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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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der riesigen Wassersäulen, die darauf lasten, natur- 
gemäss zu einem ganz unannehmbaren Verschleiss von 
Ventil und Ventilsitz geführt haben würde. Das hat 
unzählige Konstruktionen von doppel- und mehrsitzigen 
Ventilen gezeitigt, Ringventile mit zwei Sitzen in der 
selben Ebene und die bei Wasserhaltungspumpen 
häufig verwendeten Glockenventile mit verschiedener 
Höhenlage der Sitzflächen. Auch auf dem Wege der 
Anordnung einer grösseren Zahl kleinerer Ventile in 
demselben Gehäuse verringert man für gegebenen 
Durchflussquerschnitt den Hub und ordnet dann, um 
die Gehäuseabmessungen klein zu halten, die Ventile 
in Gruppen übereinander an. Ein weiteres Mittel, den 
Ventilen grössere Dauer zu verleihen war die Trennung 
der Dichtflächen von den Tragflächen. Kurzum, fast 
jede Wasserwerksanlage brachte neue Formen dieser 
Art zu Tage. Aehnlich, wenn auch nicht ganz so 
zahlreich, haben sich die Konstruktionen der Klappen 
entwickelt, die namentlich bei Schachtpumpen statt der 
Ventile verwendet werden. 
Um nun diese verwickelten, schweren und viel 
Raum brauchenden mehrfachen Ventile durch An 
wendung grossen Hubes entbehrlich machen zu können, 
hat man versucht, den heftigen Ventilschlag durch 
zwangläufigen Schluss der Ventile zu vermeiden und 
doch eine sichere Schlussbewegung zu erzielen. 
Professor Riedler (Berlin), der ebenso wie 
Professor Bach (Stuttgart) durch zahlreiche Indikator 
versuche an Pumpen die Vorgänge im Innern der 
selben erheblich geklärt hat, verbesserte Mitte der 8oer 
Jahre die Steuerung des Amerikaners Corliss, bei 
welcher die hin- und hergehenden Pumpenteile die 
Ventile so bewegen, dass sie unmittelbar nach dem 
Hubwechsel schon wieder die Oeffnung des Ventils 
gestatten, durch die D. R.-P. 24 849, 41 580, 42 346, 
42 374. Nach diesen überträgt er von einer rotieren 
den Welle durch unrunde Daumen die Schlussbewegung 
auf die Ventile so, dass jedes Ventil sich frei heben 
kann, während des Kolbenhubes geöffnet bleibt, gegen 
Ende desselben langsam und stossfrei erfasst und dann 
rasch bis auf einen kleinen Spalt geschlossen wird, 
den es darauf unter dem Druck der Flüssigkeitssäule 
selbstthätig schliesst. Die Steuerung hält dann das 
Ventil eine angemessene Zeit geschlossen und lässt es 
erst im Beginn des nächsten Hubes wieder frei. Diese 
Steuerungen sind bei zahlreichen unterirdischen Wasser 
haltungsmaschinen (im Seegraben bei Leoben, Meroschau 
bei Pilsen, Peterschacht und Hermensgildschacht zu 
Mährisch-Ostrau und am Mayran-Schacht in Kladno) 
und in neueren städtischen Pumpwerken (Leipzig, 
Regensburg, Barmen, Smichow bei Prag, Brünn, 
Pest, Agram, Graz, Pola und Rotterdam) angewandt 
worden. 
Viele Fabriken, darunter sehr namhafte, verhalten 
sich ablehnend gegen diese Neuerung. 
Riedler hat auch sehr lebhaft für eine Vergt'össerung 
der Kolbengeschwindigkeit bei Pumpen gekämpft. Die 
gesteuerten Ventile sind ihm nur ein Mittel für diesen 
übrigens auch mit ungesteuerten Ventilen — wenn 
auch nicht so sicher — erreichbaren Zweck gewesen. 
Die grossen Vorteile der rasch laufenden Pumpen 
werden in Verringerung der Anlage- und Betriebskosten, 
sowie Erhöhung der Betriebssicherheit gesucht. Denn 
rascher Gang ermöglicht geringe Hublängen der 
Maschine, geringe Grundfläche, geringe Abmessungen 
und Gewichte, und schneller laufende Dampfmaschinen 
haben in den hier in Betracht kommenden Grenzen 
weniger Dampfverbrauch als solche mit geringer 
Kolbengeschwindigkeit. Was aber die Erhöhung der 
Betriebssicherheit betrifft, so ist zu beachten, dass es 
bei rascherem Gange kleinere Wassermassen sind, die 
im einzelnen Kolbenhub zu bewegen sind und die da 
her mit kleineren Kräften und geringeren Beanspruch 
ungen und Gefahren bewältigt werden können, als die 
grossen Wassermassen, die ein Kolbenhub bei langsam 
gehenden Pumpen abschneidet. Ganz unabhängig von 
der Kolbengeschwindigkeit bleibt ja die Geschwindigkeit 
der Wassersäule in dem Sauge- und Druckrohr. 
Noch sind die rasch laufenden Pumpen nicht die 
Regel; die Ansicht, dass grosse Pumpenanlagen langsam 
laufen müssen, ist zu tief eingewurzelt. Immerhin war 
hier auf diese Bestrebungen als auf ein für die Ent 
wicklung des Pumpenbaues wichtiges Moment zu ver 
weisen. 
Die drei grossen Gruppen von Kolbenpumpen, die 
mit ihrer Bedeutung nach gehobenen Wassermengen 
den gesamten übrigen Pumpenbau vollkommen er 
drücken und überdies auch in Berlin, soweit es Pumpen 
baut, überwiegen, sind die Wasserhaltungsmaschinen 
für Bergwerke, die Wasserwerksmaschinen zur Trink- 
wasserbeschaffung für Städte und die Pumpmaschinen 
für Schwemm-Kanalisation. Die Berliner Maschinen 
fabriken, die den Bau dieser Anlagen seit Jahrzehnten 
mit bestem Erfolge betreiben, sind A. Borsig, die Bcrl. 
Maschinenbau-A.-G. vorm. L. Schwartzkopff, die Aktien- 
Gesellschaft für Eisengiesserei und Maschinenfabrikation 
vorm. J. C. Freund, Charlottenburg, die Schiffs- und 
Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft »Germania« in Tegel 
(aus Egells hervorgegangen, jetzt Krupp gehörig), 
C. Hoppe und die 1872 errichtete Maschinenfabrik Cylclop 
(Mehlis & Behrens). Die einen begünstigen mehr die 
Bergwerkspumpen, die anderen mehr die Stadtpumpen. 
Freund hat vor zwei Jahren ein neues System von 
Wasserwerks-Pumpmaschinen eingeführt, welches vor 
nehmlich da Anwendung findet, wo die Pumpen unter 
Flur des Maschinenhauses aufgestellt werden müssen. 
Dieses System hat sich sehr schnell Eingang ver 
schafft, und es ist jetzt bereits die vierte Anlage für 
die Stadt Halle in der Aufstellung begriffen. 1896 
lieferte Freund 6 Pumpmaschinen mit 366 Pferdekräften.
	        
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