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Gruppe XVI. Die Papierindustrie und ihre Nebengewerbe

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Vorurteile überwunden hat. Letztere ist thatsächlich 
die einfachste, billigste und dauerhafteste Heftung. Die 
Drahtheftmaschine führt sich selbstthätig den endlosen 
Heftdraht von Drahtspulen nach den Arbeitsstellen zu, 
schneidet davon Stücke ab, bildet daraus Klammerchen 
(| |) und treibt diese von innen nach aussen 
durch den Rückenfalz des Bogens und einen dahinter 
liegenden Stoffstreifen. Die Klammerenden legen sich 
dabei von selbst um ((Z □) und bilden so eine 
feste Verbindung zwischen dem Bogen und dem Stoff 
streifen. In dieser Weise werden unter selbstthätigem 
Vorschub des Stoffstreifens die einzelnen Bogenlagen 
an demselben befestigt, bis das Buch fertig ist. 
Die gehefteten, behufs innigeren Zusammenhangs 
auf dem Rücken noch mit Leim bestrichenen Bücher 
werden nun beschnitten. Dazu dienen sehr kräftisr 
gebaute und genau arbeitende Papierschneidemaschinen. 
Das Buch wird zwischen einer feststehenden Grund 
platte und einem verstellbaren Balken fest eingepresst, 
worauf ein kräftiges und scharfes Messer einen Schräg 
schnitt von oben nach unten ausführt und dadurch 
eine absolut ebene Schnittfläche erzeugt. Diese Ope 
ration wird im allgemeinen dreimal wiederholt, da drei 
Seiten zu beschneiden sind; doch giebt es auch Ma 
schinen, welche nach nur einmaliger Einspannung des 
Buches selbstthätig die drei Schnitte nacheinander aus 
führen. Die gebräuchliche Färbung des Schnitts erfolgt 
in alter Weise durch Eintauchen in eine Farblösung, 
wobei die Herstellung des sogenannten Marmors ausser 
ordentlich interessant ist. 
Die nächsten Operationen sind das Runden und 
Abpressen des Rückens, früher durch Bearbeiten mit 
einem Hammer, gegenwärtig durch die sogenannte 
Rückenrundmaschine und die Abpressmaschine voll 
zogen. Das Abpressen besteht in der Ausbildung des 
gerundeten Rückens zu zwei vorspringenden Längs 
kanten zu dem Zweck, ein gutes Anliegen des Deckels 
zu ermöglichen. Das Buch wird endlich in den vorher 
fertiggestellten, eventuell gepressten oder geprägten, 
Deckel eingeklebt und ist fertig. 
Die Geschäftsbücherfabrikation ist im wesentlichen 
dieselbe und weicht nur in der Deckelkonstruktion 
und der Deckelbefestigung von der beschriebenen Her 
stellungsweise ab. Das Papier wird bei kleinerem Be 
triebe ausserhalb in Liniieranstalten liniiert, deren es 
in Berlin etwa 20 giebt; grössere Betriebe besitzen 
selbst Liniiermaschinen. Das Papier wird auf Führungs 
bändern unter Farbscheibenrollen hindurchgeführt, deren 
auf verschiedenen Abstand (entsprechend der Liniatur) 
einstellbare Scheiben ständig mit Farbe gespeist werden 
und mit ihren Rändern auf dem darunter hinweg 
gehenden Bogen ein System paralleler Linien abdrucken. 
Die hier mit Rücksicht auf die schwere Buchmasse 
wegen ihrer grösseren Festigkeit allein übliche Draht 
heftung erfolgt nicht auf einem schmalen Stoffstreifen, 
sondern auf einem sich über die ganze Länge des 
Rückens erstreckenden Zeugbande, das darnach mit 
dem Rücken verklebt wird. Der Deckel wird nicht un 
abhängig vom Buche fertiggestellt, sondern nach dem 
Buche und auf demselben gearbeitet, weil nur auf diese 
Weise eine der schweren Masse des Buches entsprechende 
solide Deckelverbindung erzielt werden kann. Jede 
Deckelhälfte besteht aus zwei starken, bis auf einen 
Randteil zusammengeklebten Pappen bester Qualität, 
zum grossen Teil Berliner Fabrikat der einzigen hiesigen 
Buchbinderpappenfabrik. Der besonders gefertigte und 
erst zum Schluss mit den Deckeln verbundene rinnen 
förmige Rückenteil wird elastisch als Feder konstruiert, 
nämlich aus mehreren schmäler und schmäler werdenden 
Längsstreifen aus Pappe zusammengeklebt. Diese 
wegen ihrer Federkraft als Sprungrücken bezeichnete 
Papprinne wird mit den Längsseiten in die vorer 
wähnten Randschlitze der bereits mit dem Buchinhalt 
verbundenen Deckel eingeklebt, und das Ganze unter 
Druck getrocknet. Hierauf erfolgt das Beziehen des 
Rückens und der Ecken mit gefärbtem Pergament und 
des Deckels mit englischem Leder. Ein so ge 
bundenes Buch hat die für Geschäftsbücher wertvolle 
Eigenschaft, an jeder beliebigen Stelle aufgeklappt, 
beide Buchseiten bis an die Bruchstelle hin eben zu 
präsentieren. Diesen Effekt bringt der Sprungrücken 
zustande, der beim Aufklappen ein wenig auseinander 
getrieben wird, nach erfolgtem Aufklappen wieder zu 
sammenfedert und dadurch auf die Aussenkante des 
Rückens zusammendrückend wirkt, so dass die aufge 
schlagene Bruchstelle ausweichen muss, d. h. federnd 
emporschnellt, und die Tendenz zum Zurückgehen auf 
gehoben wird. 
Die Berliner Buchbindeindustrie umfasst gegen 
200 Betriebe, von denen sich etwa zwei Drittel vor 
wiegend bezw. ausschliesslich mit der Geschäftsbücher- 
fabrikation beschäftigen und zum Teil Grossbetriebe 
sind. Wenn es auch ausserhalb Berlins (z. B. in Han 
nover) einige grössere Geschäftsbücherfabriken giebt, 
so ist doch die Zahl der Berliner Betriebe um so viel 
höher, so dass Berlin als Centrum der deutschen Ge 
schäftsbücherfabrikation gelten muss. Auch am Export 
dürfte Berlin aus dem gleichen Grunde mit dem 
grössten Prozentsatz beteiligt sein, wenn es auch nicht 
den Weltruf jener auswärtigen Betriebe geniesst. 
Zu den ältesten Berliner Geschäftsbücherfabriken 
gehören die Firmen Karl Kühn & Söhne (1806), Rosenthal 
(1815) und Reinhold Kühn (1853). Die beiden sein- 
bedeutenden Geschäfte von Ashelm, Riefenstahl und 
Zumpe & Cie. entstanden in den Jahren 1867 bezw. 
1869, während die weitere Ausdehnung der Geschäfts 
bücherfabrikation erst nach 1870 beginnt. 
In noch höherem Masse als die Geschäftsbücher 
fabrikation ist die seit etwa 25 Jahren von der Buch 
binderei abgetrennte Kartonnagenfabrikation eine Ber
	        
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