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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Mit den jährlichen Wanderversammlungen der Gesell 
schaft sind internationale Geräteausstellungen und mit 
diesen sind »Vorprüfungen« neuer Geräte jeder Art 
und, im Wettbewerb, »Hauptprüfungen« von Geräten, 
welche einem bestimmten Gebrauchszweck dienen 
sollen, verbunden. An der mit der Wanderversammlung 
in Berlin 1894 verbundenen Geräteausstellung beteiligten 
sich 300 Firmen, und in Berlin wurden 1891 und 1894 
Hauptprüfungen bezw. von Reinigungs- und Sortier 
maschinen für Saatkorn, Klee- und Grassamen und von 
Petroleumkraftmaschinen zur Ausführung gebracht. Da 
diese Prüfungen öffentliche sind, ohne Rücksicht auf 
Kosten mit grösster Sorgfalt ausgeführt und die Er 
gebnisse im »Jahrbuch« der Gesellschaft rückhaltslos 
veröffentlicht werden, sind sie in hohem Grade ge 
eignet, auf den Gerätebau anregend und fördernd zu 
wirken. 
Die Armut Norddeutschlands an natürlichem, für 
Bauzwecke geeignetem Steinmaterial einerseits und das 
häufige Vorkommen zum Teil sehr mächtiger Thon 
lager andererseits nötigten zum Backsteinbau, der schon 
früh zu bewundernswerter technischer und künst 
lerischer Ausbildung gelangte. Zum Teil noch sehr 
gut erhaltene, kirchliche und profane Bauwerke in der 
Mark Brandenburg wie in den Provinzen Pommern 
und Preussen geben Zeugnis von dem technischen Ge 
schick und von dem Schönheitssinn unserer Vorfahren. 
Obwohl heute, infolge der vervollkommneten Verkehrs 
mittel, die Beschaffung von Sandstein nicht entfernt 
mehr die Schwierigkeiten und Kosten verursacht wie 
früher, und in Berlin thatsächlich von Sandstein in 
reichem Masse Gebrauch gemacht wird, kommt doch 
der Backstein bei fast allen Bauten in Anwendung, ent 
weder ausschliesslich oder in Verbindung mit Sand 
stein, der in der Regel nur zur Maskierung dient. Dass 
aber auch mit Backstein allein sowohl hinsichtlich der 
Gliederung, wie hinsichtlich der Färbung dem Ge 
schmacksbedürfnis genügt werden kann, beweisen zahl 
reiche neuere Ziegel-Rohbauten. 
Da die Herstellung von Thonwaren überhaupt und 
von Bausteinen insbesondere wohl zu den ältesten Ge 
werben gehören dürfte, erscheint unverständlich, dass die 
Technik auf diesem Gebiet bis auf die neueste Zeit der 
art zurückgeblieben ist, dass sie noch heute vereinzelt in 
ihrer primitivsten Form zur Anwendung kommt. Grund 
legend für die heutige wirtschaftliche Bedeutung der 
Thonwaren-Industrie war die Erfindung des Ringofens 
von Hoffmann und Licht vor etwa vierzig Jahren und 
die Anwendung der Strangpresse, deren Wert für die 
Ziegeleifabrikation C. Schlickeysen bereits 1861 er 
kannte und in einer sehr beachtenswerten Abhandlung 
überzeugend nachwies. Der hohe wirtschaftliche Wert 
beider Erfindungen liegt darin, dass sie kontinuierlichen 
Betrieb und damit eine Leistung ermöglichen, welche auf 
anderem Wege nicht zu erreichen ist. Mit Hilfe eines 
Handlangers kann ein sehr geübter Ziegelstreicher 
stündlich höchstens 700 Mauersteine von Hand her- 
stellen, eine Strangpresse kann dagegen stündlich 2000 
bis 3500 Steine liefern. Der Presse wird der Thon 
stetig zugeführt, und die Presse liefert ein stetig wach 
sendes Thonprisma, welches durch eine mit der Presse 
verbundene Teilvorrichtung in Stücke von gewünschter 
Länge geschnitten wird. Obwohl die Strangpresse sich 
schon sehr viel früher zur Herstellung von Blei- und 
Zinndraht, von Blei- und Zinnröhren, Makkaroni u. s. w. 
anwendbar erwies, war es doch keineswegs leicht, sie 
auch für die Herstellung von Mauersteinen geeignet zu 
machen. Die ersten Anwendungen der Strangpresse 
für den bezeichneten Zweck misslangen vollständig. 
Nach dem Brennen und oft schon nach dem Trocknen 
erwiesen sich die Steine in mehrfacher Beziehung fehler 
haft. Die Ursachen der Fehler erkannt und verhütet 
zu haben ist im wesentlichen das Verdienst Schlick- 
eysens. Die Gestaltung der Oberfläche des die Strang 
presse verlassenden Prismas wird durch die fort 
schreitende Bewegung des letzteren einerseits und durch 
das Profil des Mundstückes der Presse andererseits be 
dingt; andere Gestaltungen sind bei Anwendung der 
Strangpresse allein nicht möglich. Um Steine, nament 
lich Fliesen, mit verschiedenartig gegliederter Relief 
fläche hersteilen zu können, hat Schlickeysen die 
Strangpresse mit einer cylindrischen Reliefform kom 
biniert, welche sich auf dem Thonstrang rechtwinklig 
zur fortschreitenden Bewegung desselben abwälzt. Mit 
der Einführung der Strangpresse ist aber auch im 
übrigen die Ziegelfabrikation wesentlich umgestaltet 
worden. Das langwierige und teure »Sümpfen« des 
Thones in gemauerten oder verschalten Gruben wird 
durch Bewässern ersetzt, wobei der Thon zu 1—2 Meter 
hohen Halden oder Dämmen aufzuschichten ist. Das 
Mischen und Kneten des Thones, welches früher durch 
Treten oder mittelst Stangen durch die Hand erfolgte, 
wird jetzt durch Walzwerke und Schrauben bewirkt. Zur 
Beförderung des Arbeitsmaterials an die in gewissen 
Entfernungen und verschiedenen Höhen angeordneten 
Arbeitsorte dienen sorgfältig geführte Seil- oder Ketten 
bahnen bezw. Aufzüge. Die grosse wirtschaftliche Be 
deutung der Ziegelfabrikation hat zur Folge gehabt, dass 
sich Spezialtechniker ausbildeten und, ohne selbst zu 
fabrizieren, die vollständige Anlage und Einrichtung von 
Ziegelfabriken zur Ausführung bringen. Da derartige 
Techniker ihre Aufmerksamkeit der Inbetriebsetzung 
sämtlicher Einrichtungen, Oefen, Maschinen, Transport 
mittel u. s. w., zu wenden müssen, haben sie natürlich 
Gelegenheit, vielseitige Erfahrungen zu sammeln und 
wertvolle Verbesserungen zu schaffen. Als Beweis dafür 
wird die von Ernst Hotop ausgestellte kontinuierlich 
wirkende » Ventilations - Trockeneinrichtung« 
gelten dürfen. Durch den Kanal, in welchem die Trocken 
gerüste aufgestellt sind, wird von oben oder von unten
	        
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