarten oder die Felder der aus ebenen 
Teilen zusammengesetzten kantigen Lampenschirme. 
Das Ausschneiden und Durchbrechen ist dem Prägen 
ähnlich; die eine Platte trägt in diesem Falle Schneiden 
(für feinere Löcher Spitzen) und die Gegenplatte be 
steht aus einer gewissen Pappensorte, sog. Ausstanz 
pappe, einem Berliner Erzeugnis. Beim Zusammen 
pressen dringen die Schneiden bezw. Spitzen durch das 
Papier in die Pappe und bewirken die Durchbrechung. 
Aehnlich der Prägung lithographischer Papiere ist 
die sog. Monogramm- und Wappenprägung der Luxus 
briefpapiere. Indem man den Prägestempel einfärbt, 
entsteht der farbige Prägedruck. 
ZweiSpecialitäten derBerliner Luxuspapierfabrikation 
zeigen einen ganz ausserordentlichen Grad der Voll 
endung und finden nirgends sonst ihresgleichen; es 
sind dies die Papierausstattungen und die Lampen 
schirme. Der erstere Artikel ist von dem um die 
Berliner Luxuspapierfabrikation hochverdienten Kom 
merzienrat Max Krause vor etwa 30 Jahren in Berlin 
bezw. Deutschland eingeführt worden und findet seine 
hervorragendste Vertretung in den Fabrikaten dieser 
renommierten Firma und denjenigen der Osnabrücker 
Papierwarenfabrik (zu Berlin), während auf dem Gebiet 
künstlerisch ausgestatteter Lampenschirme die Erzeug 
nisse von Hohenstein & Lange in erster Linie zu 
nennen sind. 
Die Luxuspapierfabrikation ist die eigentliche 
Domäne der Berliner Papierindustrie. In seinen gegen 
150 Betrieben, von denen die grösseren in allen be 
deutenden Städten des Erdenrunds Filialen bezw. 
Vertreter haben, repräsentiert Berlin eine den Welt 
markt beherrschende Macht und ist tonangebend für 
alle Kulturvölker. Unter diesen Betrieben besitzen über 
20 ein Personal von 100 — 500 Köpfen, während das 
erste Weltgeschäft auf diesem Gebiete, W. Hagelberg, 
gegen 1800 Arbeiter beschäftigt. 
Die Berliner Luxuspapierindustrie reicht bis in die 
30er Jahre dieses Jahrhunderts zurück. Der von dem 
Deutschen Senefelder, dem Erfinder der Lithographie, 
angegebene Weg, durch Benutzung mehrerer Steine 
farbige Bilder zu erzeugen, ist in Berlin früh beschritten 
und technisch ausgebildet worden. Die noch heute 
bestehende Firma Winckelmann gehört zu den ältesten 
lithographischen Betrieben Berlins (Gründung 1828). 
Welchen Grad die Kunst bereits im Beginn der 40er 
Jahre erreicht hatte, geht aus dem sehr sachlich ge 
haltenen offiziellen Bericht der zweiten Gewerbe-Aus 
stellung zu Berlin von 1844 hervor, aus dem die 
folgenden Stellen wiedergegeben werden mögen: 
»Die Gewerbe-Ausstellung legt die entschiedensten 
Beweise dafür ab, dass Deutschland, namentlich Berlin, 
im lithographischen Buntdruck eine höchst achtung 
gebietende Stellung einnimmt und die Konkurrenz 
keines anderen Landes im mindesten zu scheuen 
braucht.« 
»Ausgestellt waren (von Winckelmann) eine grosse 
Anzahl der mannigfachsten, reichsten und zum Teil 
sehr komplizierten Ornamente und Prachtblätter in 
Buntdruck, und in keinem vermisste man die Sauber 
keit, Eleganz und Präzision, die Schärfe und Reinheit 
des Druckes und die Frische und Schönheit der Farbe; 
alle, selbst die einfacher scheinenden, gaben rühmliches 
Zeugnis von der gewissenhaften und sachkundigen 
Leitung dieser Anstalt.« 
»Der Lithograph Bösche in Berlin bewies sich im 
verzierten Schriftfache als einen geschickten Lithographen. 
Seine Adresskarten, zum Teil mit geschmackvollen, 
bunt gedruckten oder reich verzierten Umgebungen in 
Gold und Silber, behaupten in ihrer Art eine der 
ersten Stellen in diesem Bereich des Ausgestellten, 
sind fern von Ueberladung, gut ausgeführt und klar 
gedruckt.« 
»Der Lithograph Schäfer (besteht heute noch) in 
Berlin lieferte ein Assortiment verzierter Briefbogen, 
Karten, Stammbuchblätter und Schematas, welche, 
wenn auch weniger geschmackvoll und elegant als die 
französischen und Frankfurter, doch scharf und rein 
gedruckt sind und sich durch Billigkeit auszeichnen.« 
Auch der Umfang der damaligen grösseren Be 
triebe erscheint sehr ansehnlich. So arbeitete Winckel 
mann mit 15 Handpressen und beschäftigte 60 Arbeiter 
(Künstler, Zeichner, Drucker) und 100 jugendliche Ko 
loristen, während die im Range folgenden Betriebe 
mit je 4—6 Pressen und 20—40 Arbeitern angegeben 
werden. Es mögen damals etwa 15—20 Betriebe be 
standenhaben. Die40erjahre brachten bereits einen erheb 
lichen Zuwachs durch Neugründung von Geschäften, 
deren bedeutendste die noch heute bestehenden Firmen 
Hellriegel (1842), Schneider Nachfolger (1847), Sala 
(1847), Bosse (1848), Engel (1848) sind. In den 50er 
Jahren lässt das Wachstum nach; von bekannten 
Firmen entstehen Vollmer (1852), Israel (1854) und 
namentlich Hagelberg (1858). Inzwischen hatten sich 
die Berliner Artikel weit verbreitet und wurden lebhaft 
verlangt. Wir sehen daher in den 60 er Jahren wiederum 
eine grössere Zahl Firmen entstehen, von denen Gross 
mann (1861), Max Krause (1865), Radicke (1865), 
Kaufmann (1866), Spangenberg (1868), Albrecht & 
Meister (1869) und Schlesinger (1869) als die bedeutendsten 
genannt werden mögen. Mit den 70 er Jahren beginnt 
die grossindustrielle Entwicklung. Wir sehen von da 
ab die vorhandenen Anstalten sich vergrössern und 
durch vermehrte Einstellung von Schnellpressen ihre 
Leistungsfähigkeit gewaltig steigern, andererseits zahl 
reiche neue Betriebe entstehen, von denen es etwa 12 
bis zur Gegenwart auf ein Personal von über IOO und
	        
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