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Gruppe XVI. Die Papierindustrie und ihre Nebengewerbe

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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liner Specialindustrie geworden, in der Berlin von keiner 
anderen Stadt der Welt übertroffen wird. Gegen 150 
Betriebe mit zum Teil enormer Produktion beschäftigen 
sich ausschliesslich und etwa 20 Buchbindereien haupt 
sächlich mit der Herstellung der für den Warenverkehr 
ganz unentbehrlichen Pappschachteln. Auf diesem 
Specialgebiet selbst hat die Arbeitsteilung bereits Platz 
gegriffen, je nachdem es sich um die lediglich als 
Versandmittel dienende Konfektions- und Wäsche 
schachtel, den bedeutendsten Berliner Artikel, handelt, 
oder um die sauber und geschmackvoll gearbeitete sogen, 
bessere Bedarfskartonnage, die gleichzeitig als Trans 
portmittel, Aufbewahrungsbehälter und Reklameartikel 
dient, oder ob endlich die Luxusschachtel in P'rage 
kommt. 
Die einfache Versandschachtel hat sich in dem 
Masse zu einem selbständigen Artikel entwickelt, wie 
sich die Berliner Konfektion und Wäschefabrikation 
den Weltmarkt eroberte. Wenn in dieser Industrie die 
Handarbeit stark vertreten ist, so liegt das daran, dass 
bisher die Maschine hier noch eine Grenze findet, an 
der die Handarbeit eingreifen muss. Es giebt noch 
keine Maschine, die selbstthätig grössere Schachteln 
herstellt, und die Anwendung von Maschinen beschränkt 
sich daher auf eine Reihe von Einzeloperationen, die 
alle mit der Hand eingeleitet bezw. beendigt werden 
müssen. Bei der wenig Kraft, dafür aber manuelle 
Geschicklichkeit erfordernden Arbeitsweise sehen wir 
hier vornehmlich weibliche Arbeitskräfte beschäftigt, 
die andrerseits bei dem geringen Nutzen wegen 
grösserer Billigkeit für Berlin besonders geeignet sind. 
Das hauptsächlich in Betracht kommende Material ist 
die zähe Lederpappe für die grössere Konfektions 
schachtel und die sehr gefällige, aber brüchige weisse 
Holzpappe für die kleinere Wäscheschachtel, beides in 
Berlin nicht gefertigte Pappensorten. 
Die Konfektionsschachtel entsteht aus einer Papp 
tafel, in die man an den Ecken maschinell vier Ein 
schnitte macht, indem man die dadurch gebildeten 
Abteilungen auf einer Maschine umbiegt und die an 
den Ecken einander überlappenden Seitenwände auf 
einer einfachen Drahtheftmaschine durch Draht 
klammern verbindet. Der ganze Vorgang nimmt kaum 
mehr Zeit in Anspruch, als man zum Durchlesen der 
ihn schildernden Zeilen braucht. Die Drahtklammer- 
PIckenverbindung in der beschriebenen oder in ähn 
licher Weise ist die bei den meisten einfachen Versand 
schachteln gebräuchliche Verbindungsweise; daneben 
besteht für kleinere Schachteln die sogen. Blechecken 
verbindung, welche dadurch zu Stande kommt, dass 
man auf die in einer Kante zusammenstossenden Seiten 
einen Blechwinkel auflegt, dessen gezackte Ränder 
durch die Pappe gepresst und auf der Innenseite der 
Schachtel leicht umgenietet werden. Ganz in derselben 
Weise stellt man den Deckel her. 
Die kleinere, aus weisser Holzpappe gefertigte 
Wäscheschachtel erfordert das Zerschneiden der Papp 
bogen in kleinere Stücke und das Vorritzen der Biege 
stellen. Beides geschieht auf Maschinen, zum Teil in 
einer Operation, durch Kreismesser. Es folgt dann 
das Ausschneiden der Ecken, da bei dieser Schachtel 
aus Schönheitsrücksichten die Seitenwände in den 
Kanten (Ecken) einfach zusammenstossen sollen, während 
sie durch übergeklebte Stoffstreifen zusammengehalten 
werden. Die Wäscheschachtel ist innen mit farbigem 
Papier beklebt (cachiert), mit dem man die eine Seite 
der zu verarbeitenden Papptafeln bereits vor dem Zer 
schneiden überzieht, und erhält zum Schluss einen 
Aussenüberzug aus weissem Glacepapier, zuweilen auch 
noch auf dem Deckel einen Kantenüberzug aus Bunt 
papierstreifen und einen Aufdruck. 
Gewöhnliche Pappschachteln können als Ware nach 
ausserhalb nicht versandt werden, da sie als Sperrgut 
einem ihren Wert übersteigenden Portosatz unterliegen 
würden. Diesem Mangel begegnet die sogen. Falt 
schachtel in Form eines vierkantigen Pappschachtes 
mit freien Verschlusslappen an den beiden Enden, 
die sich daher flach Zusammenlegen lässt. Derartige 
Schachteln" können bei voller Raumausnutzung mit 
Nutzen als Postpackete versandt werden. 
Die älteste und leistungsfähigste Specialfabrik für 
Versandschachteln ist die Firma Jacobsohn, welche 
auch diesen Industriezweig ins Leben gerufen hat. 
Wesentlich andere Gesichtspunkte als bei der Ver 
sandschachtel kommen bei der besseren Bedarfs 
kartonnage und der Luxusschachtel in Betracht. Präzise 
und mannigfache Formung ist hier das Haupterforder 
nis. Jede Schachtel wird auf einer Holzform von den 
ihrer lichten Weite entsprechenden Dimensionen ge 
formt und geklebt, desgleichen der zugehörige Deckel 
auf einer zweiten Form, die gerade um so viel grösser 
ist, dass der Deckel möglichst luftdicht schliesst. 
Ueber einander zu legende Pappränder bei runden 
Schachteln werden schneidenförmig zugeschrägt, so dass 
die einander überlappenden Teile keine dickere Stelle 
bilden. Als Eckenverbindung kommt der allein einen 
regulären geometrischen Körper zuiassende einfache Stoss 
mitZeugstreifenüberklebung in Anwendung. Gute Cachie- 
rung und ein Ueberzug aus bestem Glacepapier oder 
feinem gedruckten, gepresstem bezw. geprägtem Bunt 
papier mit schwungvollem Reklameaufdruck, oder farbige 
Bilder in künstlerischer Ausführung, schliesslich Deko 
rationen aus seidenen Bändern, Schleifen, Rosetten und 
glänzende Metallbeschläge geben der Schachtel das er 
forderliche Ansehen und verleihen ihr den Charakter 
eines kleinen Kunstwerks. In dieses Gebiet gehören 
die Dosen und Schachteln für Apotheker, Droguisten, 
Konditoren und Zuckerwarenfabrikanten, die Marzipan 
schachteln in ihren verschiedenen typischen Formen, 
die gefälligen Kartons für Juweliere, Photographen,
	        
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