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Vorgeschichte und Vorbereitung der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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gewerblichen Bestrebungen für die Ausstellungssache 
bethätigten. 
Im einzelnen verursachte die Notwendigkeit, die 
einmal gezogene Grenze nun auch genau festzuhalten, 
nicht wenige Schwierigkeiten und Meinungsverschieden 
heiten. Bei dem tiefgehenden Einfluss, welchen die 
Berliner Engros- und Exportfirmen auf einen ansehn 
lichen Teil der deutschen Industriethätigkeit ausüben, 
hätte die allzu weitherzige Durchführung des Grund 
satzes der Aufnahme aller auf Berliner Initiative irgend 
wo sonst hergestellten Waren dazu geführt, dass auf 
einem Umwege ein wenn auch grosser Torso einer all 
gemeinen deutschen Ausstellung entstanden und dadurch 
in der That für irrtümliche Beurteilungen der gesamten 
deutschen gewerblichen Leistungsfähigkeit auf seiten 
des Auslandes eine Handhabe geboten worden wäre. 
Es erschien aber auch, von dieser Gefahr abgesehen, 
nicht angemessen, einem Ziele, von dem offiziell 
in aller Form Abstand genommen war, nachträglich 
auf einem Umwege zuzustreben. Durch die hiernach 
erforderlich gewordenen Ablehnungen wurden leider 
vielfache Verstimmungen gegen die Ausstellungsleitung 
selbst in Kreisen verursacht, bei denen wohl ein rich 
tiges Verständnis der Sachlage zu erwarten gewesen 
wäre. Insbesondere vermochte man sich vielfach nicht 
in die Thatsache zu schicken, dass auf Grund der 
angedeuteten Erwägungen die eine zeitlang gehegte 
Absicht wieder aufgegeben war, die Erzeugnisse aller 
Firmen, die in Berlin durch Zweigniederlassungen oder 
auch nur durch Agenten vertreten sind, zuzulassen. 
Eine nicht geringe Zahl von Zurückgewiesenen fand 
ein Unterkommen in der Deutschen Kolonial-Ausstellung, 
soweit es sich um Geschäftszweige handelte, die für 
den Export nach und den Import aus den überseeischen 
Kolonien in Frage kommen. 
■■a *• 
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Der Antrag des Arbeitsausschusses auf Hergabe 
eines Ausstellungsplatzes und eines Kostenzuschusses 
seitens der Stadt Berlin war bereits Anfang Juni 1893 
an den Magistrat gelangt. Dann war durch die oben dar 
gelegten Umstände eine Verzögerung von 10Monaten 
eingetreten, während welcher unausgesetzt, aber ver 
geblich, sowohl direkt wie in der Presse, die Beschleuni 
gung der Sache gefordert worden war. Damit war viel 
kostbare Zeit verloren gegangen. Nur das schliessliche, 
eine Entscheidung fordernde Vorgehen des Arbeits 
ausschusses und das sachgemässe Eingreifen des Reichs 
kanzlers Grafen von Caprivi machte dem unerquick 
lichen »Hangen und Bangen« ein Ende. Am 26. April 
1894 bewilligte dann auf Antrag des Magistrats, der 
seinerseits den Vorschlägen der gemischten Deputation 
gefolgt war, die städtische Vertretung einen Beitrag 
zu den Kosten der Ausstellung in Höhe von 300 000 Mk. 
unter der Bedingung, dass der im Eigentum der Stadt 
befindliche und von dieser kostenlos zur Verfügung zu 
stellende Treptower Park als Ausstellungsplatz diene. 
Zustimmung fand hierbei ein Antrag des Stadtverordneten 
Kalisch, wonach sich die Versammlung, für den Fall 
der Wahl eines anderen als des Treptower Geländes 
die Beschlussfassung über den zu leistenden Beitrag 
vorbehielt. Der Antrag Gerstenberg, für den Fall der 
Ablehnung Treptows seitens des Ausstellungsvorstandes 
jede Unterstützung des Unternehmens abzulehnen, fiel 
mit 46 gegen 46 Stimmen. Der schliesslich mit 67 
gegen 22 Stimmen gefasste Beschluss lautete: 
»Die Versammlung erklärt sich damit ein 
verstanden, dass dem Arbeitsausschuss für die Ge 
werbe-Ausstellung 1896 das für die Ausstellung 
erforderliche Terrain im Treptower Park, eventuell 
unter Hinzunahme eines Teiles des anstossenden 
Steinstätteplatzes und der vor der Verbindungs 
bahn gelegenen, der Stadtgemeinde gehörigen 
Flächen gegen die Verpflichtung überlassen werde, 
das zur Ausstellung verwendete Terrain des Parkes 
nach Beendigung der Ausstellung auf Kosten des 
Ausstellungs-Unternehmens wiedetum als Park her 
zustellen, 
und dass in diesem Falle dem genannten Aus 
schuss zur Verwendung für die Ausstellung die 
Summe von 300 000 Mk. gewährt, den städtischen 
Behörden aber das Recht Vorbehalten wird, falls 
das Ausstellungs-Unternehmen Ueberschüsse er- 
giebt, über diese Ueberschüsse bis zur Höhe der 
gewährten Summe zu gemeinnützigen Zwecken zu 
verfügen. Falls ein anderes Terrain als der 
Treptower Park gewählt wird, behält sich die Ver 
sammlung die Beschlussfassung über den zu leisten 
den Beitrag vor.« 
Nicht gerade glücklich war der Ausdruck »Aus 
stellungs-Unternehmen« gewählt, wo es sich doch 
nicht um Erwerbs-Arbeit, sondern um ein gemein 
nütziges Werk handelte. In der Sache selbst kam 
man durch den Beschluss der Stadtverordnetenversamm 
lung' endlich einen entscheidenden Schritt vorwärts. 
Die Platz frage führte zu grossen Kämpfen, die, 
allerdings nur während einer kurzen Zeit, das Aus- 
stellungswerk in P'rage zu stellen schienen. Wir geben 
nachstehend eine Uebersicht über die Entwicklung des 
Streites, die vorübergehend die ganze Berliner Be 
völkerung in zwei Lager teilte und die grösste Auf 
regung verursachte. Eine grosse Zahl von I lätzen wai 
teils von den Interessenten angeboten, teils in Vorschlag 
gebracht worden. Die Aufgabe, einen nach Lage, Aus 
dehnung, Gestaltung, Verbindungen, Zufahrtswegen und 
finanziellen Gesichtspunkten möglichst vorteilhaft be 
schaffenen Platz zu gewinnen, warsehr schwierig. Vor 
sichtigerweise hatte sich der Arbeitsausschuss eine ganze 
Reihe von Plätzen gesichert.
	        
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