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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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So dem Maschinenbauer ein Mittel an die Hand gaben, 
ohne erhebliche Kraftverluste — unter Einschaltung 
von Zwischenrollen — Entfernungen bis zu 1000 m 
zu überspannen. Aber bald wuchsen die Entfernungen 
derart, dass auch dieses Mittel versagte, namentlich als 
man begann, die natürlichen Wasserkräfte als Ersatz 
für die Dampfmaschinen in mehr oder weniger benach 
barten Ortschaften nutzbar zu machen und als das 
Bedürfnis immer dringender wurde, in grossen Städten 
dem Kleingewerbe Triebkraft aus einer Centrale für 
mässiges Entgelt zuzuführen. Die direkte Uebertragung 
von Bewegung war unter diesen Umständen aus 
geschlossen, und so entstanden die Ferntriebe in Gestalt 
der Leitungen für Pressluft und Presswasser, die an 
der Verbrauchsstelle die Aufstellung eines besonderen 
Motors erforderlich machen; streng genommen gehören 
dahin auch die Leucht- und Wassergas-Leitungen. Be 
kanntlich hat Paris eine ausgedehnte Pressluft-Anlage 
dieser Art, Presswasserleitungen finden sich in fast 
allen grösseren Häfen; eine sehr umfangreiche Anlage 
ist die des Centralbahnhofes Frankfurt a. M. Wasser 
gas-Anlagen sind eine Besonderheit amerikanischer 
Städte; Berlin kann in dieser Hinsicht nur mit Leucht 
gas-Leitungen aufwarten, wie sie jede mit Gas-Anstalten 
ausgerüstete Stadt aufweist. Ueber die aus diesen 
Leitungen gespeisten Gasmotoren wurde bereits auf 
Seite 543 berichtet. Gross ist Berlin dagegen auf dem 
Gebiete der elektrischen Ferntriebwerke, welche seit 
der denkwürdigen Errichtung des Ferntriebes Lauffen- 
Frankfurt a. M. bei Gelegenheit der Elektricitäts-Aus- 
stellung 1891 im letzteren Orte alle obengenannten 
Arten des Ferntriebes weit in den Schatten gestellt 
haben. Welchen Umfang die Uebertragung von 
Energie in Gestalt elektrischen Stromes an mittlere 
und kleine Betriebe jetzt bereits angenommen hat, 
zeigen die Angaben darüber auf Seite 516. Zahlreich 
sind in Berlin auch die grösseren Betriebe, die für 
ihren gesamten Kraftbedarf eine eigene Centrale er 
richteten, hier durch Dampfmaschinen oder Gas- bezw. 
Petroleum-Motoren in Dynamomaschinen elektrischen 
Strom erzeugen und diesen in Leitungsdrähten an 
die Verbrauchsstellen in den verschiedenen Räumen 
leiten. In diesen werden dann einzelne Gruppen von 
kleineren Werkzeugmaschinen, wie man sie z. B. zu 
sammen für Nachtschichten braucht, von einem gemein 
samen Elektromotor angetrieben. Grössere und solche 
Werkzeugmaschinen, welche für den Anschluss an das 
Gruppentriebwerk zu ungünstig stehen, erhalten ihren 
eigenen Elektromotor, ebenso etwaige fahrbare Arbeits 
maschinen, wie Bohrmaschinen u. dergl. Auch der 
Antrieb von Laufkrahnen u. dergl. wird aus solchen 
Leitungen bewirkt. Andere Abzweigungen der Leitungen 
dienen zur Speisung der Lichtquellen, der Bogen- und 
Glühlampen. Mag auch thatsächlich hier und da wegen 
mangelnder Sorgfalt in der Anbringung der Sicherungen 
durch Kurzschluss Feuersgefahr entstehen, mag es —— 
vielleicht — auch zur Zeit noch keine Minderung der 
Reibungsverluste bedeuten,wenn man dieDampfmaschine, 
statt sie durch Wellenleitungen und Riemen mit den 
Arbeitsmaschinen zu verbinden, auf diese durch Ver 
mittlung der Dynamomaschine, der elektrischen Leitung 
und des Elektromotors wirken lässt, so ist doch dieses 
elektrische Nahtriebwerk allen anderen Arten erheblich 
überlegen vom Standpunkte der Betriebssicherheit, der 
vollendeten Arbeitsführung durch zweckmöglichste Auf 
stellung der Arbeitsmaschinen und endlich wegen der 
Leichtigkeit der Zusammenlegung aller für den Betrieb 
erforderlichen Krafterzeugungsmaschinen in eine einzige, 
viel billiger zu bewirtschaftende Central-Anlage. Waren 
es ursprünglich und zuerst natürlich die Elektricitäts- 
gesellschaften, die in ihren Werkstätten solche Triebe 
herrichten, so sind inzwischen diesem Beispiele längst 
die grösseren Maschinenfabriken, Eisenbahnwerkstätten 
u. s. w. gefolgt. Wo in der Neuzeit eine grössere 
Anlage mit Arbeitsmaschinen geschaffen wird, erscheint 
diese Lösung der Energie-Verteilung als die zuerst in 
Frage kommende, so auch bei den neuen Werken, die 
Borsig in Tegel und Löwe in Martinikenfelde gegen 
wärtig errichten lassen. Die grosse Kraftstation der 
Ausstellung führte Fern- und Nahtriebe dieser Art vor, 
erstere z. B. für die elektrische Rundbahn, letztere für 
zahllose Werkzeug-Maschinen, Aufzüge u. dergl. mehr 
in den verschiedensten Räumen der Ausstellung, die 
so manchen Besucher in Erstaunen versetzten durch 
die geheimnisvolle Art ihrer Inbetriebsetzung. War 
doch nur der Strom einschalthebel am unscheinbar 
kleinen Elektromotor umzulegen, und das ganze Werk 
schnurrte und surrte. 
Allein Berlin hat nicht nur in den Betriebsstätten 
seiner weitverzweigten Industrie zahllose Anwendungs 
gebiete dieser modernsten Form des Triebwerks in 
vorbildlicher Ausführung aufzuweisen, Berlins Elektri- 
citätswerke haben auch zahllosen anderen Städten unseres 
Vaterlandes, des Festlandes und selbst weit über See 
in allen Richtungen der Windrose, die Wohlthaten 
solcher elektrischen Triebwerke erschlossen, namentlich 
auch für die Zwecke des elektrischen Strassenbahn- 
Betriebes, in dem bekanntlich Berlin selbst noch nicht 
rühmlich weit fortgeschritten ist. Eine Glanzleistung 
auf diesem Gebiete ist die von Siemens & Halske 1896 
in den Goldfeldern Transvaals zur Ausführung ge 
brachte, 45 km lange elektrische Kraftleitung zum 
Betriebe der Goldwäschereien. 
Die älteren Formen der Triebwerke zur Ueber 
tragung der Bewegung auf kurze Entfernungen, also 
die Wellenleitungen mit Zubehör, die gleichfalls in 
der Ausstellung vertreten waren und für zahlreiche 
Maschinen in der Nähe der Kraftstation den Antrieb 
vermittelten, überwiegen naturgemäss zur Zeit noch in 
Berlins Betriebsstätten. Es ist in weitem Umfange
	        
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