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Gruppe XVI. Die Papierindustrie und ihre Nebengewerbe

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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zusammenfassen: Hinsichtlich der Zahl und des Um 
fangs der einschlägigen Betriebe, sowie in der Quantität 
und Qualität der Erzeugnissse wird es von keiner 
deutschen und auch schwerlich von irgend einer Stadt 
des Auslandes übertroffen. Die billigen Sorten sind 
wegen hoher Arbeitslöhne und teurer Betriebskraft der 
Berliner Fabrikation von vornherein entzogen, während 
die Konkurrenz in der teureren, in Berlin ausschliesslich 
gefertigten Ware die Anwendung der vollkommensten 
Maschinen und den rationellsten Betrieb zur Bedingung 
macht. Dabei fällt bezüglich des Exports nach Ländern 
mit hohen Eingangszöllen noch erschwerend der Um 
stand ins Gewicht, dass manche Fabrikate (Kartons), 
welche für den Export in Kisten verpackt werden 
müssen, einem wesentlich höheren Frachtsatz unterliegen 
als die Rohmaterialien, die in Kollis verpackt dem 
Ausland zu den niedrigeren Frachtsätzen für »Papier 
in Kollis« zugeführt werden. Wenn trotz dieser zu 
sammenwirkenden ungünstigen Verhältnisse die Berliner 
Industrie dennoch leistungsfähig und ihre Ware export 
fähig geblieben ist, so spricht dieser Umstand zweifellos 
für die Ueberlegenheit der Berliner Fabrikanten und 
für die Güte der Erzeugnisse. 
In geschichtlicher Hinsicht sei bemerkt, dass die 
älteste noch bestehende Berliner Fabrik (S. Bluhm jr.) 
im Jahre 1838 gegründet wurde. Pis folgten je eine 
in den Jahren 1843, 1857 und 1869. Die meisten 
übrigen Grossbetriebe für Glace- und Kartonpapier ent 
standen in den siebziger Jahren, während die Fabriken 
für die technischen und präparierten Papiere neueren 
Datums sind. Die bedeutendsten Firmen der Branche sind 
gegenwärtig Friedheim & Sohn, Hochstein & Weinberg 
und Flesche & Sabin. 
Wenden wir uns nunmehr zur Papierverarbeitung, 
dem ungleich bedeutendsten Zweige der Berliner 
Papierindustrie, so lassen sich trotz der hier herrschen 
den, ausserordentlichen Mannigfaltigkeit doch zwei 
Hauptgruppen unterscheiden, je nachdem für das 
Erzeugnis Zweckmässigkeitsrücksichten oder ästhetische 
Gesichtspunkte bestimmend sind. Den Uebergang 
zwischen beiden bildet eine Mittelgruppe, welche 
die Rücksichten der Zweckmässigkeit mit den 
jenigen der Schönheit verbindet. Zur ersteren Gruppe 
zählt die gewerbliche Buchbinderei mit der Konto 
bücherfabrikation als Specialität, die Pappschachtel 
fabrikation (Kartonnagenindustrie) und die Herstellung 
gewerblicher Papierwaren (Düten, Beutel, Briefumschläge, 
Etiketten), zur mittleren und letzteren die Papier- 
Galanteriewarenindustrie (Atrappen,Kotillongegenstände, 
Christbaumschmuck) und die Luxuspapierfabrikation. 
Bis vor etwa dreissig Jahren waren fast alle diese in 
nur mässigem Umfang betriebenen Gewerbe auch in 
Berlin mit der Buchbinderei, dem ursprünglichen Ge 
werbe der Papierverarbeitung, vereinigt. Die moderne 
Entwicklung hat daraus eine Anzahl von Sonderbe 
trieben hervorgehen lassen, die im Hinblick auf die 
darin verwendetenSpecialWerkzeuge und Specialmaschinen 
ihre ursprüngliche Zusammengehörigkeit kaum noch 
erkennen lassen. 
Die eigentliche Buchbinderei zerfällt gegenwärtig in 
drei verschiedene Specialgebiete, das Kunstgewerbe mit 
überwiegender Handarbeit und der Aufgabe, die besten 
Erzeugnisse der vervielfältigenden Künste in ein würdiges 
Gewand zu kleiden (Prachtwerke), die dem alltäglichen 
Massenbedarf an Erzeugnissen der Druckindustrie 
(Bücher, Broschüren, Verlagsartikel) dienende Massen 
fabrikation einfacher und billiger Bücher; endlich die 
in jüngster Zeit zu einem selbstständigen und be 
deutenden Gewerbe erhobene Geschäftsbücherindustrie. 
Die kunstgewerbliche Buchbinderei pflegt man nicht 
zur Papierindustrie zu rechnen; der Leser findet das 
Nähere darüber an anderer Stelle (Gruppe VI). Hier 
handelt es sich um die moderne Massenfabrikation 
gewerblicher Erzeugnisse, die fast ausschliesslich mit 
Maschinen arbeitet, und in der das Planieren und Schlagen 
der Bogen, das Handfalzen, die Heftlade, die Be 
schneidepresse und der Beschneidehobel längst un 
bekannte Begriffe sind. 
Die in der Druckerei für die Zwecke des Bindens 
vollkommen vorbereiteten Druckbogen werden von 
Arbeiterinnen in sogenannte Falzmaschinen eingelegt, 
welche die Bogen in das gewünschte P'ormat zusammen 
falten und in geordneten Stapeln abliefern, so schnell 
die Einlegerin nur zu folgen vermag. Der Falz 
mechanismus besteht aus zwei gegeneinander rotierenden 
Presswalzen und einem darüber angeordneten vertikal 
schwingenden stumpfen Messer, das bei seinem Nieder 
gange den über den Walzen liegenden Bogen in der 
Knifflinie (Mittellinie des Bogens) erfasst, dadurch im 
Bogen eine Kante bildet und den Bogen mit dieser 
Kante zwischen die Falzwalzen einführt. Aus ihnen 
tritt der Bogen auf das halbe Format (P'olio) zusammen 
gelegt heraus, um nach einander mehrere derartige 
Falzmechanismen zu passieren, die durch wiederholtes 
Zusammenlegen auf Quart, Oktav u. s. w. das end- 
giltige Format erzeugen. Einige Falzmaschinen durch 
nähen gleichzeitig den Bogen im Rücken mit einem 
Faden, um bei broschierten (im Rücken nur zusammen 
geklebten) Büchern den bekannten Mangel zu beseitigen, 
dass nach dem Aufschnciden des Buchs die Blätter 
zum grössten Teil frei werden und herausfallen. 
Die gefalzten Bogen werden auf sehr sinnreich 
konstruierten Heftmaschinen zu Büchern geheftet. Man 
hat Draht- und Fadenheftmaschinen. Die letzteren 
sind ziemlich komplizierte Maschinen, die nach Art 
der Nähmaschine mit zwei Faden arbeiten und ge- 
wissermassen einen sehr weiten Nähstich an mehreren 
Stellen im Rückenfalz des Bogens erzeugen. Die 
Fadenheftung bildet gegenwärtig die Ausnahme, nach 
dem die ursprünglich bemängelte Drahtheftung alle
	        
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