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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Ein weiterer Mylord *), ebenfalls von französischer 
Form, schwarz lackiert und mit Gold abgesetzt, zeichnete 
sich durch eine an den Steigbügeln des Verdeckes an 
gebrachte durchgehende Welle aus, welche die Mög 
lichkeit bot, durch leichteste Manipulation von einer 
Seite aus das Dach in voller Breite auf- oder nieder 
zuschlagen. 
Der die behäbige Wohlhabenheit repräsentierende 
Landauer, der in Berlin viel gebaut und gekauft wird, 
ist ein Wagen von so bewährten Eigenschaften, dass 
die Wagenbauer es dem Anschein nach als beinahe 
überflüssig angesehen hatten, auf der Ausstellung damit 
zu paradieren. Ein sehr schönes Exemplar dieser Wagen 
art zeigte moderne Form mit Fries und Holzschnörkeln 
hinten auf einem Gestell mit Holzarmen. Die Lackierung 
war schwarz mit wenigen gelben Linien, der Ausschlag 
helle Seide. Die Sitze liessen sich durch Hebevor 
richtung hoch und niedrig stellen; das Verdeck war 
mit Mechanik zum leichten Oeffnen und Schliessen 
versehen. 
Die dem Landauer ähnelnde Doppelkalesche war 
durch mehrere Exemplare vertreten, die sämtlich in 
der bekannten, diese Art der Berliner Wagen bereits 
seit langer Zeit auszeichnenden Solidität und Gediegen 
heit gearbeitet waren. 
Ein »Kutschierphaeton«, auch als Ponywagen zu be 
nutzen, bewies durch geläuterten, vornehmen Geschmack, 
dass Berlin auch in derartigen leichten Gefährten 
Meisterwerke zu liefern im Stande ist. Von dem in 
blauer Lackierung gehaltenen Gestell hob sich der 
gefällige Naturnussbaumkasten wirkungsvoll und in 
bester Harmonie mit dem englischen, modefarbenen 
Ausschlage ab. 
Von der Gattung der sogenannten »Spider« waren 
zwei Exemplare ausgestellt, von denen das eine**) 
(Fig. 76) durch seine geschmackvollen Verzierungen in 
die Augen fiel. 
Tilburys und verwandte Wagen sind in Berlin 
noch nicht so heimisch geworden wie in Paris und 
namentlich in London; überhaupt finden zweiräderige 
Fuhrwerke in unserem Vaterlande bei weitem nicht 
den Beifall, der ihnen in Frankreich und England 
gezollt wird. 
*) August Färber, Berlin NW., Luisenstr. 27/28. 
**) C. Kliemt, Berlin NO., Neue Königstr. 74. 
Ausgestellt war ein Tilbury mit Verdeck, ein- und 
zweispännig mit Deichsel zu fahren. 
Die leichtesten auf der Ausstellung vorhandenen 
Gefährte barg die Sportabteilung, nämlich Dogcart, 
Buggy, Sulky und auch einen leichten Schlitten. 
Das dort befindliche Dogcart*), ein Meisterstück 
des Wagenbaues, hatte Seine Majestät der deutsche 
Kaiser ausgestellt. Wie Renn- und Hindernissport, 
so erfreut sich auch der in unserem Vaterlande erst 
im Entstehen begriffene Fahrsport der Gunst und 
Förderung des Monarchen. Einen deutlichen Beweis 
dieser seiner wohlwollenden Gesinnung gab der Kaiser, 
indem er sich selbst als Aussteller an der Sport 
ausstellung beteiligte. 
Der viersitzige Korb des Dogcart war aus dauer 
haftem Rohrgeflecht hergestellt. Die Hinterwand 
wurde nicht durch Ketten gehalten, wie es bei diesen 
Gefährten meistens der Fall ist, sondern blieb, wenn 
sie niedergelegt wurde, infolge ihrer Konstruktion von 
selbst in horizontaler Lage; zur Erhaltung des Gleich 
gewichtes des Wagens diente eine in die Hinterwand 
eingelassene Bleifüllung. Am Vordersitze befand sich 
eine Kurbel zum Balancieren des Wagens bei Berg 
abfahrt; um desselben Zweckes willen lief der Sitz in 
Schienen. Die für die Lackierung sowohl wie für die 
Garnierung verwendete Farbe war ein schönes dunkles 
Blau; die Räder hatten gelbe Absetzung. Die eleganten 
Laternen trugen Königskronen. 
Ein ganz eigenartiges Gefährt war das nur für 
Rennzwecke bestimmte Sulky mit Gespann**), ein echter 
Sportwagen, wie er leichter überhaupt nicht gedacht 
werden kann. Auf einem sinnreich konstruierten 
Gefüge dünner Stangen und Federn ruhte ein winziger 
*) Ed. Kühlstein, Charlottenburg, Salzufer 4. 
**) Richard Fiebrandt, Berlin NW., Dorotheenstr. 25. 
Fig. 76. Spider. 
40’
	        
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